Unwetter:Banger Blick auf die Pegel

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Land unter galt mancherorts auch noch am Montag, so am Heimgarten in Taufkirchen. (Foto: Claus Schunk)

Die Regenfälle sind abgeklungen, die befürchteten Überschwemmungen sind im Landkreis München bis auf wenige Ausnahmen ausgeblieben. Doch jetzt droht eine neue Gefahr: das steigende Grundwasser.

Von Martin Mühlfenzl, Anna-Maria Salmen, Patrik Stäbler, Landkreis München

Die Gefahr droht mittlerweile nicht mehr von oben, sondern tief aus der Erde. Nach den heftigen Regenfällen der vergangenen Tage, die auch im Landkreis München zu Überschwemmungen und voll gelaufenen Kellern geführt haben, steigen die Grundwasserpegel massiv an. In Unterhaching, wo am Samstag der Hachinger Bach überlief, drohten „bange Stunden, wenn nicht gar Tage“, sagt Rathaussprecher Simon Hötzl am Montag. „Wir beschäftigen uns jetzt mit dem Thema Grundwasser, das einen stetigen Nachlauf hat, und müssen schauen, wie und wo es nach oben drückt.“ Hierfür finde ein ständiges Monitoring durch die Freiwillige Feuerwehr und Mitarbeiter des Referats für Gefahrenabwehr im Rathaus vor allem in den südlichen Gemeindeteilen statt.

Der Landkreis München ist anders als etwa die Nachbarlandkreise Dachau, Fürstenfeldbruck und Erding oder auch die Kreise Pfaffenhofen an der Ilm und Neuburg-Schrobenhausen am vergangenen Wochenende glimpflich davongekommen. Dennoch waren auch aus den 29 Städten und Gemeinden von Garching über Ottobrunn und Unterhaching bis ins Würmtal Hunderte Rettungskräfte der Freiwilligen Feuerwehren und des Technischen Hilfswerks (THW) im Einsatz – teilweise auch weit über die Grenzen des Landkreises München hinaus. Dank der vergleichsweise entspannten Lage zuhause konnten sie Notrufen aus anderen Regionen folgen.

Eine böse Überraschung erlebten am Wochenende allerdings mehrere Bewohner der Siedlung am Heimgarten in Taufkirchen. Dort drang in der Nacht auf Sonntag das Wasser in die Keller – und zwar durch die Wand, wie Hubert Iral berichtet, der am Hirtenweg lebt. „Das ist bis zu einer Höhe von eineinhalb Metern richtig rausgeschossen.“

Er selbst habe noch versucht, wichtige Habseligkeiten ins Trockene zu bringen, indem er sie auf sein Fahrrad und ein Wandregal stellte. Vieles sei jedoch beschädigt worden, darunter ein 200 Jahre alter Bauernschrank. Bis zu 20 Zentimeter hoch stand laut Iral das Wasser in den Kellern. Die verständigte Feuerwehr habe den Anwohnern mehrere Pumpen zur Verfügung gestellt, die nun voraussichtlich bis zum Ende dieser Woche laufen müssen.

Tiefgaragen und Keller in Taufkirchen müssen auch am Montag noch leer gepumpt werden. (Foto: Claus Schunk)

Hubert Iral vermutet als Ursache für die vollgelaufenen Keller ausgerechnet die Sicherungsmaßnahmen in Unterhaching, wo infolge des Dauerregens Wasser aus dem Hachinger Bach abgepumpt und in die umliegenden Felder an der Ortsgrenze zu Taufkirchen geleitet wurde. Diese liegen zwar mehrere Hundert Meter von der Siedlung am Heimgarten entfernt. Jedoch habe die Maßnahme zu einem Anstieg des Grundwassers geführt, was wiederum den Druck auf Keller und Tiefgaragen erhöht habe, ist Iral überzeugt.

Ähnlich bewertet das Kathrin Schöber, Mitinitiatorin zweier Bürgerbegehren, die der Taufkirchner Gemeinderat kürzlich als unzulässig abgelehnt hat. Die Bürgerbegehren hatten sich gegen die geplante Bebauung der Areale östlich der Münchner Straße und westlich der Dorfstraße gerichtet. Nun zeige sich, wie wichtig der Erhalt dieser Grünflächen zum Schutz bei Starkregen sei, sagt Schöber. Demgegenüber betont Taufkirchens von der CSU getragener parteiloser Bürgermeister Ullrich Sander, dass der Hachinger Bach im Bereich des künftigen Seniorenheim-Quartiers nicht über die Ufer getreten sei. Ohnehin sei das Problem in Taufkirchen vor allem das hohe Grundwasser. Dieses habe auch diesmal zu vollgelaufenen Kellern und Tiefgaragen geführt.

