Mitmach-KulturAußerirdische im Bürgerhaus Unterschleißheim

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Zwei Unterschleißheimer als Osterhasen: Ritta Fiechtinger und Reinhard Mentele während einer Probe im Bürgerhaus.
Zwei Unterschleißheimer als Osterhasen: Ritta Fiechtinger und Reinhard Mentele während einer Probe im Bürgerhaus. Andreas Prott

Beim Konzept der Bürgerbühne erarbeiten Theater-Laien lokal gefärbte und oft durchgeknallte Stücke unter Anleitung von Profis. Regisseurin Anschi Prott inszeniert ein Jubiläumsstück mit Protagonisten aus der Stadt.

Von Udo Watter, Unterschleißheim

Es ist eine Frage, die das Universum bewegt:  Warum leben in Unterschleißheim die zufriedensten Bürgerinnen und Bürger?  Außerirdische machen sich auf in die Stadt im Münchner Norden, um eine Antwort zu finden. Doch statt die Verwaltung zu erreichen, treffen sie auf das Traumwürmchen und begeben sich mit ihm auf die Reise in Unterschleißheimer Träume, Geschichten und Gefühle.

„Träum weiter, USH!“ So heißt das Jubiläumsstück, das die Bürgerbühne Unterschleißheim Anfang Oktober in zwei Vorstellungen zeigen wird: Realisiert im Kontext von „25 Jahre Stadt Unterschleißheim“ entfaltet es in verschiedenen märchenhaften Episoden ein schräges Panoptikum mit dezidiert lokalem Touch: Die Außerirdischen entdecken – von Traumwolke zu Traumwolke fliegend  – „gut bewässerte Verwaltungsgebäude und fantastische Konzepte einer neuen Ortsmitte“. Neben normalmenschlichen Locals wie Bürgermeister, Hausmeisterin (Facility Managerin) und Unternehmensberater bevölkern auch fiktive Figuren wie Peter Pan, Robin Hood, E.T. und zwei Osterhasen die Bühne.  „Es wird ziemlich skurril“, verspricht Anschi Prott.

Die Regisseurin und Theaterpädagogin aus Unterföhring ist der Spiritus Rector dieses Projekts, sie zeichnet für die Inszenierung und für die Textfassung verantwortlich. Nachdem sie in ihrer Heimatgemeinde schon mehrere Bürgerbühnen-Projekte erfolgreich realisiert hat, wird in diesem Jahr erstmals auf Unterschleißheimer Terrain eine derartige Eigenproduktion unter ihrer Ägide verwirklicht. Premiere ist am 4. Oktober im Bürgerhaus.

Beim Konzept Bürgerbühne, das auf das sogenannte „Dresdner Modell“ aus dem Jahr 2009 zurückgeht, erarbeiten spielfreudige Laien unter professionellen Produktionsbedingungen –inklusive Regisseur und Kostümbildnerin, Bühnenbildner oder Dramaturgin – gemeinsam eine Inszenierung. „Das unterscheidet eine Bürgerbühne auch vom Laientheater“, so Prott. Meist werden Themen aufgegriffen, die die Einwohnerschaft bewegen. Eine Intention dieser Projekte ist es auch, die soziale Durchlässigkeit zu fördern, verschiedene Milieus, Berufe und Generationen im Theater, im Spiel zusammenbringen. Wie in Unterschleißheim.

„Die Bürgerbühne ist ein Modell mit hohem Qualitätsanspruch“, erklärt Prott. Neben den unterstützenden Theater-Profis stehe dafür auch das professionelle Kulturteam der Stadt samt Licht- und Bühnentechnik. Regisseurin Prott, die 2018 für die Inszenierung des Stückes „Name: Sophie Scholl“ mit dem Heidelberger Theaterpreis Puck ausgezeichnet wurde, sieht Theater als „Denkraum“, als künstlerischen Ort der Begegnung, der Vergnügen bereiten, aber auch zur Reflexion anregen soll. Der pädagogische Ansatz ist bei ihr wichtig, das Vermitteln und methodische Erarbeiten theaterspezifischer Kernelemente: dramaturgisch packend und mit Lust am Perspektivwechsel.

Regisseurin und Theaterpädagogin Anschi Prott.
Regisseurin und Theaterpädagogin Anschi Prott. Florian Peljak

Wichtig ist dabei immer die ambitionierte und kreative Mitarbeit der Teilnehmer: Sie sammeln charakteristische Themen sowie Improvisations- und Interviewmaterial aus ihren Gemeinden und Milieus, was dann von Prott in ein Theaterstück umgeformt wird. Einzelne Episoden des USH-Stücks tragen Titel wie „Überleben in Unterschleißheim als Nicht-Bayer“ oder „Immer dieses Gfrett mit dem Regen“.

In Unterföhring hat Prott, die auch Gründerin von TIM („Theater ist mehr“) ist, das Konzept „Bürgerbühne“ bereits viermal umgesetzt. In diesem Herbst wird sie neben dem Unterschleißheimer Projekt, das komplett von der Stadt finanziert wird, auch eines im Münchner Stadtteil Trudering realisieren, wo das Kulturzentrum heuer sein 20-Jähriges feiert.

Es reicht nicht, nur Text zu lernen

Hier wie dort erfordert die Produktion eine längere Vorarbeit:  Die ersten Workshops für „Träum weiter, USH“ begannen bereits im Oktober 2024, die Proben zum Stück fingen im Januar 2025 an, einmal wöchentlich sowie mitunter auch am Wochenende. Wenn nach den Workshops die Proben beginnen und dabei die Vorgaben gewöhnlich strenger werden, ist das durchaus gewöhnungsbedürftig für die Protagonisten, wie Prott erklärt: „Dieses Befolgen von Regieanweisungen ist vielen fremd, und darauf muss man sich erst mal einlassen. Manche werden dann steif und müssen feststellen: Man muss im Theater nicht nur Text lernen, sondern innere und äußere Handlungsabläufe verinnerlichen, den Subtext immer richtig bedienen.“ Es gelte eben, seine Hausaufgaben zu machen.

Wenn freilich die Erkenntnis reift, dass die Regieanweisungen Sinn ergeben, dass die Szenen sich entwickeln, dann schleiche sich der Ehrgeiz ein, so Prott. Die Liebe zum Stück steige, das Ensemble wachse zusammen. Weitere Ideen würden gesponnen, das Textskript wird immer wieder angepasst und ergänzt. Prott versucht stets, die Figuren den Teilnehmern auf den Leib zu schneidern, sagt sie: „Ihre Gestik, ihre Art zu sprechen, ihre Art, sich zu bewegen, ihre Lebenserfahrungen und Umstände fließen ein.“ So sehr dann auch authentisches Spielen entstehe, bleibe der Spieler zwar doch Laie, aber er lerne viel „über die Kunstform Theater“.

Am 17. September steht die nächste Probe an. Premiere ist am Samstag, 4. Oktober, eine weitere Aufführung am Sonntag, 5. Oktober, Beginn jeweils um 19 Uhr. Tickets gibt es über forum-unterschleißheim.de

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