Mein Haus, mein Auto, mein Boot: Mit solch einem Spruch muss keiner mehr auftrumpfen, der etwas auf sich hält. Vielmehr wächst das Bedürfnis, sein Leben im Einklang mit der Umwelt einzurichten und mit anderen gemeinsam etwas voranzubringen. Melanie Lüthin hat deshalb in Haar mit Gleichgesinnten einen Auto-Teiler-Verein gegründet. Bürgermeister Andreas Bukowski (CSU) ist mit von der Partie. Und jetzt gilt es mit Unterstützung der erfahrenen Carsharing-Initiative aus Vaterstetten, das Autoteilen zum Erfolg zu machen. In Unterschleißheim hat sich gezeigt, dass das gemeinsame Auto Menschen verbinden kann. Aber es ist auch Einsatz gefragt.
Carsharing ist trotz Corona-Pandemie attraktiv. Deutschlandweit wird es mittlerweile in 840 Orten angeboten. Seit 2019 kamen 100 Städte und Gemeinden dazu. Free-floating-Systeme, die große Anbieter wie Share-Now oder auch Sixt-Share mit Sitz in Pullach in den vergangenen Jahren aufgebaut haben, bedienen vor allem größere Städte. Share-Now-Autos stehen auch an den Universitäten in Neubiberg und Garching und an den Medienstandorten in Ismaning und Unterföhring. Die stationsgebundenen Systeme, die Vereine und örtliche Initiativen tragen und die im Dachverband Carsharing vernetzt sind, bedienen meist die Fläche.
Und da existieren große Unterschiede. Der dicht besiedelte Landkreis München hat Potenzial, aber zugleich im Schatten der Landeshauptstadt großen Nachholbedarf. In 16 der 29 Kommunen, darunter etwa Kirchheim oder Grünwald und Pullach, listet der Bundesverband Carsharing kein solches Angebot auf. In acht Orten wie etwa Garching und Unterhaching ist Stattauto München mit der Spectrum Mobil GmbH mit Fahrzeugen präsent. Einen aktiven örtlichen Carsharing-Verein gibt es in Neubiberg mit "Immer mobil", der auch in Ottobrunn am Bahnhof ein Auto stehen hat. Die Grasbrunner Autoteiler sind ein Ableger eines Vaterstettener Vereins. In Unterschleißheim und Oberschleißheim stehen Autos von Stadt-Teil-Auto Schleißheim. Aber der Verein löst sich gerade auf. Die Königsbrunner Autoteiler nahe Augsburg führen die Aktivitäten weiter.
Melanie Lüthin hat nun in Haar gemeinsam mit dem Co-Vorsitzenden Holger Böhm und fünf weiteren Mitstreitern einen eigenen Verein gegründet. Im Dezember fand online das Gründungstreffen statt, der Notartermin war gerade erst. Im Frühjahr soll ein Kleinwagen angeschafft werden, der wohl mit Unterstützung der Gemeinde an der Bahnhofstraße nahe dem Rathaus einen Stellplatz bekommen wird. "Mich hat schon immer gestört, dass es so viele Autos gibt", sagt Lüthin. Vor allem auch Autos, die nur rumstehen und gar nicht genutzt werden. Am Ort reiche das Fahrrad, nach München komme sie mit der S-Bahn. Und weil die Entscheidung naht, ob sie ihren alten Wagen ersetzt, beschloss Lüthin, sich einen zu teilen. "Im Alltag brauche ich nicht wirklich das Auto."
Das hat sich Klaus Breindl vor 28 Jahren schon gedacht. 1992 war er Gründungsmitglied der Auto-Teiler Vaterstetten und steht heute dem Verein vor. Breindl war Mitglied im Bundesvorstand Carsharing und steht im Landkreis Ebersberg an der Spitze einer erfolgreichen Bewegung. "Wir sind bundesweit mit Abstand führend", sagt Breindl. Allein der Vaterstettener Verein hat 23 Autos und zählt mehr als 500 Mitglieder. Es gibt 40 Aktive und drei Mitarbeiter sind auf Minijob-Basis beschäftigt. Im gesamten Landkreis Ebersberg existieren elf Carsharing-Vereine, einen solchen gibt es sogar in so kleinen Gemeinden wie Aßling. Eine Projektgruppe steuert den Ausbau der Angebote, die in dem Modell-Landkreis flächendeckend zur Verfügung gestellt werden sollen. 80 Prozent der Bürger hätten Zugang zu Carsharing, heißt es aktuell. Melanie Lüthin baut auf die Verbindung zu den Profis nach Vaterstetten. Man will eng kooperieren, auch bei der Technik.
Ein Neuanfang in Unterschleißheim
Auch Silvia Schedlbauer aus Unterschleißheim hatte schon Kontakt zu Klaus Breindl in Vaterstetten. Sie gründete mit demselben Elan wie Melanie Lüthin vor mehr als zwölf Jahren den Stadt-Teil-Auto-Verein in Unterschleißheim. Nach wie vor ist sie Fan des Autoteilens. Sie ist froh, dass die Königsbrunner Autoteiler den Verein übernehmen. "Das ist ein sehr guter Partner, die kümmern sich und sind sehr pragmatisch", sagt Schedlbauer.
Aus beruflichen Gründen konnte sie die Vereinsarbeit nicht mehr stemmen. Sie sei wegen des Vereins jeden Tag eine Stunde am PC gesessen. Es habe sich niemand gefunden, der das habe übernehmen wollen. Jürgen Müller von den Königsbrunner Autoteilern klingt voller Tatendrang. Die etwa 100 Mitglieder seien übernommen worden, die Autos seien neu beschriftet. Er wolle das Carsharing in Unterschleißheim und Oberschleißheim ausbauen und Autos auch in die Wohngebiete bringen, sagt Müller. Fahrdienste sollten ebenfalls angeboten werden, etwa in Kooperation mit Behinderten- und Senioren-Einrichtungen.
Der Kontakt nach Königsbrunn kam über das gemeinsam genutzte Carsharing-System der Deutschen Bahn namens Flinkster zustande. Den Mitgliedern eröffnet dies, mit ihrer Karte zum Beispiel auch Flinkster-Autos in Hamburg oder Berlin zu nutzen. Umgekehrt gilt das für Flinkster-Kunden in Unterschleißheim, was der Stadt-Teil-Auto-Initiative Nutzer zuführt, die vom dortigen Bahnhof zum Flughafen fahren. Die Haarer Autoteiler werden von ihrem Vaterstettener Partner den Fuhrpark nutzen können.
Carsharing kann ein Auto ersetzen oder einen Zweitwagen überflüssig machen. Es kann helfen, das Mobilitätsverhalten zu ändern. Und das nutzt schließlich der Umwelt. "Die Kilometerleistung sinkt deutlich", sagt Schedlbauer aus eigener Erfahrung. Auch Melanie Lüthin hat das Ziel, dass insgesamt weniger gefahren werde.
Die Autoteiler in Haar sind erreichbar über die Webseite www.carsharing-haar.de, die Königsbrunner Autoteiler über www.carsharing-königsbrunn.de und die Vaterstettener über www.carsharing-vaterstetten.de.
