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Wiedereröffnung:Bewährungsprobe für die Volkshochschulen

Volkshochschulen

Ende Mai sind Präsenzkurse an den Volkshochschulen wieder erlaubt.

(Foto: dpa)

Auch wenn Präsenzkurse Ende Mai wieder erlaubt werden, fürchten die Leiter der Erwachsenen­bildungseinrichtungen im Landkreis massive finanzielle Schäden. Denn noch ist nicht klar, wie die Vorgaben und Hilfen aussehen.

Von Gudrun Passarge, Ottobrunn/Garching

Christof Schulz und all die anderen Leiter einer Volkshochschule können ein wenig aufatmen. Nachdem sich bereits überall in Bayern Protest formiert hatte, hieß es nach der Kabinettssitzung am Dienstag: Präsenzveranstaltungen in der Erwachsenenbildung sollen vom 30. Mai an unter Auflagen wieder erlaubt sein. Dennoch sagt Schulz, Leiter der VHS Süd-Ost mit Sitz in Ottobrunn: "Ich kann den Schalter nicht einfach so umlegen." Vor allen Dingen wisse er noch nichts über die Bedingungen. "Eine Eröffnung ist nur dann etwas wert, wenn die Konditionen auch so sind, dass sie umsetzbar sind." Und auch der Chef der VHS im nördlichen Landkreis, Lothar Stetz, sagt, zehn Tage früher wäre die Entscheidung besser gewesen. "Jetzt müssen wir versuchen, mit drei blauen Augen davonzukommen."

Die Lockerungsmaßnahmen in Corona-Zeiten wurden von vielen sehnlich erwartet. Doch während Geisterspiele in der Bundesliga stattfinden und selbst Glückspielhallen wieder öffnen durften, redete niemand von den Volkshochschulen. "Es ist eine ernüchternde Erfahrung, dass man in der politischen Wahrnehmung nicht so die Bedeutung hat, die man sich selbst beimisst", sagt Stetz und sein Kollege Schulz erinnert an die circa zwei Millionen Menschen in Bayern, die das Angebot der Erwachsenenbildung nutzen. "Um diese Menschen hat sich keiner Gedanken gemacht."

Für die Volkshochschulen war die lange Schließung zum Teil sogar existenzbedrohend. Die elf Volkshochschulen im Landkreis hatten erst in dieser Woche auf ihre eigene Situation und auch die der 3000 freiberuflichen Dozenten hingewiesen. Den Referenten nutzte die Corona-Soforthilfe des Freistaats auch nichts, da sie keine Betriebskosten vorlegen konnten. Die Volkshochschulen selbst finanzieren sich im Durchschnitt zu 40 Prozent aus den Kursgebühren, außerdem erhalten sie Förderungen von Kommunen oder dem Freistaat und Geld für Projekte wie etwa von den Jobcentern. Schulz und auch Stetz sprechen davon, dass sie sich in der Vergangenheit ein kleines Polster zugelegt haben, von dem sie nun in der Krise profitieren konnten. Dennoch haben beide Kurzarbeit angezeigt. "Sie ist nicht vom Tisch", sagt Schulz. Sein Kollege Stetz jedoch findet, Kurzarbeit sei "wahrscheinlich nicht umsetzbar", denn viele Kollegen hätten jetzt mit den Vorbereitungen auf das Programm, das unter strengen Hygieneauflagen stattfinden darf, mehr zu tun als vorher. Dennoch sagt auch er: "Einige wenige werden in Kurzarbeit gehen."

Die Einrichtungen im Landkreis seien gut vorbereitet

Dass jetzt endlich ein Termin steht, wann es weitergeht, bezeichnet die Leiterin des Bayerischen Volkshochschulverbands, Regine Sgodda, als "sehr gute Nachricht". Zumal es auch noch die Ansage gibt, dass die Staatsregierung Erwachsenenbildung und auch die Dozenten mit 30 Millionen Euro fördert. "Da fehlt uns noch die genaue Information", sagt Sgodda, es sei noch unklar, wer welches Geld beanspruchen könne. Trotzdem spricht sie von einem wichtigen Schritt für die Volkshochschulen, damit sie jetzt wieder loslegen können.

Die Einrichtungen im Landkreis sind nach eigener Aussage gut vorbereitet. "Hygiene- und Raumkonzepte sind bereits erarbeitet", heißt es in dem Brief von dieser Woche. Lothar Stetz präzisiert, dass sogar Räume schon umgebaut wurden dafür. Dennoch weist auch er darauf hin, dass es nicht gleich am 30. Mai wieder mit einem Komplettprogramm losgehen wird. Vor allem sind dann Pfingstferien, was nicht ganz einfach einzuplanen ist. Überhaupt sei es fraglich, ob alle Teilnehmer wieder dabei sind. Manch einer gehöre vielleicht zur Risikogruppe und wolle deswegen lieber noch zu Hause bleiben.

"Wer bleibt zu Hause?"

Auf jeden Fall rechnen die VHS-Leiter mit kleineren Kursen, was auch zu Problemen führen könne. "Wenn ein Kurs zwölf Teilnehmer hat, in den Raum aber nur sechs reindürfen, wer bleibt dann zu Hause?", fragt Stetz. Allerdings sei die VHS-Nord in der glücklichen Lage, über mehrere Häuser zu verfügen, so dass ein abgestimmtes Raumprogramm erstellt werden kann. "Wir müssen aber noch viel improvisieren." Auf jeden Fall werde es auch weiter Online-Angebote geben, vielleicht gebe es so auch "interessante Kompromisse" für die Teilnehmer. Die VHS Nord will die eingeführten und teilweise seit Jahren schon bestehenden Sprachkurse fortführen und das Semester teils bis in den August verlängern. Einnahmeausfälle gebe es trotzdem. "Wir haben schon viele Kursgebühren zurückerstattet."

Christof Schulz berichtet, die VHS Süd-Ost habe das Semester abgebrochen und konzentriere sich jetzt auf den Herbst. Aber auch für den Sommer soll es noch Präsenzangebote geben. Er sieht in der Krise auch eine Bewährungsprobe: "Welche Veränderungen sind jetzt nötig, dass es uns auch noch in 100 Jahren gibt?" Dabei setzt Schulz sich das Ziel, trotz der Distanz eine Atmosphäre zu schaffen, in der sich die Teilnehmer in der VHS zu Hause fühlten. Finanziell erwartet auch er Einbrüche. "2021 wird das Jahr der Wahrheit", sagt Schulz, denn die Zuschüsse der Kommunen richteten sich nach den Fallzahlen. Und die sehen für 2020 nicht rosig aus. Bleibt der Rettungsschirm des Freistaats, von dem niemand weiß, wie er aussieht.

© SZ vom 27.05.2020/hilb

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