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Nachhaltigkeit:Viele Wege zu mehr Mehrweg

Mit Pfandbechern und Pfandschüsseln gegen den Verpackungsmüll: Alexandra Huber vom Café Brandwerk in Taufkirchen.

(Foto: Claus Schunk)

Trinken und Essen to go hat gerade im Corona-Lockdown Konjunktur. Dabei fällt viel Müll an. Noch setzen nur wenige Wirte auf Pfandgeschirr. Die Städte Garching und Unterschleißheim wollen das ändern.

Von Irmengard Gnau und Bernhard Lohr

Was in Vor-Corona-Zeiten ein gemütlicher Besuch bei der Freundin zu Tee und Kuchen war, ist heute meist ein winterlicher Spaziergang - auf Abstand eben. Trotzdem erwacht dabei oft die Lust, gemeinsam einen Kaffee oder ein anderes Heißgetränk zu genießen. Und danach vielleicht ein Stück Kuchen oder eine Suppe zum Mitnehmen für daheim? Viele Menschen im Landkreis unterstützen in dieser schweren Zeit die arg gebeutelte Gastronomie, indem sie sich Speisen und Getränke abholen und diese zu Hause verzehren. Der Müllberg aber wächst. Der Ruf nach Alternativen zu Einweg-Bechern und Einweg-Essensschalen wird lauter.

Als Alexandra Huber und Ingo Jänike vor bald vier Jahren das Café Brandwerk in Taufkirchen eröffnet haben, war schon klar, dass sie ihre "Liebe zum guten Geschmack", wie sie sagen, mit einer ordentlichen Portion Umweltbewusstsein verbinden würden. Huber hatte zuvor in Rosenheim in der Gastronomie gearbeitet und traf dort auf Fabian Eckert und Florian Pachaly, die Gründer der Recup GmbH, die mittlerweile mit ihren wiederverwendbaren Bechern und Schüsseln ein deutschlandweites Pfandsystem aufgebaut haben, welches das viele Plastikgeschirr überflüssig machen soll. Das wollte Alexandra Huber in ihrem eigenen Café auch.

Und so liefern Huber und Jänike ihren Fisch, ihr gebratenes Zanderfilet und ihre Spinatknödel mit Salbeibutter damit aus und erleben jetzt, wie sie mit ihrem Weg mehr und mehr Zuspruch erfahren. Die Corona-Pandemie mit ihrem Boom der Lieferdienste spielt da eine Rolle. Huber sagt, in ihren Gesprächen mit Kunden höre sie oft, dass der Abfall reduziert und Ressourcen geschont werden müssten. "Der Gedanke in den Köpfen wächst", sagt sie. Die Idee der Recup-Gründer sei klasse. Aber es gab und gibt nach wie vor Hürden und die Frage, ob das Pfandsystem der Rosenheimer, die mittlerweile ihre Firma in München-Sendling haben, das beste ist.

Zwei Wirte, eine Idee: Daniel Eiglmeier und Fatih Colak aus Unterschleißheim wollen beim Ausliefern von Menüs weniger Müll produzieren.

(Foto: Robert Haas)

Jedenfalls muss eine Idee auch zur rechten Zeit kommen. Bereits vor Jahren warb Huber im Gewerbeverband Taufkirchen dafür, dass Wirte am Ort mitmachen bei dem Umstieg auf Mehrweg. Es gab eine Umfrage, doch es habe sich nur eine Bäckerei zum Mitmachen bewegen lassen. Obwohl die Gemeinde, wie Huber sagt, das toll unterstützt habe.

Unterstützung aus den Rathäusern

Jetzt sollen wieder die Rathäuser mithelfen, den Weg aus der Müllmisere zu weisen. Unterschleißheim hat vor Jahren schon einmal die Einführung von Recups unterstützt. Da es jetzt auch Pfandschalen gibt, fordert dort die CSU eine Anschubfinanzierung für Wirte. Die Grünen in Garching propagieren das auch. CSU-Chef Stefan Krimmer in Unterschleißheim hat die Wirte der Parkgaststätte angesprochen - und die sind prompt dabei. Die Parkgaststätte bietet eine breite Palette an Gerichten: Balkanküche, Burger, Pasta. Das in großen Mengen in Papp- oder Styroporbehältern auszuliefern, befriedigt nicht.

"Es fällt ein Haufen Müll an", sagt Daniel Eiglmeier. Die Idee mit dem Pfandgeschirr überzeuge ihn, sagt der Wirt, der auf Krimmers Anregung hin mit der Firma Recup telefoniert hat. Das seien gute Gespräche gewesen, sagt er. Man gehe auf die Bedürfnisse der Gastronomie ein. "Die haben eine Ahnung von dem, was sie tun." Von März an soll es in der Parkgaststätte zusätzlich zum Getränkebecher to go für ein Euro Pfand eine Schale to go für fünf Euro geben. Das Geschirr nimmt jeder teilnehmende Betrieb zurück.

Andere Anbieter wie Relevo, Vytal oder Recircle verlangen kein Pfand. Jeder Kunde registriert sich stattdessen über eine App und scannt jeden Becher und jede Schüssel, die er nach Hause mitnimmt, ein. Das Geschirr kann innerhalb von 14 Tagen kostenlos bei teilnehmenden Restaurants zurückgegeben werden. Relevo wird bereits von mehr als 90 Lokalen in München angeboten; auch die Systeme von Vytal und Recircle sind verbreitet.

