Verkehr Radschnellwege im Schneckentempo

Ausgebremst: Statt den geplanten Radschnellweg bei der Kugleralm in Oberhaching zu beschleunigen, wurde hier Kopfsteinpflaster verlegt.

(Foto: Claus Schunk)

Der Bau der Trasse zum Garchinger Forschungscampus erweist sich wegen der vielen Kreuzungen in Hochbrück als schwer umsetzbar. Auch im Hachinger Tal lassen geeignete Routen weiter auf sich warten

Von Iris Hilberth und Gudrun Passarge, Garching/Oberhaching

Die Straßen sind voll, Staumeldungen im Großraum München länger als jedes Musikstück. Dass auch bei der S-Bahn der enorme Andrang derer, die mitfahren wollen, alles zum Stocken bringt, ist kein Szenario von Zukunftsforschern, sondern war erst wieder am Donnerstagabend bittere Realität: Probleme beim Aus- und Einsteigen auf allen Linien wegen der vielen Fahrgäste, meldete der Bayerische Rundfunk in den Verkehrsnachrichten. Dabei ist weder Oktoberfest, noch hat ein bedeutendes Fußballspiel stattgefunden. Höchste Zeit also, aufs Fahrrad umzusteigen. Erkannt hat das die Politik längst und spricht seit Jahren von Radschnellwegen. Doch hapert es weiterhin an der Umsetzung.

Machbarkeitsstudien, Bürgerbeteiligung, Detailplanungen und ein beschlossener Korridor im Münchner Norden gibt es längst. Aber noch wurde kein einziger Kilometer für das schnelle Radfahren gebaut. Während das Landratsamt die Öffentlichkeit auffordert, sich an der Diskussion über drei weitere Stadt-Umland-Korridore zu beteiligen, wird bei der Pilotstrecke nach Garching und Unterschleißheim schon wieder auf die Bremse getreten.

Dabei ist die Idee bestechend: Der Radler startet am Stadtrand von München und fährt auf dem neuen Radschnellweg zum Garchinger Campus, 10,26 Kilometer in 32 Minuten mit einem Zeitverlust an Knotenpunkten von 72 Sekunden - so das Ziel. Die Frage ist nur, wann die Radler auf dem geplanten Schnellweg starten können. In der Machbarkeitsstudie steht etwas von 2021. Doch bisher sieht es nicht danach aus, dass sich das so schnell umsetzen ließe. Stefan Rinderer, Abteilungsleiter beim Staatlichen Bauamt Freising, sieht ebenso wie manche Garchinger Lokalpolitiker Schwierigkeiten bei der Umsetzung. "Da gibt es noch sehr großen Klärungsbedarf", sagt er. Der Garchinger SPD-Stadtrat und Fahrradbeauftragte Rudi Naisar, 65, hegt gar die Befürchtung, dass der Bau sich länger hinziehen könnte, "das erlebe ich dann nicht mehr".

Es war ein langer Prozess, bis die Trasse des ersten Radschnellwegs in Bayern nach Unterschleißheim und zum Garchinger Campus feststand. Für das Pilotprojekt, das etwa 34 Millionen Euro kosten soll, sind zwei Varianten in die engere Wahl gekommen, eine durch die Fröttmaninger Heide an der U-Bahn-Trasse entlang und eine durch Hochbrück. Letztere machte das Rennen, weil dadurch auch die Gewerbegebiete angeschlossen werden. Mit etwa 8000 Radlern rechnen die Fachleute des Planungsbüros Kaulen, die auch die Machbarkeitsstudie erstellten. Wie Rinderer erklärt, ist die Trasse in drei Planungs- und Bauabschnitte unterteilt. Der erste führt vom Nachwuchsleistungszentrum des FC Bayern an der Ingolstädter Landstraße am Helmholtz-Zentrum vorbei ein Stück durch die Heide, um dann an der B 13 entlang zunächst bis zur Kreuzung mit der B 471 zu führen. Geplant ist ein vier Meter breiter Radweg mit einem 2,50 Meter breiten Fußweg daneben. Die besondere Herausforderung ist, die Vorfahrt für Radler zu gewährleisten, oder die sichere Querung von Einmündungen, wie etwa die an der Olympia-Schießanlage. Ob dort eine höhenfreie Querung oder andere Lösungen kommen, werde sich zeigen, sagt Rinderer. "Da werden wir noch einigen Gesprächsbedarf haben."

