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Unterschleißheim:Verloren in den Mühlen der Justiz

Zu Gast bei der SPD-Veranstaltung "Denk-Mal - Gegen das Vergessen!": Regisseur Hannes Steinbichler mit Annegret Harms und Christoph Böck (rechts).

(Foto: Robert Haas)

"Gefangen - Der Fall K." basiert auf der wahren Geschichte von Gustl Mollath. Beim Werkstattgespräch im Lohhofer Kino Capitol erzählt der Münchner Regisseur Hans Steinbichler von seiner Motivation, die Geschichte zu verfilmen

In den Gesichtern der Zuschauer im Capitol-Kino in Lohhof ist Erschütterung zu sehen. Wenige Augenblicke nach der Vorführung des Films "Gefangen - Der Fall K." sind die meisten von ihnen noch fassungslos von dieser unglaublichen und doch in weiten Teilen wahren Geschichte über einen der größten deutschen Justizskandale: den Fall des Gustl Mollath. Mehr als sieben Jahre lang saß dieser zu Unrecht in der Psychiatrie - wegen des Gutachtens eines Psychiaters, der ihn nie gesehen hatte. Regisseur Hans Steinbichler hat die Geschichte verfilmt und ist am Freitagabend auf Einladung der Unterschleißheimer SPD ins Capitol gekommen. Der Film lief in der Veranstaltungsreihe "Denk-Mal - Gegen das Vergessen!".

"Ich wollte den Fall unbedingt verfilmen", sagt Steinbichler nach der Vorführung. Nach "Das Tagebuch der Anne Frank" und "Eine unerhörte Frau" habe für ihn festgestanden, auch den Fall Mollath auf die Leinwand zu bringen. Wie Anne Frank habe auch Gustl Mollath alles, was ihm widerfahren ist, genauestens dokumentiert. Für die Produktion brauchte Steinbichler Unterstützung der Fernsehsender. "Die Sender waren zurückhaltend, sie hatten Angst, etwas falsch zu machen", erzählt der Regisseur, "ich musste prominent werden, um den Fall zu erzählen." Also holte er sich den Schauspieler Jan Josef Liefers mit ins Boot, mit dem er die Hauptrolle des Wastl K. besetzte - auch wegen Liefers großartigen Schauspieltalents, wie Steinbichler berichtet. Mit dem ZDF wurde der Film schließlich produziert und bis heute von circa sechs Millionen Zuschauern gesehen.

Sowohl Liefers als auch Steinbichler haben vor den Dreharbeiten oft mit Gustl Mollath gesprochen. Als er von dem Film erfuhr, habe Mollath "ganz sachlich" reagiert, ihn unterstützt und den Film als Teil seiner Rehabilitation gesehen, sagt Steinbichler. Bei den gemeinsamen Gesprächen hat Steinbichler nach eigenen Worten Mollath als Grenzgänger erlebt. Einen mit Prinzipien und einer schonungslos naiven Ansicht, die es ihm nicht leicht gemacht hat, in unserem System zu leben: "Er hat alles getan, um es sich schwer zu machen", so Steinbichler. Mollath sei anders, er habe ein sehr ausgeprägtes Gerechtigkeitsbewusstsein - und das kompromisslos: "Gustl Mollath hatte Querulanten-Züge." Er sei aber nie über Grenzen gegangen, die seine Strafen rechtfertigen würden.

Der Film folgt in weiten Teilen den wahren Ereignissen. Dass keine Klarnamen verwendet wurden, liegt Steinbichler zufolge daran, dass man zwar die Rechte an Gustl Mollaths Geschichte erworben habe, jedoch nicht die seiner Frau. Petra Mollath sei nicht zu Gesprächen bereit gewesen, dabei hätte es Steinbichler "wahnsinnig interessiert", ihre Sicht auf die Geschichte zu hören. Bei einer Sache ist sich Steinbichler nach eigenen Worten nämlich bis heute nicht sicher: Ob Mollath seine Frau geschlagen hat oder nicht. Deshalb habe er die entscheidende Szene in seinem Film auch offen gelassen, erzählt er auf Nachfrage einer Zuschauerin.

Sowohl im Film als auch in der Realität hat Mollath bis zum Ende gekämpft - für die Gerechtigkeit. Der Fall sei ein "Elchtest für unsere Demokratie" gewesen, sagt Steinbichler, "nur ist der Wagen überall umgefallen". Es gehe darum, "dass ein extremer Charakter die Demokratie und das System des Staates extrem angegriffen hat. Dem hat der Staat nicht standgehalten", so der Münchner Regisseur.

Am Ende von Steinbichlers Film sagt der Protagonist: "Es ist, als hätte es mich nie gegeben." In der Psychiatrie hatte er nur das, was er bei seiner Verhaftung am Leib trug. Als er raus kam, konnte er nicht einmal nach Hause: Seine Frau hatte sein Elternhaus, auf das eine Hypothek aufgenommen wurde, ersteigert und entkernt. Persönliches, Fotoalben, Erinnerungen - alles weg. Eine Zuschauerin will an diesem Abend im Capitol wissen, wie es juristisch möglich sei, dass es so weit kommen konnte. Der Schlüssel zu dieser Misere sei auch in der Realität das erste psychiatrische Gutachten gewesen, welches ein mit Petra Mollath befreundeter Psychiater erstellt habe, sagt Steinbichler.

2014 kam Mollath frei. Der Fall wurde noch einmal aufgerollt, Mollath vom Gericht freigesprochen. Heute lebe er bei einem Zahnarzt, der ihn versorge, erzählt Steinbichler. Geldsorgen habe er keine: "Gustl ist sehr autark, er lebt von sehr wenig." Auch durch das Abtreten der Rechte an seiner Geschichte für den Film habe Mollath Geld erhalten.

Obwohl er sich so intensiv mit dessen Fehlern auseinander gesetzt hat, glaubt Steinbichler "sehr stark an den Rechtsstaat". Anstalten seien heute anders aufgestellt, "so etwas ist heute nicht mehr möglich", davon ist der Regisseur überzeugt. Dennoch sei die Macht der Gutachter noch viel zu groß, es gebe schlichtweg zu wenige. Steinbichler ist sich sicher: "Mollath ist die Spitze des Eisbergs, die es rausgeschafft hat. Ich bekomme körbeweise Geschichten von Leuten, die sagen: Mir geht es genauso."

Aktuell steht Mollath wieder vor Gericht, diesmal hat er den Freistaat verklagt, der ihm sieben Jahre seines Lebens geraubt hat. Er fordert Schadenersatz, knapp zwei Millionen Euro. "Gustl möchte keinen Märtyrer aus sich machen, er geht einfach seinen Weg", sagt Steinbichler. "Er möchte, dass der Staat für diese Ungerechtigkeit bezahlt." Der Regisseur glaubt fest daran, dass Mollath sich durchsetzen wird. Und am Ende doch die Gerechtigkeit gewinnt.