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Virtuelles Mahnmal "Memory Loops":"Kein Historiker würde so arbeiten"

SZ: Was unterscheidet Ihr Projekt von einem normalen Audio-Guide im Museum?

"Es war ja gewünscht, dass das Denkmal in seiner Form jüngere Generationen anspricht": Melián über ihr Kunstwerk.

(Foto: Memory Loops)

Melián: "Memory Loops" ist ein Kunstwerk, kein Historiker würde so arbeiten. Es gibt keine Moderatorenstimme, keine zusätzlichen Erklärungen. So wird, wenn man eine Tonspur wählt, nur die Adresse angezeigt, nicht, wer über was spricht. Die Nutzer sollen nicht schon vorher wissen, was sie erwartet. Sie müssen sich die Zeit nehmen und zuhören, denn manchmal erfährt man auch erst nach ein paar Minuten, wer spricht.

SZ: Herauszufinden, welche Perspektive der Sprecher hat, ist auch deshalb schwierig, weil Sie alle Texte mit Schauspielern neu aufgezeichnet haben. Da gibt es zum Beispiel ganz nüchtern vorgetragene Berichte von Frauen, die zwangssterilisiert wurden. Warum sind keine Originaltöne zu hören?

Melián: Die Ausgangstonquellen aus den Archiven sind sehr unterschiedlich in der Qualität, und oft existiert ein Interview nur in verschriftlicher Form. Die Menschen, die ich selbst für das Projekt interviewt habe, sind heute alle schon sehr alt. In der Produktion wollte ich alle Stimmen auf das gleiche technische und ästhetische Niveau bringen. Und ich habe vor allem junge Stimmen genommen, so hole ich das Material viel näher an die Gegenwart. Die Schauspieler haben die Regieanweisung bekommen, leise zu sprechen, ohne Pathos.

SZ: Und warum lesen Kinder die Gesetze und Erlasse vor?

Melián: Das Amtsdeutsch dieser Texte kommt einem vertraut vor, wenn Erwachsene sie lesen. Auch bekommt das Material dann leicht diesen bekannten Naziverlautbarungsduktus. Die Kinder dagegen haben dafür keine fertige Interpretation im Kopf, für sie ist es erst einmal Text, den sie fehlerfrei und verständlich für die Aufnahme lesen wollen. Durch diesen Bruch, diese Verfremdung hört man diesem Behördendeutsch ganz anders zu.

SZ: Sie sind in München geboren, leben im Umland. Hat diese Arbeit Ihr Verhältnis zu dieser Stadt verändert?

Melián: Wenn ich in der Stadt unterwegs bin, fallen mir jetzt an vielen Ecken plötzlich Geschichten ein, die sich an diesen Orten zugetragen haben. Und obwohl ich ja Münchnerin bin, habe ich vieles erst durch diese Arbeit gelernt. Zum Beispiel, dass die Biergartenkultur den jüdischen Münchnern ermöglicht hat, am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen. Denn im Biergarten kann man sein Essen selbst mitbringen und das Bier ist per se koscher. Aber ich habe natürlich auch gelernt, dass in München in der Ettstraße schon lange bevor die Nationalsozialisten an die Macht kamen, Listen von Sinti und Roma, von Homosexuellen oder Kommunisten erstellt wurden. So konnte man dann 1933 sofort gezielt zuschlagen. In Berlin haben genau diese Leute diese Systeme, die sie in München entwickelt haben, für das ganze Reich zur Anwendung gebracht.

SZ: Sie haben sich schon oft mit politischen Themen auseinandergesetzt. Wie wichtig ist Ihnen der aufklärerische Aspekt in der Kunst?

Melián: Für meinen künstlerischen Produktionsprozess ist die Recherche ein wichtiges Produktionsmittel. Das Suchen ist schon ein Teil der Arbeit selbst. Aber ich arbeite nicht mit dem Dokumetarischen, vielmehr entstehen die Arbeiten erst durch die Verfremdung, Überformung, Übersetzung. Wenn sich nun beim Publikum, das sich mit meiner Arbeit beschäftigt, auch ein Moment der Erhellung einstellt, dagegen habe ich nichts einzuwenden.

© SZ vom 12.10.2010/sonn
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