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Nachwuchsmangel:Mit Talenten den Beruf aufpolieren

Auszubildender in der Berufsschule

Im Landkreis fehlen noch immer Auszubildende kurz vor dem Start des neuen Ausbildungsjahres.

(Foto: Daniel Bockwoldt/dpa)

Viele Betriebe im Landkreis München suchen noch immer Azubis - aber nicht um jeden Preis

Landkreis - Nico Scheller, Gründer der "Lokalbäckerei Brotzeit", macht sich keine Sorgen um den Ausbildungsstart am 1. September. Zwar hat die Bäckerei mit Filialen in Grünwald und Pullach aktuell keine neuen Azubis und wäre grundsätzlich auf der Suche, anders als viele Kollegen sind sie aber auch nicht auf den Nachwuchs angewiesen. Mit etwas mehr als 50 Mitarbeitern, unter ihnen Absolventen von Meisterschulen und Quereinsteiger, ist die Brotzeit aktuell ausreichend aufgestellt. Und tatsächlich sind sie auch weniger vom Bewerbermangel betroffen, einige waren auch schon zum Probearbeiten da. Insgesamt fehle es aber an Qualifikation. Denn der Betrieb möchte das Image des Berufs aufpolieren und das Handwerk in den Vordergrund stellen: "Uns ist es sehr wichtig, auszubilden und für unseren Berufsstand richtig auszubilden", sagt Scheller. Das heißt, mit einem unterschriebenen Ausbildungsvertrag durchläuft man auch alle Stationen und ist nicht nur als einfache Arbeitskraft im Haus.

Der Branchenweite Azubimangel sei allerdings "enorm", sagt Scheller. Das schade auch dem Handwerk: Wenn Kollegen auf Azubis angewiesen seien und vielleicht auch Bewerber mit nicht ausreichender Qualifikation aufnehmen müssten, wirke das als Wachstumsbremse, sagt Scheller. Sein Betrieb plant erst einmal ohne Azubi, hofft aber, zum Beispiel auf Messen auch nach dem 1. September noch das ein oder andere junge Talent zu finden.

Noch einfacher hat es die Tierklinik Oberhaching: Junior-Personalreferentin Marion Fröhlich berichtet von vierzehn neuen Mitarbeitern, die sich zum Tiermedizinischen Fachangestellten ausbilden lassen möchten. In den letzten Jahren habe die Tierklinik keine große Schwankungen bei den Bewerberzahlen festgestellt, das "Thema Tier" habe einen hohen Stellenwert bei vielen Schulabgängern.

Wenn die Oberhachinger Azubis am Montag, 3. September, bei ihnen starten, sollen sie durch einzelne Präsentationen an die verschiedenen Bereiche im Betrieb herangeführt werden. Ein gemeinsames Projekt soll während der Einführungstage beim Ankommen helfen. Von Mittwoch an werden die Azubis dann langsam in den Alltag der Tierklinik eingeführt.

Nach letztem veröffentlichten Stand der Bundesagentur für Arbeit meldeten die Ausbildungsbetriebe noch 905 freie Stellen im Landkreis München. Gleichzeitig hatten Ende Juli 371 Interessenten noch keinen Ausbildungsplatz gefunden.

Doch was ist den Bewerbern bei der Suche nach einem Ausbildungsplatz wichtig? Fragt man beim Landratsamt München nach, erfährt man, dass Jugendliche, die sich dort beraten lassen, Wert auf Anerkennung, empathische Vorgesetzte und Gleichaltrige im Betrieb legen. Auch Verständnis für persönliche Einschränkungen oder psychische Problemlagen würden die Bewerber sich wünschen. Zur Frage, ob Bewerber es eher im Landkreis oder der Stadt versuchen, sagt das Landratsamt: "Grundsätzlich tendieren die Jugendlichen zu einem Ausbildungsplatz in Wohnortnähe - unabhängig davon, ob dies im Landkreis oder der Stadt München ist. Gründe hierfür sind Fahrtkosten, Zeitaufwand, Gewohnheit - man kennt sich in seinem eigenen Umfeld am besten aus."

Ansprechpartner des Jobcenters findet man auch im Jibb ("Junge Menschen in Beruf und Bildung"), einem Gemeinschaftsprojekt für die Stadt und den Landkreis der Regierung von Oberbayern, dem Jobcenter und der Agentur für Arbeit. Für alle Bewerber, die noch keinen Ausbildungsplatz gefunden haben, bietet das Jibb am Montag, 3. September, von 10 bis 13 Uhr eine Informationsveranstaltung in München in der Kapuzinerstraße 30 an. Die Veranstaltung wird in diesem Jahr zum ersten Mal angeboten, einen erhöhten Bedarf im Vergleich zu den vergangenen Jahren sehen die Veranstalter allerdings nicht. Das Jibb erwartet zwischen 100 und 200 Teilnehmer. Der Eintritt ist frei, eine Anmeldung nicht erforderlich. Interessierte sollten allerdings Ausweispapiere und, falls vorhanden, Bewerbungsunterlagen mitbringen.

Kurz vor Ausbildungsstart blickt auch Christoph Leicher, Chef der Industrie- und Handelskammer (IHK) im Landkreis München, "mit einer gewissen Sorge" auf den Ausbildungsmarkt - es gebe, sagt Leicher, ein unausgeglichenes Verhältnis zu Lasten der Betriebe. Doch der IHK-Vorsitzende kann auch Positives vermelden; mittlerweile, das besagen die Statistiken, werden nahezu zehn Prozent aller Ausbildungsverträge im Landkreis mit Geflüchteten abgeschlossen.

© SZ vom 27.08.2018/lb
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