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Volksmusik:"Wir möchten Brücken bauen"

Die beiden neuen Kreisvolksmusikpfleger Bärbl Chalupper und Hubert Zellner sehen ihre Aufgabe nicht nur im Bewahren von traditionellen bayerisch-alpenländischen Klängen. Sie haben sich vorgenommen, über den Tellerrand zu schauen und sind offen für Neues

Interview von Laura Zwerger, Landkreis

Nach 25 Jahren als Kreisvolksmusikpfleger ist Hans Lederwascher in den Ruhestand gegangen, nun haben Bärbl Chalupper und Hubert Zellner die Pflege der bayerischen Volksmusik im Landkreis München übernommen. Sie möchten die Volksmusik in der Region nicht nur vor dem Vergessen bewahren, sondern auch offen für neue Entwicklungen sein. Ihre Aufgaben haben sie aufgeteilt: Chalupper kümmert sich um die Kinder und die frühe musikalische Bildung, Zellner nimmt sich der Heimatvereine und der bayerisch-alpenländischen Musik an.

SZ: Frau Chalupper, Herr Zellner, Sie treten nun in Herrn Lederwaschers große Fußstapfen. Haben sie sich schon eine Strategie zurecht gelegt, wie Sie die Tradition in der Moderne bewahren können?

Chalupper: Zuallererst möchten wir eines betonen: Auch die Volksmusik geht mit der Zeit - und das bedeutet, offen für Neues zu sein und über den Tellerrand zu sehen.

Über den Tellerrand - wohin?

Zellner: Es gibt nicht nur die bayerische Volksmusik, sondern Volksmusik gibt es überall. Man muss andere Ausprägungen ebenso gelten lassen und kann hier auch verbinden, allerdings ist es immer Gratwanderung: Wir möchten nämlich verbinden, ohne dabei zu vermischen - man muss die Wurzeln ja schließlich bewahren.

Frau Chalupper, Sie sind selbst Musikpädagogin und Erzieherin in einer Kindertagesstätte in der Gemeinde Haar und bringen bereits viel Erfahrung in beruflicher als auch persönlicher Hinsicht mit - was haben Sie mit den Kindern in Zukunft so vor?

Chalupper: Ich möchte den Nachwuchs schon im frühen Kindesalter fördern, mit ihnen viel Musik machen oder auch Musiktreffen gemeinsam mit den Familien organisieren. Dazu gehört für mich auch, dass man auf traditionellen Instrumenten spielt und im Dialekt singt. Ich selbst habe seit meiner Jugend Zither, Percussion, Flöte und noch weitere Instrumente gespielt, bin mit der Musik und der bairischen Mundart groß geworden.

Nicht zu bremsen: Musiker der Blaskapelle Höhenkirchen-Siegertsbrunn spielen selbst im Kettenkarussel.

(Foto: Claus Schunk)

Abgesehen vom musikalischen Können: Verstehen Kinder heutzutage denn überhaupt noch Bairisch?

Chalupper: Tatsächlich sprechen nur noch wenige Kinder meiner Erfahrung nach Bairisch, etwa ein Drittel einer Kindergartengruppe. Wobei es im Landkreis mehr als in der Stadt sind. Wörter aus dem Dialekt zu lernen, das finden Kinder aber immer noch spannend, und sie hinterfragen auch die Geschichten dahinter.

Wenn im Umland Bairisch noch stärker verwurzelt ist als in der Stadt - haben Sie als Volksmusikpfleger dann leichteres Spiel im Landkreis?

Zellner: In ländlichen Strukturen wird tatsächlich noch mehr im Dialekt gesprochen und auch das Vereinsleben ist noch stärker ausgeprägt. Wächst man auf dem Land auf, wird man entweder Sportler oder tritt in einen Heimat- oder Musikverein ein (lacht). So wie ich, ich bin in den Trachtenverein und zu den Schützen, mache Stubenmusik und bin in einigen weiteren Gruppen vertreten. Die Stubenmusik stand von je her im Vordergrund. Wobei das aber auch immer vom Gebiet abhängt und davon, wie die Gemeinde strukturiert ist - so mag das zwar auf meinen Heimatort Arget zutreffen, in manch stadtnahen Gemeinden mag das aber anders sein.

Setzen Sie demnach lieber in den ländlich strukturierten Gemeinden an?

Zellner: So würde ich das nicht sagen. Wir wünschen uns eher, dass von überall junge Menschen zusammenkommen und wir sie miteinander vernetzen können. Dafür werde ich mich verstärkt um bereits bestehende Gruppen kümmern und Verbindungen herstellen. So könnte ich beispielsweise einen einzelnen Musiker einer Gruppe vorstellen oder auch Veranstaltungen organisieren, auf denen sich Menschen treffen und vernetzen können.

Hubert Zellner und Bärbl Chalupper wollen frischen Wind in die Volksmusikszene bringen.

(Foto: Claus Schunk)

Was für Veranstaltungen haben Sie dafür im Sinn?

Zellner: Zum einen werden wir sechsmal im Jahr zu einem Volksmusikstammtisch einladen, zum anderen planen wir aber auch neue Gruppentreffen oder Volksmusikseminare, bei denen gemeinsam musiziert werden kann. Wichtig ist uns dabei aber eines: Wir haben keine Lehrfunktion, sondern wir pflegen, bewahren und vernetzen.

Gibt es dabei auch Grenzen? Gehören zur Volksmusik, die sie bewahren möchten, beispielsweise auch moderne Gruppen wie La Brass Banda?

Zellner: Ich sehe solche Gruppen eher als ein Projekt - ob das eine Musikrichtung ist, die sich niederschlägt, weiß ich nicht. Für uns ist es aber ein Vorteil, dass Jugendliche dadurch wieder an die Volksmusik herangeführt werden. Letztendlich muss man die Musik wie einen Baum sehen: Man muss ihn pflegen und wissen, wo die Wurzeln sind, aber ihm auch Luft zum Atmen lassen. Dabei kann man auch einmal einen Ast veredeln und Projekte wie diese modernen Bands sehe ich genau dort.

Chalupper: Und man darf eines nicht vergessen - die Mundart wird dabei zumindest schon mal gepflegt. Eben das ist damit gemeint, dass man über den Tellerrand schauen muss, wenn man die Tradition dauerhaft bewahren möchte.

Sie verstehen Ihre Arbeit also als einen Schritt nach vorne, bei dem Sie gleichzeitig der Tradition stets nahe bleiben?

Chalupper: Wir möchten Brücken bauen im Landkreis, zwischen Menschen oder auch zwischen unterschiedlichen Kulturkreisen.

Zellner: Und in unserer größtenteils von den Medien und der Zeit gesteuerten Gesellschaft gilt es, Werte zu vermitteln. Für ein stabiles und gesellschaftliches Miteinander sind Werte unerlässlich. Brauchtum als eine der Grundsäulen der bayerischen Kultur spiegelt sich nicht zuletzt in der geselligen Art der Volksmusik wieder.

Ist es das, was an der bayerischen Tradition auch weiterhin begeistern wird: die Geselligkeit?

Zellner: Ja, das ist eine Eigenschaft, die dem Bayerischen immer bleiben wird. Da kommt man einfach mal noch aus dem Alltag raus.

© SZ vom 09.05.2017
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