Recircle gibt es im Landkreis etwa im Hofladen in Grasbrunn, in der Airbus-Kantine in Taufkirchen sowie im Grasbrunner Wirtshaus am Sportpark. Vytal nutzt die Waldeslust in Unterhaching. Deren Wirt Holger Müller hat ein paar Jahre Erfahrung damit. Er hält die Becher und Schüsseln für eine "ganz tolle Sache". Die Kunden müssten nichts bezahlen, die Abrechnung laufe über ihn und jedes ausgegebene Essen. Aber er macht eine Erfahrung, die auch Alexandra Huber vom Recup-System kennt: So richtig gut funktioniert das alles nur, wenn möglichst flächendeckend ein System angeboten wird. Erst wenn der Grieche, der Italiener am Ort und die bayerische Traditionswirtschaft mitmachen, dann kursieren die Becher und Schüsseln.

Unterschiedliche Systeme

Diese Schwelle ist in den Kommunen um München bei weitem nicht erreicht. Wer in Taufkirchen am Freitagabend beim Café Brandwerk einen gefüllten Putenbraten bestellt und am Samstag beim Zinners eine gesottene Ochsenbrust, der bekommt es mit zwei unterschiedlichen Mehrweg-Systemen zu tun. Auch das Zinners nutzt die Vytal-Schalen. Alexandra Huber bedauert diese parallelen Strukturen, die sich gegenseitig nicht befruchteten. Wenn die Kommunen da steuernd eingreifen, könnte das ihrer Meinung nach helfen.

Aber dürfen die Rathäuser ein System unterstützen? CSU-Mann Stefan Krimmer wirbt jedenfalls offen dafür, dass die Stadt Unterschleißheim nach der erfolgreichen Einführung der Recups nun mit einem 360-Euro-Zuschuss für das erste Jahr die Rebowls unterstützt. "Die Möglichkeit, Plastikmüll und damit auch Treibhausgase in erheblichem Umfang damit einzusparen, rechtfertigt diese Anschubfinanzierung allemal", sagt er.

Alexandra Huber jedenfalls hat als eine Kinderkrankheit ausgemacht, dass viele Becher bei den Kunden zuhause in den Schrank wandern und dann dort bleiben. Sie muss immer wieder Becher nachbestellen, weil weniger zurückkommt, als sie ausgibt. Doch sie glaubt an Mehrweg, auch wenn sie neuen Kunden erklären muss, was es mit dem Pfand auf sich hat. Sie glaubt, dass sich das durchsetzt. Die Einmal-Behälter, die sie anfangs hatte, hat sie abgeschafft. Holger Müller in Unterhaching fährt dagegen seit Jahren mit Vytal zweigleisig, um den Kunden entgegenzukommen. 80 Prozent der Kunden nutzten die normalen Verpackungen, 20 Prozent Vytal. "Es wird am Ende darauf hinauslaufen, dass der Kunde entscheidet."

Oft hat dieser noch keine Wahl. In Garching gibt es bislang keinen Mitnahmeverkauf mit Mehrweggeschirr. Die meisten Gastronomen hätten auf Nachfrage aber grundsätzlich Interesse signalisiert, sagt Felicia Kocher von den Grünen. Die Fraktion regt daher im Stadtrat an, dass Garching seine Wirtinnen und Wirte bei einer Umstellung auf Mehrweg mit bis zu 300 bis 400 Euro unterstützt, und das möglichst unkompliziert mit einer einfachen Antragsmöglichkeit. Den Vorteil für die Gastronomie sieht Kocher in den mittelfristig geringeren Ausgaben bei Mehrwegboxen statt Einwegplastik. Es profitieren also Gastronomen und Umwelt. Hinzu kommt, dass von diesem Jahr an Einwegprodukte aus Kunststoff wie Plastikbesteck, Styroporburgerboxen oder Strohhalme EU-weit nicht mehr produziert werden dürfen.

Der Gesetzgeber will bis 2023 den Einsatz von Mehrweg-Verpackung in der Gastronomie fördern. Ein Gesetzentwurf, den das Bundeskabinett Ende Januar beschlossen hat, sieht vor, dass jede Gaststätte solche anbieten muss, ohne höheren Preis. Bundestag und Bundesrat müssen noch zustimmen. Die Städte Unterschleißheim und Garching können die Entscheidung der Wirte, Mehrweg anzubieten, beschleunigen, indem sie sich in den Markt einmischen. Sie haben Vorbilder in ihrem Bemühen: Der Bezirksausschuss Ramersdorf-Perlach hat jüngst beschlossen, Gastronomen mit je 500 Euro bei diesem Vorhaben zu unterstützen. Die Stadt Tübingen hat bereits eine Anschubfinanzierung eingeführt. Tübingen ist aus Sicht der Deutschen Umwelthilfe auch weiter Vorbild: etwa mit seiner von 2022 an geplanten kommunalen Verbrauchssteuer auf To-go-Verpackungen.

© SZ vom 13.02.2021/sab
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