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Vorausgeschaut:Hightech für Rollstühle

Alfred Lindner kennt sich aus mit Rollstühlen und er hat ein Team, auf das er baut. "Das Team ist geschlossen, es hält zusammen", sagt er.

(Foto: Claus Schunk)

Die Rolli-World in Kirchheim erhält für ihr behindertenfreundliches Firmenkonzept eine Auszeichnung vom bayerischen Sozialministerium

Alfred Lindner ist überzeugt von der Technik. "Wenn man auf dem Mars Spielzeugautos fahren lassen kann, dann kann man auch hier alles machen. Dann ist es technisch möglich, jemandem zu helfen", sagt der Chef der Rolli-World GmbH in Kirchheim. Seine Firma, die 2005 gegründet wurde, hat es sich zum Ziel gesetzt, Rollstuhlfahrer bestmöglich zu beraten und auszustatten. Lindner, der seit 1977 selbst im Rollstuhl sitzt, folgt der Firmenphilosophie "Von Rolli zu Rolli, von Handicap zu Handicap". Dabei arbeiten in dem Betrieb nicht nur Rollstuhlfahrer, in der Rolli-World haben aber mehr als 50 Prozent der Mitarbeiter eine Behinderung, darunter auch Auszubildende. Für diese Personalpolitik bekommt das Unternehmen nun das Emblem des bayerischen Sozialministeriums "Inklusion in Bayern - Wir arbeiten miteinander" verliehen.

Barrierefreiheit ist in dem Betrieb kein Thema. Es gibt einen Aufzug, Behindertentoiletten, höhenverstellbare Tische in der Werkstatt und in den Büros, die Griffe an den Fenstern sind so niedrig montiert, dass sie auch ein Rollstuhlfahrer öffnen kann und auch die Schränke in der Gemeinschaftsküche hängen extra niedrig. Die Mitarbeiter duzen sich und Lindner lobt sein Team in den höchsten Tönen. Er betont, bei Stellenausschreibungen würden Menschen mit Schwerbehinderung bevorzugt. "Epilepsie, Querschnittslähmung, psychische Störungen, das spielt alles keine Rolle", sagt er, aber die Leute müssten ihre Arbeit machen und ins Team passen. Dabei räumt er ein, dass es für die Nichtbehinderten "auch nicht immer ganz einfach" sei. Sie müssten manchem Kollegen helfen, etwa etwas zu heben, oder auch mal Verantwortung übernehmen und bestimmte Arbeiten nachkontrollieren. "Ohne diese Akzeptanz könnten wir das nicht machen. Aber es funktioniert. Der Erfolg gibt uns recht", sagt der 60-Jährige.

Seine Firma hat er mit zwei anderen zusammen 2005 in einer Garage in Kirchheim gegründet. Zu diesem Zeitpunkt hatte Lindner schon längere Zeit in der Reha-Branche gearbeitet und ein Netzwerk aufgebaut. Es waren viele Kunden, die ihn ermunterten, sich selbständig zu machen. Im Zentrum steht die Aktiv-Versorgung, also die individuelle Versorgung aktiver, trotz ihrer Behinderung selbständiger, überwiegend berufstätiger Rollstuhlfahrer. Sie sollen mit entsprechenden Hilfsmitteln ihren selbstbestimmten Alltag meistern können, zu dem Lindner auch den Sport zählt. Er selbst hat lange Jahre in verschiedenen Ligen Basketball und Rugby gespielt und war beim Rollstuhl-Tanz aktiv. "Der Sport hat mir sehr geholfen", sagt er, denn nach dem Unfall, bei dem er hinten als Beifahrer im Auto saß, habe er sein Leben komplett umkrempeln müssen.

Lindner bewegt sich ganz selbstverständlich durch die neuen Räume, die der Betrieb 2015 bezogen hat - die alten waren schlicht zu klein geworden. Da stehen unterschiedlichste Modelle und Dutzende von Reifen. "Viele wissen gar nicht, wie gut man sie tauschen kann", sagt Lindner. Er stellt sich vor, dass die Kunden ihre Rollstühle wie ein Rennradfahrer sein Rad zusammenstellen kann. Dabei spiele das Gewicht eine zentrale Rolle, denn viele säßen in Rollstühlen, die zu schwer für sie sind. "Es gibt große Unterschiede vom Gewicht her, die auch zur Behinderung passen müssen." Gerade bei Kinderrollstühlen würde viel falsch gemacht. Er erzählt von einem Opa, der vorbeikam und einen kleinen Rollstuhl dort stehen sah, den er für seine Enkelin haben wollte. Die Kleine wusste erst nichts damit anzufangen, "aber als wir ihn dann wegnehmen mussten, um genau abzumessen, da hat sie geheult", erzählt Lindner, der den Schritt in die Selbständigkeit nie bereut hat: "Ich konnte sehr vielen Menschen helfen. Das stimmt einen immer wieder froh." Um diese Hilfe zu gewährleisten ist Lindner ständig auf der Suche. Er geht auf jede Messe, um technische Neuerungen zu finden, die er für seinen Bereich verwenden kann. Er hat ja sein Team, "das viele Aufgaben übernimmt, wenn ich nicht da bin." Unter anderem arbeiten auch seine zwei Söhne inzwischen bei Rolli-World.

Die Auszeichnung des bayerischen Sozialministeriums kam für Lindner überraschend, das sei nicht das Ziel gewesen. Aber jetzt habe sich die Firma beworben für den Inklusionspreis der Wirtschaft in Berlin, denn das Team der Rolli-World erfüllt alle Voraussetzungen. Ob höhere Abgaben der richtige Weg sind, Arbeitgeber dazu zu bringen, mehr Menschen mit Behinderung einzustellen, bezweifelt Lindner. "Mehr miteinander reden, mehr aufklären und sich das anschauen", empfiehlt er stattdessen anderen Chefs.