Edith-Stein-Realschule in UnterschleißheimSehbehinderten-Schule kann vorerst weitermachen

Lesezeit: 4 Min.

Technische Hilfsmittel vergrößern die Schrift und machen diese mit Kontrast besser lesbar.r
Technische Hilfsmittel vergrößern die Schrift und machen diese mit Kontrast besser lesbar.r
Leonhard Simon
  • Die Regierung von Oberbayern lenkt nach Protesten ein und richtet im kommenden Schuljahr 2026/2027 doch eine 5. Klasse an der Edith-Stein-Realschule in Unterschleißheim ein.
  • Die bayernweit einzigartige Schule für sehbehinderte Kinder war bedroht, weil zunächst nur vier sehbehinderte Kinder angemeldet waren und die Finanzierung verweigert wurde.
  • Eltern, Schule und das Sehbehindertenzentrum befürchten trotz der Entwarnung, dass dies der Anfang vom Ende der wertvollen Einrichtung sein könnte.
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Die bayernweit einzigartige Einrichtung schien in Gefahr, weil für September keine 5. Klasse zustande kommen sollte. Nach Protest von Eltern und Schule hat die Regierung eingelenkt. Aber ist die Rettung von Dauer?

Von Bernhard Lohr, Unterschleißheim

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Einzigartig, vorbildlich, unverzichtbar: Vor zwei Jahren wurde die Edith-Stein-Realschule in Unterschleißheim als Vorzeige-Einrichtung bejubelt. Doch die feierlichen Reden anlässlich des 50-jährigen Bestehens sind längst verklungen. Vor ein paar Wochen kamen ganz andere Töne aus der Regierung von Oberbayern, die für die Finanzierung zuständig ist. Die Behörde stellte die Einrichtung einer fünften Klasse im kommenden Schuljahr infrage. Nach Protesten von Eltern, Schule sowie Sehbehinderten- und Blindenzentrum in Unterschleißheim (SBZ) auch bei Kultusministerin Anna Stolz (Freie Wähler) vollziehen die zuständigen Stellen eine Rolle rückwärts.

Die Erklärung aus der Regierung, die auch im Namen der Ministerin auf SZ-Anfrage verschickt wurde und in Unterschleißheim Betroffenen die größten Sorgen nimmt, erweckt den Eindruck, dass man selbst etwas erschrocken ist, was mit einem administrativen Federstrich angerichtet worden wäre. Regierungssprecher Wolfgang Rupp teilt mit, „auch im kommenden Schuljahr 2026/2027 wird dort eine 5. Klasse eingerichtet werden“. Durch Nachmeldungen von Schülerinnen und Schülern und mögliche Wiederholer aus inklusiven Schulen gebe es in der Jahrgangsstufe mehr Schülerinnen und Schüler als zunächst prognostiziert. Doch auch ohne diese Nachmeldungen hätte man eine Lösung zum Erhalt der 5. Jahrgangsstufe gefunden, versichert die Regierung.

In einer ersten Reaktion auf die Entwarnung der Regierung zeigte sich Schulleiterin Susanne Dellert erleichtert. „Das wäre total schön“, sagte sie am Mittwoch, fügte aber zugleich skeptisch hinzu: Sie glaube erst richtig daran, wenn sie es schriftlich habe. SBZ-Geschäftsführer Reiner Ulbricht sagt: „Wir sind echt froh über dieses Signal.“ Aber noch sei vieles unklar. Könnten auch Kinder mit anderem Förderbedarf aufgenommen werden? Gelte die Zusage der Regierung nur für dieses Jahr? Wie gehe es weiter?

