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Unterschleißheim:Fahrradfahrer fühlen sich von der Straße gedrängt

Am Unterschleißheimer Furtweg kann es eng werden. Autofahrer ärgern sich mitunter, wenn sie nicht an Radlern vorbeikommen.

(Foto: Alessandra Schellnegger)

Nicht alle Radwege sind benutzungspflichtig. Weil viele das nicht wissen, kommt es am Unterschleißheimer Furtweg immer wieder zu unschönen Szenen

Von Irmengard Gnau, Unterschleißheim

Es war ein Riesenschreck für Christian Zeller. Wie jeden Mittwoch am frühen Abend war der 41-Jährige Anfang August auf dem Weg zu einem Arbeitstermin von der Hauptstraße in Unterschleißheim nach links, in nordwestliche Richtung, in den Furtweg eingebogen. Nach kurzer Zeit bemerkte er einen Lastwagen hinter sich auf der Fahrbahn, der immer näher kam. Beim Umschauen sah Zeller nach eigenen Angaben, wie der Fahrer ihn "wild gestikulierend" anwies, nach rechts auszuweichen und die Straße freizumachen. Der Furtweg ist schmal, am rechten Fahrbahnrand verläuft ein gepflasterter Gehweg mit einem geteerten Streifen für Radfahrer. Da der Randstein nicht abgesenkt war, fuhr Zeller zunächst weiter auf der Straße. Der Lkw näherte sich ihm daraufhin immer weiter, Zeller bekam es mit der Angst zu tun und lenkte sein Fahrrad schließlich "in Panik" auf den Gehweg, wo er gegen einen Zaun prallte und stürzte. Der 41-Jährige blieb unverletzt. "Aber wäre ich auf der Fahrbahn gestürzt, wäre ich tot", ist er überzeugt. Der Lkw fuhr weiter.

Dass sich der drängelnde Lastwagenlenker rücksichtslos verhalten und damit einen anderen Verkehrsteilnehmer gefährdet hat, scheint unstrittig. Zeller erstattete noch am selben Abend Anzeige bei der Polizeiinspektion Oberschleißheim. Die Polizei führt den Furtweg nicht als Unfallschwerpunkt. Robert Burschik vom ADFC-Kreisverband München aber ist die Strecke gut bekannt. Er sieht hier ein Grundproblem: "Bis vor einigen Jahren stand in der Straßenverkehrsordnung noch sinngemäß: Wenn in einer Straße ein Radweg vorhanden ist, muss er von Radfahrern benutzt werden. Das ist so aber schon lange nicht mehr gültig." Heute ist ein Radweg nur dann benutzungspflichtig, wenn eines der folgenden drei Schilder an seinem Anfang das anzeigt: ein weißes Fahrrad auf rundem, blauem Grund oder alternativ ein Fahrrad- und ein Fußgängersymbol mit Trennstrich längs beziehungsweise quer für gemeinsame Wege. In allen anderen Fällen dürfen Radler auch auf der Fahrbahn fahren - weil das Studien zufolge für sie sicherer ist. "Diese Regeln sind aber vielen Verkehrsteilnehmern, die ihren Führerschein vielleicht vor Jahren gemacht haben, nicht bewusst", sagt Burschik. Dadurch kommt es häufig zu Konflikten, weil Autofahrer sich ärgern, wenn ein langsamerer Radler - vermeintlich zu Unrecht - vor ihnen auf der Straße fährt.

Am Furtweg kommt noch eine Schwierigkeit hinzu: Bis vor wenigen Jahren war der schmale Teerstreifen neben dem Gehweg tatsächlich ein verpflichtender Fahrradweg. Erst 2015 (für den Abschnitt zwischen Landshuter Straße und "Am Weiher") beziehungsweise 2017 (für den Abschnitt zwischen Hauptstraße und Landshuter Straße) hob die Stadt die Radwegbenutzungspflicht auf - weil der Radstreifen, wie man festgestellt hatte, viel zu schmal ist für heutige Standards. Inzwischen ist der Furtweg auf seiner gesamten Länge Tempo-30-Zone, wo der Radverkehr grundsätzlich auf der Straße stattfindet. Wer sich unsicher fühlt, darf aber den alten Radweg weiterhin nutzen, solange er Fußgänger nicht gefährdet, erklärt die Stadtverwaltung.

Doch diese Neuerungen sind offensichtlich noch nicht jedem bekannt, wie auch eine Debatte unter Unterschleißheimern auf Facebook zeigt. Beinahe-Unfallopfer Zeller wünscht sich, dass die Stadt mehr Klarheit schafft im Furtweg. "Sonst provoziert die optische Situation Konflikte zwischen den Verkehrsteilnehmern", fürchtet er. Die Grünen haben beantragt, den Furtweg auf großen Teilen ganz zu einer Fahrradstraße zu machen. Die Stadt München stellt an Stellen, an denen Radler neu die Straße mitbenutzen dürfen, eigene Schilder auf mit dem Hinweis "Radfahren auf der Fahrbahn erlaubt".

© SZ vom 20.08.2020

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