Ausgebremst: Statt den geplanten Radschnellweg bei der Kugleralm in Oberhaching zu beschleunigen, wurde hier Kopfsteinpflaster verlegt.

(Foto: Claus Schunk)

Die Planungen sind auf jeden Fall vergeben an das Planungsbüro Wipfler in Planegg. Zunächst werden jetzt eine Vegetationsperiode lang, also ein Jahr, alle Tier- und Pflanzenarten erfasst, die im Heidestück vorkommen, um zu untersuchen, welche naturschutzrechtlichen Maßnahmen das Straßenbauamt ergreifen muss. Parallel dazu laufen die technischen Planungen. So ist beispielsweise noch fraglich, wie der Radweg an der Brücke über die A 99 geführt wird. Sie müsste entweder erweitert oder gleich neu gebaut werden. In der Machbarkeitsstudie sind knapp 5,8 Millionen Euro für die Erweiterung berechnet. Bis zur Kreuzung in Hochbrück sollte es zu keinen größeren Problemen mehr kommen, denn an der B 13 gibt es schon einen ausgebauten Radweg, der nur noch erweitert werden müsste.

Schwieriger wird es jedoch auf dem Stück, das an der Nordseite der Schleißheimer Straße (B 471) entlang bis zur Zeppelinstraße führen soll. Das Problem sind die Parallelstraßen zur B 471, die den Betrieben im Gewerbegebiet als Zufahrten dienen. Dort werde es besonders problematisch, Radfahrer auf einen sicheren Weg zu bringen, sagt Garchings Fahrradbeauftragter Naisar. "Für mich ist das schlichtweg nicht möglich, weil man keinen Platz hat." Die Planer hätten die Bedenken der Lokalpolitiker "leider ignoriert". Den Vorschlag der Machbarkeitsstudie, dort in Teilen eine Fahrradstraße auszuweisen, hält er für nicht praktikabel. Rinderer stimmt dem zu: "Ich kann nicht an jede hochbelastete Straße einfach ein Schild hängen und sagen, das ist jetzt eine Fahrradstraße." Da müsse man andere Lösungen finden. Naisar und Rinderer bringen unter anderem einen geständerten Radschnellweg in der Mitte der B 471 ins Spiel. "Der Gedanke an sich ist kein schlechter", sagt Rinderer, er frage sich nur, wie man die Radler von diesem Hochweg zu ihren Firmen runterbringt.

"Vielleicht muss man sich von den all zu hohen Standards verabschieden", sagt Naisar, 4,50 Meter breite Wege und überall kreuzungsfrei, das müsse nicht unbedingt sein. Mit einigen Zugeständnissen ließe sich eine sichere Verbindung schneller umsetzen. Der Bau des ersten Teils sei ein Anfang, an der Kreuzung zu Hochbrück sollten noch andere Trassen geprüft werden, etwa durch die Fröttmaninger Heide oder am Schleißheimer Kanal entlang. Denn bliebe es bei der bisherigen Planung, so fürchtet Naisar, "dass der erste Radschnellweg nur nach Unterschleißheim geht und nicht nach Garching".

Die Alternativtrasse am Schleißheimer Kanal nennt auch Rinderer, der betont, dass selbstverständlich auch andere Routen geprüft werden müssten, wenn sich die Schwierigkeiten an der B 471 in Hochbrück als zu großes Hindernis herausstellen sollten. Dieser Weg sei nicht zwingend. Es biete sich an, wenn die B 471 vierspurig ausgebaut werde, beides in der Planung zusammenzuführen, sagt Rinderer.