Schulleiterin Susanne Dellert befürchtet, Kindern mit Förderbedarf nicht mehr gerecht zu werden.
Schulleiterin Susanne Dellert befürchtet, Kindern mit Förderbedarf nicht mehr gerecht zu werden.
Leonhard Simon

Die Sorge auch von SBZ-Chef Reiner Ulbricht, Lehrkräften und Eltern: dass trotz der Entwarnung für das kommende Schuljahr der Anfang vom Ende der Realschule eingeleitet sein könnte. Eine wertvolle und für ganz Bayern einzigartige Einrichtung werde gefährdet, wenn es keine dauerhafte Zusage gibt. Kinder würden so um ihre Zukunftschancen gebracht, nur weil sie gesundheitlich beeinträchtigt seien.

Wenn Kinder schlecht sehen oder gar blind sind, brauchen Familien Beistand. Es geht um richtige Diagnosen und Beratung und das passende schulische Angebot. Das kann ganz unterschiedlich sein, je nachdem, ob einem Kind etwa mit einer Sehhilfe geholfen ist oder ob die Einschränkung zerebrale Ursachen hat. Das SBZ ist als „Kompetenzzentrum für den Förderschwerpunkt Sehen“ bayernweit für viele Eltern Anlaufstelle. Es unterhält unter anderem einen Mobilen sonderpädagogischen Dienst, der Lehrkräfte zu 500 Schülern im südlichen Bayern schickt, damit diese an Regelschulen unterstützt werden.

Der Einzugsbereich der Schule reicht vom Chiemsee bis nach Nordbayern

Wenn das nicht reicht, kommt die Edith-Stein-Schule in Unterschleißheim ins Spiel. Diese hat einen Einzugsbereich vom Chiemsee bis ins nördliche Bayern. Aktuell besuchen die Einrichtung 63 Schülerinnen und Schüler, sie erhalten in kleinen Klassen durch spezialisierte, erfahrene Fachkräfte und mit notwendigen technischen Hilfsmitteln eine Chance auf einen höheren Abschluss.

Diese über viele Jahre bewährte Arbeit schien Anfang dieser Woche noch gefährdet. Denn die Regierung hatte – im Gegensatz zu den Vorjahren – mit Schreiben vom 22. Mai verweigert, eine 5. Klasse mit dem „Förderprofil Sehen“ zu fördern, nachdem lediglich vier sehbehinderte Kinder angemeldet waren und die Klasse mit Schülern mit anderem Förderbedarf aufgefüllt werden sollte. Die Schule stand also vor der Option, die vier Schüler in der sechsten Klasse unterzubringen und den Unterricht jahrgangsübergreifend zu gestalten. „Ich weiß gar nicht, wie das funktionieren soll“, sagte Schulleiterin Susanne Dellert. Die aktuell wenigen Anmeldungen in der Eingangsklasse spiegelten auch nicht den wahren Bedarf wider.

Die Edith-Stein-Realschule verfügt seit 2015 über das Schulprofil „Inklusion“. Seit Jahren werden freie Plätze vor allem in der Eingangsklasse bis zur Mindestklassenstärke mit Kindern aufgefüllt, die einen anderen Förderbedarf haben. Laut Schulleiterin Dellert steigt in den höheren Jahrgangsstufen der Anteil der Schülerinnen und Schüler mit Sehbehinderung deutlich. Erfahrungsgemäß zeige sich bei etlichen Kindern mit der Zeit, dass sie an den Regelschulen wider Erwarten nicht zurechtkämen. Dann wechselten diese in der siebten oder achten Jahrgangsstufe und fänden in Unterschleißheim beste Bedingungen, um später mit einem guten Abschluss in das Leben hinauszugehen. Die 9. Klasse besuchen aktuell zwölf Schülerinnen und Schüler mit Sehbehinderung, insgesamt werden in der Klasse 16 Schüler unterrichtet. Im vergangenen Jahr verließen elf Absolventinnen und Absolventen die Schule mit der Mittleren Reife.

Schulbildung und Inklusion
:Eine Entscheidung mit Weitblick

Vor 50 Jahren wurde die Edith-Stein-Realschule für Sehbeeinträchtigte gegründet. Bis heute ist die Schule in Unterschleißheim die einzige Einrichtung dieser Art in Bayern, die Kindern den regulären mittleren Bildungsabschluss ermöglicht.

