Für Jessica Schmidbauer und Ella Majorovits haben die Worte „Vernunft“ und „Hoffnung“ große Bedeutung. Die beiden 18-Jährigen haben sie sogar dick und fett und an eine Wand gesprüht. Es ist ihr Kommentar zu den schrecklichen Geschehnissen, die sich vor gut 80 Jahren gleich ums Eck in Lohhof abgespielt haben.
Damals war Deutschland eine Diktatur. Die Nationalsozialisten machten Kriegsgefangene, Zwangsarbeiter und vor allem Juden zu Menschen zweiter Klasse. Sie entzogen ihnen ihre Rechte, nutzten ihre Arbeitskraft aus und brachten letztere millionenfach um.
Was bedeutet das alles für junge Menschen heute? Was können sie in einer Zeit daraus lernen, in der rechtsextreme Parolen wieder Zuspruch finden und die Rufe lauter werden, die Geschichte mal endlich Geschichte sein zu lassen? Die Stadt Unterschleißheim und das Stadtmuseum haben darauf die Antwort schon gegeben, und sie lautet, dass die Erinnerung an die Entmenschlichung wachgehalten werden soll. In Unterschleißheim bedeutet solche Geschichtsarbeit, sich mit dem Zwangsarbeitslager Flachsröste in Lohhof zu beschäftigen.
Hunderte wurden dort unter berüchtigt harten Bedingungen in der Verarbeitung von Flachsfasern geknechtet. Seit zwei Jahren gibt es am Schauplatz der Verbrechen den Gedenkort Flachsröste. Gleich dort und auch am Lohhofer Bahnhof bringen Jessica und Ella im Garten des Jugendzentrums „Gleis 1“ mit Graffiti-Kunst zum Ausdruck, was sie bewegt.

Beide nehmen an einem Workshop in Verbindung mit dem Zamma-Kulturfestival des Bezirks Oberbayern teil, in dem die für die Zeitgeschichtsarbeit zuständige Stadtmuseums-Mitarbeiterin Franziska Walter vermittelt, was in dem NS-Zwangsarbeitslager passiert ist. Sie hat einen Tagebuchauszug von Else Behrend-Rosenfeld dabei, die dort schuften musste und als eine von wenigen irgendwann fliehen und untertauchen konnte. „Der Jüdin Behrend ist mitzuteilen, daß sie sofort in jüdischen Wohnraum der Stadt München zu ziehen hat. Außerdem ist sie unverzüglich zur Arbeit in die Flachsfabrik Lohhof einzuweisen.“ So gab Behrend-Rosenfeld die schriftliche Order wieder, die ihr ein brüllender Gauleiter-Stellvertreter im Juni 1941 überreicht hatte. Und was erwartete sie dort? Ein Leben, „fast wie Sklaverei“, sagt Jessica Schmidbauer, „die Menschen mussten in Wohnheimen leben.“ Und die Bezahlung? „Schlecht bis gar nicht.“ Ella Majorovits sagt, „Pässe wurden eingezogen“.
Die beiden jungen Frauen und Schülerinnen der Fachoberschule Unterschleißheim können nicht nur mit Spraydosen gut umgehen. Sie sind auch schon gut informiert. Ihre Schule liegt nebenan, die Ausbeutung von Menschen in der Flachsröste, in der Flachs angeliefert, in Nasslagern gewässert und dann mühsam händisch bearbeitet werden musste, ist ihnen aus dem Unterricht bekannt. Anfangs war es ein normaler Betrieb, der in der Zeit des Kriegs mangels Baumwolle zur Produktion von Stoffen als kriegswichtig eingestuft und mit zwangsweise rekrutierten Arbeitskräften zur Höchstproduktion getrimmt wurde. Weil zum Kriegsende die Fabrik niederbrannte, fehlen viele Unterlagen. Schriftliche Zeugnisse sind rar. Wer Tagebuch führte, machte das oft verklausuliert.
Franziska Walter spricht von 350 namentlich bekannten Ausgebeuteten im Lager. Zunächst seien französische Kriegsgefangene eingesetzt worden, dann belgische Zivilarbeiterinnen und von Sommer 1941 bis Sommer 1942 Jüdinnen und Juden aus München. Das Lager und die Not der Arbeiterinnen und Arbeiter war im Ort Lohhof präsent, in dem damals nur etwa 1000 Menschen lebten.