Grundsätzliche Kritik am Radschnellweg äußert Götz Braun. Für den SPD-Stadtrat und Vorsitzenden des Bundes Naturschutz in Garching ist der Radschnellweg ein "völliger Fehlschuss". Statt Radautobahnen zu bauen favorisiert er die Variante, das bestehende Radwegnetz auszubauen und sicher zu machen. Radler würden immer den nächsten Weg suchen, "drei Kilometer Umweg sind da schon zu viel", sagt Braun. Kein Student werde aus München kommend den Umweg über Hochbrück nehmen, um zum Campus zu fahren, wenn es über die Fröttmaninger Heide oder über Dirnismaning viel schneller geht. Einen 2,50 Meter breiten Fußweg neben dem Radweg an der B 13, wo kaum Fußgänger unterwegs sind, hält er jedenfalls für falsch. Ähnlich sieht es Rolf Schlesinger, Sprecher der Garchinger Grünen und leidenschaftlicher Radfahrer. Er spricht von einem Prestigeobjekt, "aber ich fürchte, dass diese Radschnellweg nicht sehr viel genutzt wird". Wie Braun ärgert er sich darüber, dass die Kritik der Garchinger an der jetzigen Route nicht gehört worden sei. Doch die Trasse ist beschlossen, auch wenn deren Umsetzung noch nicht absehbar ist. Garchings Bürgermeister Dietmar Gruchmann (SPD) etwa hält einen Tunnel an der B 471 für die "einzig machbare Lösung", fügt aber an, das sei unbezahlbar. "Wir werden uns mit machbaren Alternativen beschäftigen müssen", sagt er.

Längst flott unterwegs sein wollten die Radfahrer auch im südlichen Landkreis und dabei nicht erst auf Machbarkeitsstudien warten. Die Bürgermeister aus dem Hachinger Tal hatten sich 2015 zusammengeschlossen, um den Weg von Sauerlach über Oberhaching bis nach München-Harlaching beziehungsweise nach Großhesselohe so zu ertüchtigen, dass Berufspendler eine attraktive Fahrradroute zur Verfügung haben. Die bestehenden Wege einfach mal eben asphaltieren, war die Idee der Kommunalpolitiker, doch damit sind sie in den vier Jahren nur bedingt weiter gekommen. Zwar ist die Idee eines echten Radschnellwegs längst verworfen, weil sich vor allem die geforderte Breite entlang der Bahn und durch den Wald schwer umsetzen lässt. Aber auch die Verhandlungen mit den Staatsforsten und der Deutschen Bahn, die bei dieser Streckenführung mit einbezogen werden müssen, ziehen sich hin.

Knackpunkt ist zum einem noch immer die Bahn-Unterführung an der Nussbaum-Ranch bei Oberhaching. Auch die Linienstraße erweist sich als problematisch. Hier rasen jetzt schon die Rennradler entlang, sodass es Proteste der Anwohner gibt. An der Kugleralm hat die Gemeinde die Radfahrer jetzt mit Kopfsteinpflaster ausgebremst, um die Biergartenbesucher nicht zu gefährden, die hier die Straße queren. Es wird nun geprüft, ob die schnelle Radverbindung entlang der Alten Oberbiberger Straße von Laufzorn bis zur Nussbaum-Ranch verlaufen könnte.

Über die Trassenführungen will das Landratsamt mit den Bürgern sprechen. Am Freitag, 17. Mai, im Kupferhaus Planegg, am Montag, 3. Juni, im Bürgersaal "Beim Forstner" in Oberhaching sowie am Dienstag, 4. Juni, in der Mensa der Grund- und Mittelschule Kirchheim gibt es jeweils von 18 bis 21 Uhr die Gelegenheit, das Projekt sowie die zur Untersuchung anstehenden Korridore kennenzulernen und eigene Vorstellungen einzubringen.

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