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Garching:Fragwürdiger Schutzstreifen

Alte B 417 Garching (Umgehungsstraße)

Zwischen Mittelstreifen und Radschutzstreifen können Autos beim Überholen nicht den geforderten Abstand zu Radfahrern einhalten.

(Foto: Florian Peljak)

Weil neben den Radlern kein Platz zum Überholen ist, regt sich Kritik an der Verkehrsregelung auf der alten B 471 in Garching.

Von Gudrun Passarge, Garching

Schildbürgerstreich und "brandgefährlich" oder gelungene Verkehrsberuhigung? Die Meinungen zum Rückbau der B 471 alt in Garching mit verengten Fahrbahnen und Fahrradstreifen gehen weit auseinander. Seit Monaten schon wird in öffentlichen Foren über den Umbau diskutiert. Auch die Ärztin Andrea Meißner hat sich als betroffene Anwohnerin an die Stadt gewandt. "Die Intention, menschliche Bremsschilder, nämlich Radfahrer, einzusetzen, um das Tempoproblem dieser Straße zu lösen, war eine völlig abwegige", schreibt sie. Denn viele Autofahrer hielten sich nicht an Abstandsgebote und würden Fahrradfahrer auf engstem Raum überholen. Bürgermeister Dietmar Gruchmann (SPD) hält dagegen: "Ich kann und darf da nicht überholen."

Die Umgehungsstraße war für eine innerörtliche Straße ungewöhnlich breit. Manche Anwohner flitzten hier schnell vor zur Münchner Straße. Die Stadt überlegte deshalb schon lange, wie die Geschwindigkeit dort gedrosselt werden könnte. Tempo 30 zu verfügen, war rechtlich bei einer so breiten Straße nicht möglich. Aus der Bürgerversammlung kam die Anregung, Blumentröge versetzt aufzustellen, um Autofahrer auszubremsen.

Außerdem beschwerte sich der Seniorenbeirat darüber, dass Fußgänger und Radfahrer gemeinsam den Gehweg benutzen durften. Es habe schon gefährliche Situationen gegeben, hieß es. Aus diesen Gründen beschloss der Stadtrat, den Umbau: in der Mitte ein teilweise unterbrochener bepflanzter Streifen, links und rechts eine Fahrbahn mit 3,50 Metern Breite, inklusive Fahrradstreifen mit 1,25 Metern. Radler dürfen künftig den Gehweg nicht mehr benutzen, ausgenommen Kinder bis zu zehn Jahren.

Was die einen zufriedenstellt, bringt die anderen auf die Palme. Autofahrer, die jetzt hinter Radlern herkriechen müssen, bekunden ihren Unmut. Die meisten fahren brav hinter den Radlern, doch es gibt auch andere, wie Andrea Meißner schreibt: "Täglich ist von uns Anwohnern zu beobachten, wie Fahrradfahrer von Autos überholt werden." Der erforderliche Abstand zum Radfahrer von 1,50 Metern werde natürlich nicht eingehalten, weil es auf der engen Fahrbahn gar nicht möglich sei. Meißner, die sich nicht nur als Anwohnerin, sondern auch "als sehr besorgte Mitbürgerin und Hausärztin" zu Wort meldet, warnt vor höchster Unfallgefahr.

Auch die Ampelsituation an der Münchner Straße sei für die Radler irreführend. Sie habe schon welche beobachtet, die versehentlich auf der verkehrten Fahrradspur unterwegs waren. Meißner nennt diese Stelle "brandgefährlich" und fordert eine Nachbesserung. Zudem sieht sie die Frage, ob Rettungswagen hier schnell genug durchkämen, nicht geklärt, denn im Süden hätten die Radler kaum Platz, um auszuweichen.

Umgewöhnungszeit erforderlich

"Bei jeder Veränderung gibt es Widerstand", sagt Bürgermeister Gruchmann. Die Fahrbahnverengung sei gewollt, es gehe um Verkehrsverlangsamung. Dass die Radler jetzt ihren Streifen auf der Fahrbahn haben, sei auch den Beschwerden über "Kampfradler" auf dem Gehweg geschuldet. Seit Kurzem stünden Verkehrszähler an der Straße, berichtet der Bürgermeister. Sie sollen vier Wochen lang festhalten, wie viele Fahrzeuge dort unterwegs sind.

Gruchmann geht davon aus, dass die Nutzer der Straße eine Umgewöhnungszeit brauchten. "Die Leute werden sich daran gewöhnen." Er hoffe allerdings, dass kein Unfall passiere. Der Stadtrat werde die Zahlen der Verkehrszähler prüfen und die Erfahrungen auswerten. Ziel wäre Tempo 30 für die jetzt verschmälerte Straße. Oder gleich die Überlegung, eine Fahrradstraße auszuweisen. Dann sei klar, wer Vorrang habe, sagt Gruchmann. Die CSU habe schon einen entsprechenden Antrag gestellt.

© SZ vom 12.08.2020

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