In Ottobrunn begannen die Einsätze bereits am Freitagabend, als ein heftiges Gewitter über der Gemeinde tobte – gefolgt von massiven Regenfällen am Samstag und Sonntag. „Wir hatten überflutete Straßen, Wassereintritte auch auf Flachdächer, das Wasser ist auf manchen Dächern hinter der Attika in die Gebäude rein“, berichtet der Ottobrunner Feuerwehrkommandant Eduard Klas, der im Münchner Landratsamt auch den Katastrophenschutz verantwortet. Als sich am Samstag in der dicht besiedelten Gemeinde die Situation etwas entspannte, brachen Mitglieder der Ottobrunner Feuerwehr nach Planegg auf, um beim Kieswerk Glück Sandsäcke zu befüllen: insgesamt 12 000 Stück.

Einsatzkräfte der Freiwilligen Feuerwehr Baierbrunn helfen im vom Hochwasser der Donau bedrohten Vohburg im Landkreis Pfaffenhofen. (Foto: Freiwillige Feuerwehr Baierbrunn)

Ottobrunner Feuerwehrleute waren zudem am Wochenende und bis Montagfrüh in Vohburg an der Donau im Einsatz, wo der anwachsende Strom die Stadt bedrohte; dort unterstützten unter anderem auch die Ehrenamtliche der Freiwilligen Feuerwehr Baierbrunn die örtlichen Einsatzkräfte und halfen beim Hochwasserschutz. „Unsere Aufgabe war es, eine 100 000-Volt-Trafo-Station zu schützen, damit den Menschen dort nicht der Strom ausgeknipst wird“, schildert Klas die dramatische Situation. „Das ist uns auch gelungen.“

„So etwas hat es in Bayern noch nicht gegeben“

Dass nun das Grundwasser Ottobrunn bedrohen könnte, glaubt Klas nicht. „Wir sind relativ safe.“ Die Situation im Allgemeinen bewertet der Katastrophenschützer aber als historisch: „Ich habe in meinen 30 Jahren bei der Feuerwehr schon vier Jahrhunderthochwasser und ein Jahrtausendhochwasser erlebt. Aber so etwas hat es in Bayern noch nicht gegeben.“ Dass so große Mengen Wasser in so kurzer Zeit vom Himmel fielen, sei „der Wahnsinn“.

Bereits am Samstagabend brachen auch andere Feuerwehrler aus nahezu dem gesamten Landkreis in besonders betroffene Regionen auf, etwa nach Hohenwart im Landkreis Pfaffenhofen, um dort Sandsäcke auszulegen. Insgesamt waren laut Münchner Landratsamt am Samstag mehr als 100 Einsatzkräfte im Landkreis Pfaffenhofen. Um vier Uhr in der Nacht auf Sonntag versammelten sich weitere Einheiten fast aller Feuerwehren aus dem Landkreis bei der Werksfeuerwehr der TU in Garching. Im Konvoi ging es nach Hohenwart, um dort Kameraden abzulösen, die bereits stundenlang im Einsatz waren.

Auch die ehrenamtlichen Kräfte des Technischen Hilfswerks München-Land befinden sich seit Freitagabend im Dauereinsatz. „Auch wenn es im Landkreis München für uns relativ ruhig war. Keller und Gebäude mussten wir nur in Ebenhausen, Unterföhring und Gräfelfing auspumpen“, berichtet Andreas Frank, der Ortsbeauftragte des THW in Haar. In Spitzenzeiten waren 45 Ehrenamtliche des THW unterwegs – unter anderem in Augsburg und im Landkreis Dachau. Dort hilft auch die Feuerwehr Kirchheim aus: Seit Sonntag sind rund 20 Einsatzkräfte im Nachbarlandkreis, um Umweltgefahren durch Ölverschmutzung einzudämmen. Montagnachmittag waren noch 17 Rettungskräfte der Zivil- und Katastrophenschutzorganisation im Einsatz. Der Schwerpunkt des Einsatzes liege nach Angaben von Frank vor allem im Bereich der Logistik, etwa im Aufbau von Bereitstellungsräumen für nachrückende Kräfte oder im Befüllen und beim Transport von Sandsäcken.

Hinzu kommt die Beseitigung von Schadstoffen, die das THW auch die kommenden Tage und Wochen beschäftigen wird. „In der Hauptsache sind wir jetzt als Fachberater und bei der Ölschadensbekämpfung aktiv“, erklärt Frank. So müssen Öl-Wasser-Gemische aus Kellern beseitigt werden, die durch ausgelaufene Öltanks entstanden sind. Dafür stehen spezielle, je 1000 Liter fassende Tankcontainer zur Verfügung. Mit Seperationsanlagen werden anschließend Öl und Wasser getrennt – wie nach Tankerunglücken an Stränden.

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Die Isar führte am Montag bereits deutlich weniger Wasser, sodass die Meldestufe 2 wieder unterschritten wurde. Die Würm wird die Meldestufe 1 laut Landratsamt auch in den kommenden Tagen noch überschreiten. In Unterhaching droht, solange das Grundwasser steigt, vor allem an Hauptstraße, Südstraße und Tegernseer Landstraße Ungemach. Am Samstag verhinderte die „Hannibal“ genannte Pumpe des ABC-Zugs München-Land Schlimmeres: Sie pumpte Wasser aus dem Bach. „Die Pumpe mit ihrer Leistung hat uns gerettet. Sonst hätte es für Unterhaching nicht gut ausgesehen“, sagt Rathaussprecher Hötzl.

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