SZ PlusVon Bernhard Lohr

Die Verunsicherung war nach der infrage gestellten Finanzierung an der Schule groß und traf viele Familien. Dellert sagt, sie habe etlichen Betroffenen, die damit gerechnet hätten, dass ihre Kinder mit sonstigem Förderbedarf aufgenommen werden könnten, in der Zwischenzeit abgesagt, obwohl einige schon probeweise am Unterricht teilnahmen. Der Elternbeirat war alarmiert. Nach einem Protestbrief an Ministerin Anna Stolz wurde sogar über juristische Schritte diskutiert und eine Petition vorbereitet.

Die Eltern warnten vor weitreichenden Folgen, würde aus der einzügig geführten Schule eine vollständige Jahrgangsstufe „herausgebrochen“. Damit würden über Jahre hinweg Lehrerstunden, fachliche Angebote, Wahlpflichtfächergruppen und letztlich pädagogische Kompetenzen verloren gehen. Ohne eine durchgängige Klassenstruktur würde es schwieriger, die qualifizierten Lehrkräfte dauerhaft zu halten. Über Jahre erworbenes Spezialwissen wäre gefährdet. „Die Entscheidung über diese fünfte Klasse ist damit zugleich eine Entscheidung über die Zukunft der gesamten Realschule“, so Dellert.

Reiner Ulbricht beklagt, dass schon das Angebot an Wahlfächern eingeschränkt werden musste.
Reiner Ulbricht beklagt, dass schon das Angebot an Wahlfächern eingeschränkt werden musste.
Foto: Robert Haas

Dabei hat man in der Vergangenheit am SBZ als Träger der Schule schon immer wieder auch mit Widrigkeiten gekämpft, ohne gleich groß zum Protest aufzurufen. SBZ-Geschäftsführer Ulbricht beklagt, die Ressourcen seien nicht üppig, wenn etwa sechs Lehrkräfte Hunderte Schüler mit Sehbeeinträchtigung im Mobilen Dienst quer durch Bayern begleiten müssten. Die Regierung habe zudem an der Schule das Wahlpflichtfach Wirtschaft und Recht gestrichen, es seien nur Französisch und Werken geblieben.

„Dabei ist es nun mal die einzige Schule dieser Art.“ Schülern mit eingeschränktem Sehvermögen bleibe sonst nur noch die Regelschule, sagt Ulbricht. Die Finanzierung des SBZ als Ganzes sei immer eine Herausforderung und besonders für die kommenden Jahre, da eine Generalsanierung für 20 Millionen Euro anstehe. Zehn Prozent solle man als private Institution, die öffentliche Aufgaben übernehme, selbst beisteuern. Das sei keine Kleinigkeit.

Eine aktuelle offene Baustelle bleibt derweil am SBZ die unsichere Zukunft der Vorschulgruppe für die Jüngsten. Susanne Mück aus Haar hat hofft darauf, dass ihr Sohn, der eine starke Sehbeeinträchtigung hat, die Gruppe besuchen kann. Trotz des weiten Fahrwegs habe sie sich dazu durchgerungen, den Fünfjährigen nach Unterschleißheim zu bringen, weil er dort die Unterstützung bekommen könnte, die er brauche. Doch seit kurzem heiße es, die Gruppe sei nicht gesichert. „Wir wissen bis heute nicht, ob er die schulvorbereitende Gruppe besuchen kann.“

SBZ-Geschäftsführer Ulbricht bestätigt, dass die Regierung auch für diese bisher an die Grundschule angegliederte Einrichtung den Fortbestand infrage gestellt hat, weil nur noch Kinder mit dem Förderprofil Sehen angenommen werden dürften. Man arbeite daran, diese Gruppe an die Heilpädagogische Tagesstätte anzugliedern, sagt Ulbricht. „Das wäre dann ein adäquater Ersatz.“

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