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Unterschleißheim:Die Manege bleibt leer

Kein Auftritt, keine Einnahmen: Die Zirkusse Barnum und Bambino campieren in Unterschleißheim. Trotz Unterstützung der Stadt und Hilfe von Privatleuten steigen die Schulden.

Von Anna Lea Jakobs, Unterschleißheim

"Das ist wirklich der reinste Zirkus", sagt Fiori Zristofaro kopfschüttelnd darüber, wie der Staat Zirkusbetriebe in der Corona-Krise alleine lässt. Der Familienvater kommt fast jeden Tag mit seinem Sohn zum Zirkus Barnum, der durch die Corona-Pandemie seit August auf der großen Volksfestwiese direkt neben den eierschalenfarbenen Containern des Impf- und Testzentrums in Unterschleißheim gestrandet ist. Altes Brot, Karotten und Salat bringen die beiden bei ihren Besuchen mit und verfüttern es an die kleinen Ziegen und die großen Dromedare, die ihre Köpfe neugierig aus ihren Gehegen strecken.

Etwa 100 Meter weiter weist nur ein auf einem Hänger stehendes Schild, das hinter Bäumen versteckt ist, auf einen weiteren Zirkus hin. Der Zirkus Bambino harrt seit März auf einer Wiese nahe dem Hans-Bayer-Stadion aus. Gleich zwei Zirkusfamilien sitzen in Unterschleißheim fest. Sie überleben nur dank Unterstützung der Stadt und Bürgern wie Fiori Zristofaro.

Eine hochschwangere Frau öffnet die Tür ihres Wohnwagens. Es ist Mandy Frank vom Zirkus Bambino, die jüngste Zirkusdirektorin Europas. Sie habe noch fünf Minuten, bevor die Geburtstagsfeier ihrer Nichte Liliana beginne und die restliche Familie vorbeikomme, sagt Frank. Die 24-köpfige Crew gestaltet unter normalen Bedingungen ein Mitmachprogramm für Kinder und andere Zirkusbegeisterte. Bei ihnen kommen keine Tiere in die Manege.

Ohne Wasser und Strom standen sie im Frühling auf der Straße, erzählt Mandy Frank, weil der Vermieter ihres Stellplatzes in Petershausen sie von heute auf morgen rausschmiss. Wegen der Corona-Pandemie und ausbleibenden Auftrittsmöglichkeiten hatte die Zirkusfamilie keine Einnahmen mehr und so konnten sie die Miete nicht mehr bezahlen. Die Zirkusdirektorin fuhr dann verzweifelt nach Unterschleißheim, um um Hilfe zu bitten. Noch am selben Tag erledigten die Mitarbeiter des Rathauses den Papierkram.

Markus Kaiser vom Zirkus Barnum kennt die finanzielle Not, ausgelöst durch die Corona-Einschränkungen. In dem Wohnwagen von ihm und seiner Frau Nathalie Kaiser stapeln sich die Rechnungen, die das Ehepaar aus Angst gar nicht mehr öffnet. Die Familie muss alleine für das Futter der Tiere etwa 400 Euro pro Tag hinblättern. Dazu kommen Versicherungen, Tierarztrechnungen und zum Leben braucht die Familie Kaiser schließlich auch noch ein wenig Geld.

Mandy Frank ist gerührt von der Unterstützung der Bürger. "Sonst hätte es sehr leer unter dem Weihnachtsbaum ausgesehen."

Unterschleißheim greift den Zirkussen deshalb unter die Arme, indem die Stadt die Platzmiete erlässt. "In den letzten Monaten riefen die Stadt und andere Medien Spendenaktionen aus", berichtet Annette Eichinger von der Pressestelle der Stadt. Auch die Strom- und Wasserkosten werden von der Stadt übernommen. Der zweite Bürgermeister klopfte sogar persönlich an den Wohnwagen der Kaisers, um sich nach der Lage der Familie zu erkundigen.

Diese Zugewandtheit sei eine Ausnahme, sagt Markus Kaiser, denn die meisten Städte und Gemeinden reagieren auf den Zirkus eher abweisend. "Viele Orte haben uns auch schon vor Corona Stellplätze verweigert und wir durften unsere Plakate nicht aufhängen. Von der fehlenden Hilfe des Staates ganz zu schweigen." Mandy Frank ist gerührt von der Unterstützung der Bürger.

Bei der städtischen Mülldeponie der Familie Hartmeier darf ihr Zirkus gratis seinen Müll wegbringen. "Für einen Kasten Spezi oder Bier packen die Mitarbeiter auch noch mit an", erzählt die Direktorin. Dann wird sie unterbrochen, ihre Nichte Liliana, die an dem Tag Geburtstag feiert, öffnet die Tür des Wohnwagens. In den ersten Monaten brachte die Tafel übrig gebliebenen Lebensmittel vorbei. Vor Weihnachten organisierte das Rathaus, dass die Kinder vom Zirkus Bambino Wunschzettel schreiben durften und ein Geschenk aus Unterschleißheimer Geschäften erhielten. Mandy Frank: "Sonst hätte es sehr leer unter dem Weihnachtsbaum ausgesehen."

Auf der Volksfestwiese hängt eine Spendenkasse an dem Zaun der Ziegenkoppel. An der Seite der Zelte stehen aufgereiht Heuballen. Die lokalen Landwirte kommen hin und wieder mit Futter für die Tiere. Markus Kaiser geht an neugierigen Spaziergängern vorbei und grüßt sie freundlich. Selbst im Nieselregen stehen hier Familien mit ihren Kindern, streicheln die Tiere und füttern sie mit Karotten und Brot. Der kleine Sohn von Fiori Zristofaro turnt auf einem Brotberg herum, der von der örtlichen Bäckerei früh morgens gebracht wurde. Danach verschwindet das Kind wie selbstverständlich im Zelt, sein Vater und Markus Kaiser sind schon beim Du angelangt. Einmal brachten Leute Säcke voll Äpfel, die sie gar nicht in den Mengen an die Tiere verfüttern konnten, weil die von zu vielen Äpfeln Verdauungsbeschwerden bekämen.

In seinem Wohnwagen sitzend macht der Zirkusdirektor klar, dass die Unterstützung der Bürger für seinen Lebensunterhalt nicht ausreicht. "Die Spenden reichen hinten und vorne nicht, aber wir sind mit Kleingeld aufgewachsen." Vom Sessel neben der Küche ruft seine Frau Nathalie Kaiser: "Zirkuskinder sind Überlebenskünstler!"

© SZ vom 02.01.2021/wkr
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