Wahlbeobachter:Mindestlohn und zweiter Pass

Hanifi Torun Kolumne Wahlbeobachter

Hanifi Torun.

(Foto: privat)

Hanifi Torun fühlt sich als Türke schlecht repräsentiert

Protokoll von Alina Willing, Garching

Hanifi Torun verließ 1973 mit seinen Eltern die Türkei und lebt seitdem in Deutschland. Er ist einer der Gründer des FC Türk Sport in seinem Wohnort Garching und war mehr als 35 Jahre lang ehrenamtlich in verschiedenen Funktionen tätig. Der 56-Jährige arbeitet als Industriemechaniker und hat die türkische Staatsbürgerschaft.

"Ich interessiere mich generell für Politik, aber erst recht in Deutschland, weil ich hier seit fast 50 Jahren lebe. Ich darf in der Türkei wählen, es kam aber bis jetzt nur einmal dazu. Vor einigen Jahren konnte man als Türke in Deutschland auch wählen - und da habe ich das erste Mal in meinem Leben überhaupt gewählt. Jede Partei hier ist so wie überall auch. Vor den Wahlen werden Sachen versprochen, von denen vieles meiner Meinung nach nur die halbe Wahrheit ist. Im Moment geht es ja um Stimmen, deshalb wird versucht, vieles schönzureden, wie ich finde. Aber was tatsächlich nach den Wahlen kommt, muss man einfach abwarten. Das ist zum Beispiel beim Mindestlohn so, das Thema interessiert mich persönlich sehr. Der soll ja erhöht werden, aber ob es wirklich dazu kommt? Schauen wir mal, ich bin da etwas skeptisch. Repräsentiert fühle ich mich eher weniger. Man ist der Ausländer und bleibt der Ausländer. Wir leben in einer Demokratie, aber das heißt für mich eigentlich: Wenn ich fast 50 Jahre in einem Land lebe, dann müsste ich gewisse Entscheidungen auch mit meiner Stimme beeinflussen dürfen. Warum bekomme ich zum Beispiel nicht die doppelte Staatsbürgerschaft? Ich bin hier aufgewachsen, in die Schule gegangen, habe hier meine Lehre gemacht, arbeite und zahle meine Steuern hier wie jeder andere. Aber: Ich darf bei den Wahlen nicht mitreden. Wenn ich die Möglichkeit hätte, würde ich schon meine Stimme abgeben. Aber eigentlich gab für mich nie einen Anlass, die deutsche Staatsbürgerschaft zu beantragen. Ich sehe einfach keine Vorteile darin, weil ich genau dieselben Rechte und Pflichten habe wie deutsche Bürger auch."

Fast ein Fünftel der Bevölkerung im Landkreis München sind keine deutschen Staatsbürger. Viele dieser Menschen leben schon lange hier, zahlen Steuern und Sozialversicherungsbeiträge. Doch selbst wenn sie EU-Bürger sind, dürfen sie in Deutschland auf nationaler Ebene nicht wählen. An dieser Stelle erzählen einige von ihnen, wie sie auf die Bundestagswahl blicken.

© SZ vom 20.09.2021
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