Süddeutsche Zeitung

Unterschleißheim:Auf dem Sprung in die Zukunft

Die Skateanlage zählte in den Neunzigerjahren zu den Hotspots der Szene, internationale Sportler trafen sich in Lohhof. Nun soll der Platz der "Rolling Wheels" für eine Million Euro runderneuert werden.

Von Irmengard Gnau, Unterschleißheim

Die Bilder sehen spektakulär aus: Ein BMX-Fahrer reckt sich im Sprung vor dem Lohhofer Abendhimmel, Skater gleiten elegant über ein Geländer, während Dutzende Zuschauer im Hintergrund johlen. Thomas Stellwag kann sich noch gut an all diese Tage erinnern. Der Leiter der "Rolling Wheels", der Skateabteilung des SV Lohhof, steht wahrlich nicht im Verdacht, die Vergangenheit zu verklären, dennoch wirkt er ein wenig melancholisch, wenn er seinen Blick über "den Platz" schweifen lässt.

Die Skateanlage hat schon viel erlebt, und das sieht man ihr an: Die meisten Rampen haben ihre besten Tage hinter sich. BMX- und Scooter-Fahrer bleiben hier inzwischen meist unter sich, für Skateboarder klaffen zu viele Spalten im Belag. Doch die Sportler haben allen Grund zur Hoffnung: An diesem Donnerstag wird der Unterschleißheimer Stadtrat aller Voraussicht nach seine Zustimmung geben zu einer Runderneuerung des Platzes - und 400 000 Euro zuschießen zu dem insgesamt eine Million Euro teuren Projekt.

Für Thomas Stellwag und seine Mitstreiter beginnt damit ein neues Kapitel einer inzwischen mehr als 30-jährigen Geschichte. Stellwag zählt zur ersten Generation, die das Skaten im nördlichen Münchner Umland etabliert und den kleinen Ortsteil Lohhof zu einem international bekannten Hotspot für Skater gemacht hat. Sein erstes BMX-Rad bekam der heute 51-Jährige zu seinem zwölften Geburtstag. Damals radelte er noch täglich von Oberschleißheim zur Schule in die Nachbargemeinde nach Unterschleißheim. Dort gab es bereits in den Achtzigerjahren ein paar Jugendliche, die mit Rädern und Skateboards Tricks probierten, allerdings meist auf dem Feld oder auf selbstgebauten Rampen. "Für mich war ziemlich schnell klar, meine Freizeitgestaltung ist in Unterschleißheim", erinnert sich Stellwag mit einem Grinsen.

Die Suche nach geeigneten Plätzen gestaltete sich allerdings schwierig. In Eching trafen sich die Skater auf dem Verkehrsübungsplatz, "wer etwas hatte, hat Rampen mitgebracht", erzählt Stellwag. Die Skater veranstalteten ihre ersten Wettbewerbe, doch danach musste jedes Mal alles abgebaut werden. 1990 beschlossen die jungen Sportler deshalb, sich zu organisieren; die "Rolling Wheels" waren geboren. Zu den etwa 50 Mitgliedern zählten bald mehrere deutsche Meister im BMX, darunter Stellwag. Bei der damals noch Gemeinde Unterschleißheim warb man darum, eine eigene Anlage aufbauen zu dürfen.

Nach einigen Jahren schließlich erhörte die Kommune die Bitten: Die Rolling Wheels traten als eigenständige Abteilung dem etablierten SV Lohhof bei. Dafür erwarb die Gemeinde 1996 ein etwa 3000 Quadratmeter großes Grundstück in Lohhof unweit der Tennisanlage und überließ dieses in Erbpacht dem SV. 1996 wurde asphaltiert, Ende des Jahres stand - nach 900 Arbeitsstunden - die erste Rampe. "Für uns war das sensationell, dass wir damals das Grundstück bekommen haben, um uns dort unsere Anlage selbst zu bauen", sagt Stellwag. Über die Monate hin wuchs der Skateparcours Stück um Stück, getragen von der Begeisterung der Gründungsmitglieder, die Tausende Stunden auf dem Platz verbrachten. Es blieb nicht lange geheim, dass es in Lohhof nun eine neue Skateanlage gab: Schon 1997 trafen sich die besten BMX-Fahrer des Landes im Münchner Norden, um die Deutsche Meisterschaft auszutragen. Es folgten weitere Wettbewerbe und Events, darunter die "German BMX Open" 2001 und die "PSP Champ Series" 2007.

Die Beliebtheit der Anlage hat jedoch einen Haken: Die Rampen müssen ständig gewartet werden. "Den Fahrbelag muss man spätestens alle zwei Jahre wechseln", sagt Stellwag, die Holzbalken erreichten nach etwa sechs bis acht Jahren ihren Zenit. Doch die Vereinsmitglieder, die diese Arbeiten ehrenamtlich übernehmen, wurden über die Jahre immer weniger. "Das kann man den Kids heute nicht übel nehmen", sagt Stellwag. "Es gibt inzwischen so viele öffentliche Anlagen in München und der Umgebung, da haben die Kids keine Lust, sich ein ganzes Wochenende hier hinzustellen und selbst zu bauen." Statt mit diesem Umstand zu hadern, suchte die Abteilungsleitung der Rolling Wheels nach einem Ausweg für die Zukunft. Anstelle der alten, reparaturintensiven Holzrampen soll die Skateanlage in wartungsarmem Ortbeton neu gestaltet werden. Die Pläne dafür haben Stellwag und seine Mitstreiter in den vergangenen fünf Jahren entwickelt, gemeinsam mit Skateparkbauern aus München und Spanien. Den SV Lohhof und die Stadt Unterschleißheim haben sie bereits dafür gewinnen können, nun müssen die Kommunalpolitiker noch ihr endgültiges Plazet zur Finanzierung geben.

Die neue Betonanlage soll fünf voneinander getrennte Bereiche haben, sodass mehrere Skateboarder, Scooter- und BMX-Fahrer parallel fahren können, außerdem Flutlicht, eigene WCs und eine Dachterrasse für Zuschauer. Eine Million Euro sind dafür kalkuliert; 400 000 Euro davon könnte die Stadt beisteuern, 200 000 Euro kommen vom BLSV, den Rest finanziert der Verein wohl über einen Kredit. Der Umbau wird voraussichtlich ein Dreivierteljahr dauern. "Wenn es nach uns geht, sind wir nächstes Jahr fertig", sagt Stellwag.

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Quelle:
SZ vom 30.09.2020/hilb
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