Unterschleißheim Langeweile und andere Widrigkeiten

Allein in den Containern auf dem ehemaligen Airbus-Gelände leben derzeit 371 Flüchtlinge.

(Foto: Claus Schunk)

In Unterschleißheim versucht ein Helferkreis, die Situation der Flüchtlinge zu verbessern und ihre Integration zu fördern

Von Alexandra Vettori, Unterschleißheim

Bundesweit ist die Zahl neu ankommender Flüchtlinge zurück gegangen, das Thema wieder an den Rand der öffentlichen Aufmerksamkeit gerückt. Doch allein in Unterschleißheim leben momentan 620 Asylbewerber in vier Sammelunterkünften. Sie stammen aus Afghanistan, Eritrea, Irak, Iran, Kongo, Mali, Nigeria, Senegal, Somalia und Syrien, und es sind nicht mehr länger nur junge Männer, sondern auch Familien und derzeit sieben werdende Mütter. Viele von ihnen haben schon eine Duldung oder einen Aufenthaltstitel, es müssen Anträge ausgefüllt, und Unterlagen zusammen gestellt werden, für Arbeitsamt, Schule, Kranken- und Familienkasse.

"Die Aufgaben des Helferkreises haben sich stark verändert, weg von der Unterhaltung, hin zur praktischen Lebenshilfe", erklärte jüngst vor den Stadträten des Sozialausschusses Hans-Joachim Kippe vom örtlichen Helferkreis. Zwar ist für die amtlich garantierte Sozialberatung die Caritas-Organisation Alveni zuständig, doch den täglichen Kontakt pflegt der Helferkreis.

Die größte der Unterschleißheimer Flüchtlingsunterkünfte ist derzeit die Containeranlage auf dem ehemaligen Airbus-Gelände, wo 371 Menschen bis Mitte Dezember untergebracht sind. Wohin sie dann ziehen, ist nicht bekannt. In den Containern in der Nördlichen Ingolstädter Straße leben 58 Menschen, im A1-Wohnheim 65, dazu kommen 40 Familien mit 126 Personen in dem umgebauten Bürohaus in der Siemensstraße.

Kernaufgabe des Helferkreises ist trotzdem der Deutschunterricht. Weil nicht bei allen Flüchtlingen Interesse besteht, hat man als Anreiz ein Zertifikat eingeführt. "Mit Einträgen in einem so genannten Fleißheft kann der Asylbewerber dokumentieren, wie wichtig Integration für ihn ist, das ist auch bei der Jobsuche hilfreich", erklärte Kippe. Jedenfalls seien die Kurse jetzt wieder reger besucht.

Enttäuschungen gebe es freilich auch, so sei das geplante Kinderturnen mit dem SV Lohhof nicht zustande gekommen. "Die Eltern waren nicht dazu zu bewegen, ihre Kinder einmal in der Woche zum Turnen in die Schule zu bringen", so Kippe. Trotzdem ist Langeweile das größte Thema in den Unterkünften. Viele Asylbewerber sind mit gebrauchten, instand gesetzten Fahrrädern unterwegs. Getreu dem Motto des Helferkreises "Hilfe zur Selbsthilfe" werden die Räder nicht verschenkt, sondern zum Reparaturpreis abgegeben. In der Containerunterkunft an der Landshuter Straße gibt es neuerdings eine wöchentliche Frauen-Gymnastik. Dazu bieten die örtlichen Sportvereine Asylbewerbern das Mitmachen an.

Für die nächsten Monate ist die Einrichtung einer Nähstube geplant. Und im Juli werden in der Realschulküche noch Kochabende abgehalten, bevor die Schule abgerissen wird. Kochen nämlich darf man nicht in jeder Unterkunft, viele Flüchtlinge vermissen die Kost ihrer Heimat. In der Unterkunft an der Ingolstädter Straße plant man ein Hochbeet für Gemüse zur Selbstverpflegung. Neben dem Helferkreis kümmert sich auch eine Gruppe von Elftklässlern aus dem Gymnasium regelmäßig und bietet Mittwochnachmittag an der Siemensstraße eine Kinderbetreuung an.

Wie Unterschleißheims Bürgermeister Christoph Böck (SPD) berichtete, gibt es in Unterschleißheim drei Übergangsklassen für Flüchtlingskinder, eine an der Ganghofer Grundschule und zwei an der Mittelschule. Das laufe nicht immer problemfrei, weil sich die jungen Menschen erst in der neuen Kultur einfinden müssten, aber einzelne Kinder wechselten bereits in die Regelklassen.

Kein Verständnis hat man beim Helferkreis dafür, dass das Landratsamt die zwei gespendeten Billardtische nicht in den Unterkünften aufstellen will. Das sei zu gefährlich bei Schlägereien, lautet das Argument, sagt Kippe. Dabei gebe es in der Siemensstraße sogar einen Raum, direkt neben der rund um die Uhr vorhandenen Security. Bürgermeister Böck versprach, in der Sache noch einmal mit dem Landratsamt zu sprechen.