Ein Wegschauen soll es nicht mehr geben. Jessica und Ella hoffen für sich und ihre Generation auf eine friedliche Welt und darauf, dass Menschen respektvoll miteinander umgehen. Für Jessica ist „Vernunft“ ein Weg dorthin, und Ella hält trotz der Übel in der Welt von heute die „Hoffnung“ hoch. Was Graffiti-Kunst vermitteln kann und vor allem auch wie das möglich ist, zeigen den beiden bei dem zweiteiligen Workshop die Künstlerin und Pädagogin Marian El Mohasseb und der Graffiti-Künstler Justus Koertgen. El Mohasseb erklärt, wie Schriften grafisch funktionieren und sich Buchstaben zu ausdrucksstarken Symbolen stilisieren lassen. „Hey, übertreib das doch mal“, gibt sie den jungen Graffiti-Novizinnen mit. Justus Koertgen bringt eine weitere Ebene in den Workshop ein. Er hat in Unterschleißheim und darüber hinaus schon viele Wände gestaltet. Jetzt will er gemeinsam mit der Graffiti-Künstlerin und Gestalterin von Graphic Novels, Greta von Richthofen, die Wände an den Bahnsteigzugängen mit dem Thema des NS-Zwangsarbeitslagers Flachsröste gestalten.
Es ist ein anspruchsvolles Unterfangen. Aber es steht in einer guten Tradition. Seit dem im Jahr 1992 mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichneten Comic „Maus“ des New Yorker Underground-Zeichners Art Spiegelman, das die Erzählung seines Vaters, eines jüdischen Holocaust-Überlebenden, in Bilder gefasst und die Nazidiktatur beschrieben hat, haben immer wieder Künstler versucht, die passende Bildsprache für solche Erzählungen zu finden. Die Graphic Novel gilt heute als etabliertes Mittel, um Zeitgeschichte einem jüngeren Publikum zu vermitteln. Derzeit viel besprochen ist die Umsetzung des Tagebuchs von Anne Frank durch Ari Folman und David Polonsky und auch Tobi Dahmens Columbusstraße, in dem er die Geschichte seiner Familie in der NS-Diktatur aufarbeitet. In diesem Fall jetzt, sagt Justus Koertgen am Rande des Workshops, sei die Stadt auf ihn zugekommen, das NS-Thema grafisch umzusetzen. In Zusammenarbeit mit einer Historikerin habe er mit Greta von Richthofen ein Konzept erarbeitet. Im August werde das im Lauf eines Monats umgesetzt.

Greta von Richthofen bringt Erfahrung mit. Sie hat unter anderem am Max-Mannheimer-Haus, der Jugendbegegnungsstätte an der KZ-Gedenkstätte in Dachau, gearbeitet und eine Grafische Biografie über Mannheimer geschaffen. Der 2016 gestorbene KZ-Überlebende und langjährige Präsident der Lagergemeinschaft Dachau gilt heute als einer der großen Aufklärer über die Gräuel der Nationalsozialisten und auch als ein Brückenbauer, der vor allem jungen Menschen von seinem Leben berichtet und ihnen Mut gemacht hat, dass Versöhnung möglich ist.
Ziel des Kunstwerks in Lohhof sei es, auf zwei Ebenen unterschiedliche Dinge zu vermitteln, erklärt Justus Koertgen. Zum einen wolle man in naturalistischer Weise Menschen in Zwangsarbeit zeigen. Diese farbig gehaltenen Bilder sollten aus der sonst in Blau- und Grautönen gehaltenen Gestaltung herausbrechen. „Durch diese Form der Darstellung sollen die Betrachtenden hier emotional andocken und Empathie zu den dargestellten Menschen aufbauen können.“
„Wenn man weiß, es ist ungerecht, nicht den Mund halten!“
In einem klaren Kontrast zu den naturalistischen Figuren werden sich Koertgen zufolge dann illustrative Darstellungen durch die Gestaltung ziehen. Im Bild sollen diese die Rolle der Erinnerungen, der mündlichen und schriftlichen Erzählungen übernehmen, die vom Alltag der Zwangsarbeiter und -arbeiterinnen geblieben sind. „Ähnlich dem Wesen der Erinnerung an die Vergangenheit sind die Darstellungen fragmentarisch und diffus.“
Judy Rosenberg ist eine Zeitzeugin, die auch bei Treffen mit Schülern aus Unterschleißheim noch von den Gräueln berichtet hat. Von ihr soll unter anderem der Satz in die Gestaltung aufgenommen werden: „Wenn man weiß, es ist ungerecht, nicht den Mund halten! Fight against!“

