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Unterschleißheim:Lüften oder lüften lassen

Neue Michael-Ende-Schule bekommt moderne Technik für 4,5 Millionen Euro

Von Irmengard Gnau, Unterschleißheim

Mit dem Sparen ist es so eine Sache. Wo anfangen und wo aufhören? Diese schwierige Frage mussten die Mitglieder des Unterschleißheimer Stadtrats einmal mehr für sich und für die Bürger beantworten. Und kamen mehrheitlich zu der Entscheidung: Bei der Raumluft soll es nicht sein. Die Michael-Ende-Grundschule, deren Schulhaus bis 2022 durch einen Neubau ersetzt werden soll, wird eine Belüftungsanlage erhalten. Dafür muss die Stadt allerdings noch einmal eine beträchtliche Summe auf die zu erwartenden Kosten draufschlagen; insgesamt wird der Neubau dann mit mehr als 70 Millionen Euro zu Buche schlagen.

Im Frühsommer hatten die Stadträte bereits ordentlich durchschnaufen müssen, als die Planer ihnen eröffnet hatten, dass sich der Schulbau kräftig verteuern würde - von angenommenen 42 auf 68,2 Millionen Euro, inklusive eines Sicherheitspuffers von zehn Prozent. Auch wenn die Stadtverwaltung in ihrer jüngsten Berechnung die zu erwartenden Rückgänge bei den Gewerbesteuereinnahmen durch die Corona-Krise nicht so gravierend einschätzt wie einmal befürchtet - sie rechnet mit etwa 38,6 Millionen statt ursprünglich 40 Millionen Euro - bereitete diese Kostenexplosion vielen Kopfzerbrechen. Einsparmöglichkeiten waren also gesucht, eine Be- und Entlüftungsanlage für Schulbereich, Mensa, Sporthalle und Kellerräume etwa wurde bereits aus den Planungen genommen. Dies hätte freilich Auswirkungen auf die Raumluftqualität in den Klassenzimmern, wie eine Untersuchung der Fachplaner zeigt.

In Klassräumen ist empfohlen, dass die CO₂-Konzentration in der Luft 1000 ppm nicht übersteigt; ein ppm entspricht dabei einem Molekül Kohlendioxid pro einer Million Moleküle trockener Luft. Hinzu kommt die Temperatur: An heißen Sommertagen kann es in den Klassenzimmern sehr warm werden. Übersteigt die Zimmertemperatur aber 26 Grad Celsius, so nimmt Wissenschaftlern zufolge die Lernfähigkeit der Schüler rapide ab. Ohne eine mechanische Lüftungsanlage aber könnten diese beiden Werte im Schulhaus nur erreicht werden, wenn in jedem Klassenzimmer regelmäßig gelüftet werde, und zwar alle 20 Minuten für fünf Minuten, erklärte Matthias Kling vom Ingenieurbüro Bauer. Das würde zwei Lüftungspausen pro Schulstunde nötig machen.

Für die Grundschule sei es durchaus denkbar, alle 20 Minuten von Hand zu lüften, übermittelte Bürgermeister Christoph Böck (SPD) die Stellungnahme von Rektorin Susanne Ehrichs. Böck gab zudem zu bedenken, dass mit dem Einbau einer Lüftungsanlage in der Michael-Ende-Schule verschiedene Standards in Unterschleißheim geschaffen würden, schließlich sind die beiden weiteren Grundschulen in älteren Gebäuden untergebracht und verfügen nicht über eine automatische Lüftung. Auch Martin Reichart (Freie Bürgerschaft) und Martin Riederle (FDP) sprachen sich wie die SPD-Fraktion gegen die Anlage aus. Sie warnten vor einer möglichen Verkeimung der Filter und wiesen darauf hin, dass andere Schulen bereits hohe Wartungskosten für ihre Anlagen ereilt hätten. Nachtlüftung sei ein durchaus effektives Mittel, die Temperatur zu senken, erklärte Kristine Wächter vom zuständigen Architekturbüro Bär, Stadelmann und Stöcker; die geplanten Stahlbetondecken im Gebäude könnten zudem kühle Luft speichern.

Alle Stadträte ließen sich jedoch nicht überzeugen, dass die kostengünstigere Variante der Handlüftung auf Dauer wirklich praktikabel ist. Die Hitzeperioden in Deutschland würden zunehmen, gab Brigitte Huber von den Grünen zu bedenken. Bei großer Hitze draußen sei Lüften aber eher kontraproduktiv. Ihre Fraktion sprach sich dafür aus, die inklusive Risikopuffer gut 4,5 Millionen Euro für eine mechanische Be- und Entlüftung mit Grundwasserkühlung im Schulgebäude einzuplanen. Dafür stimmte auch die CSU-Fraktion, die jüngst noch vorgeschlagen hatte, den Neubau zu verschieben. An der Lüftung wollte sie aber nicht sparen.

© SZ vom 25.07.2020

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