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Waldkindergärten:Naturpädagogik im Schwarzbau

Milde Tage

Das Konzept der Waldkindergärten sieht vor, dass die Kinder möglichst viel im Freien toben.

(Foto: Philipp Schulze/dpa)

Während sich die alternativen Tagesstätten an ihren Stützpunkten zunehmend häuslich einrichten, achten die Forstbehörden verstärkt auf die Einhaltung der Vorschriften. In Höhenkirchen muss eine Einrichtung deshalb umziehen.

Die Erzieherinnen und die Kinder von den "Wichtelmäusen" und der "Wichtelrunde" packen ihre sieben Sachen. Der Waldkindergarten der Arbeiterwohlfahrt verlässt den Höhenkirchner Forst. Es geht raus auf eine Wiese nahe dem Waldfriedhof. Der unfreiwillige Umzug steht beispielhaft für eine Entwicklung: Waldkindergärten richten sich über die Jahre mehr und mehr mit Bauten ein. Und Behörden schauen mittlerweile genauer hin. Ein Vordach an einem Bauwagen kann da zum Problem werden. Der Landesverband Waldkindergärten befürchtet, dass so pädagogisch sinnvolle, geschätzte Einrichtungen Schaden nehmen.

Die Wichtelmäuse und die Wichtelrunde haben ein schönes Zuhause. Es gibt Spielflächen, Spielgeräte und natürlich stehen da die Bauwagen, die zum Schutz vor Regen und Schnee mit Vordächern versehen sind. Die Kinder sollen ja auch mal im Freien im Trockenen sitzen und im Stillen arbeiten können. Doch genau dieser Wetterschutz werde nicht mehr geduldet, sagt Thomas Kroll, Fachbereichsleiter für Kindertagesstätten bei der Arbeiterwohlfahrt im Landkreis München.

Der Waldkindergarten liegt im Staatsforst. Als die Pachtverlängerung anstand, kam laut Wilhelm Seerieder, Leiter des Forstbetriebs im Raum München, die Frage auf, ob die Bauten im Wald mit dem Wald- und dem Baurecht noch vereinbar sind. Die Bayerischen Staatsforsten, sagt Seerieder, seien Waldkindergärten gegenüber äußerst "positiv eingestellt".

Doch das Amt für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten in Ebersberg sowie das Landratsamt hätten wald- und baurechtlich die Aufsicht. Und da gebe es Probleme. "Es soll ja Wald bleiben", sagt Seerieder. Der Bautätigkeit seien Grenzen gesetzt. Bürgermeisterin Ursula Mayer (CSU) räumte kürzlich im Bauausschuss des Gemeinderats unumwunden ein: "Da draußen stehen Schwarzbauten." Und: Die Staatsforsten wollten "keine Möblierung des Waldes".

Die festen Vordächer haben aus den Bauwagen im Höhenkirchner Forst Schwarzbauten gemacht.

(Foto: Arbeiterwohlfahrt)

Es sind neue Töne. Waldbesitzer, Behörden und Rathäuser drückten lange ein Auge zu, wenn sich Waldkindergärten etablierten. Doch das ändert sich gerade, wie der Vorsitzende des Landesverbands Waldkindergärten, Franz Huber, beobachtet. Er macht das an der bayernweit immens gestiegenen Zahl an Kindergärten fest, die sich der Pädagogik unter freiem Himmel verschrieben haben.

Als Huber vor 20 Jahren erste Waldkindergärten gründete, gab es seiner Einschätzung nach landesweit vielleicht 15 oder 20. Heute geht er von etwa 450 Waldkindergärten aus. Laut Seerieder gibt es 21 alleine im Einzugsbereich seines Forstbetriebs. Und Huber sieht außerdem kritisch, wenn etablierte Waldkindergärten baulich Stück um Stück aufrüsten.

Der verständliche Drang von Eltern, dass es die Kinder bequem haben sollen, kann seiner Meinung nach aber übers Ziel hinausschießen. Mit "Naturpädagogik" habe das dann nicht mehr unbedingt zu tun. Auf der anderen Seite dürften Behörden nicht überziehen: Da gibt es Bescheide, dass Bauwagen weichen sollen, weil angeblich Baumfallgefahr besteht. Er kennt Fälle, in denen gar ein ordentlicher Wasser- oder Kanalanschluss im Wald gefordert wurde.

Aber im Gespräch, sagt Huber, sei fast jedes Problem zu lösen. In Höhenkirchen hätte aus Sicht von Thomas Kroll jedenfalls mit etwas Nachsicht der Waldkindergarten fortbestehen können. Die Vordächer an den Bauwagen seien das Problem gewesen, sagt er und nennt als positives Beispiel, dass in einem Privatwald nahe dem Wildpark Poing bei einem Waldkindergarten ein neuer, schöner Bauwagen samt Vordach genehmigt worden ist.

In Höhenkirchen fiel vor längerer Zeit schon die Entscheidung, das Gelände im Wald zu verlassen. Die Wichtel sind dort bis heute geduldet. Die Gemeinde suchte nach einer Alternative und tat sich damit anfangs recht schwer. Erst sollten die Kinder auf dem Areal der ehemaligen Munitionsfabrik Muna unterkommen.

Doch dort ist der Boden mit Giftstoffen belastet. Aus Sorge vor verbliebenen Kampfmitteln blies man das Projekt ab. Schließlich kam man auf eine 7000 Quadratmeter große Wiese westlich der Miesbacher Straße, die die Gemeinde gekauft hat, um sie bei Bedarf als ökologische Ausgleichsfläche einzubringen, sobald das wegen Bauprojekten am Ort notwendig werden würde.

Dort werden die Kinder nun als "Feld- und Wiesenkindergarten", wie im Gemeinderat gescherzt wurde, eine neue Bleibe bekommen. Wobei Eltern und Erzieherinnen auf der einen Seite und Bürgermeisterin Mayer auf der anderen darum rangen, ob die Bauwagen am Waldrand oder auf der von der Sonne stärker beschienen nördlichen Grundstückshälfte stehen sollen. Den Ausschlag gab das Argument des Kindeswohls.

Und das heißt: Die Gemeinde verzichtet auf die Option, mit einer noch anzulegenden Streuobstwiese auf der sonnigen Seite des Areals die Ökofläche bei Bedarf aufzuwerten. Die Kinder sollen nun, wenn sie schon raus müssen aus dem Wald, von der Sonne profitieren. Die Leiterin des Waldkindergartens, Gretel Heinrich, sagte, es sei unangenehm im Winter, wenn das Eis im Schatten nicht taue. Etwas Komfort müsse schon sein.