Seit dem 1. Advent wohnt bei Familie Köth in Unterhaching der Wichtel Pauli. Er treibt viel Schabernack und bereitet den beiden vier- und siebenjährigen Kindern eine große Freude. Gesehen haben sie ihn noch nie. Da ist er aber, da können sie sich sicher sein. Stehen doch vor der Mini-Türe in einem Eck des Wohnzimmers seine Stiefelchen. Seinen Keks und seine Milch, die ihm die Kinder jeden Abend vor die Tür stellen müssen, hat er auch schon verzehrt.
Er hinterlässt nachts Briefe. Er spielt lustige Streiche. „Die Kinder finden es toll – und sie stehen sehr gut auf in der Vorweihnachtszeit“, erzählt Mutter Anja, die Influencerin ist und auf ihrem Instagram-Kanal femily.hashtagt ein Reel gepostet hat, mit einem Wichtelfahrplan samt Briefvorlagen und Ideen für Streiche. Mit ihrem geheimnisvollen Mitbewohner sind die Köths nicht allein. Hört man sich bei Familien mit kleineren Kindern um, haben mittlerweile viele in der Adventszeit einen Wichtel bei sich wohnen. Auch Zahlen belegen, dass die neue Tradition immer beliebter wird. Laut der Weihnachtsstudie von Philipp Rauschnabel, Professor für digitales Marketing und Medieninnovation an der Universität der Bundeswehr in Neubiberg, ist die Weihnachtswichtel-Tradition um 41 Prozent bekannter als im Vorjahr. Es wurden 1252 Personen ab 18 Jahren in Deutschland befragt. 26 Prozent mögen den Trend bereits, weitere 21 Prozent entdecken ihn neu und finden ihn spontan sympathisch.

Die Tradition der Wichtel stammt aus Skandinavien und hat dort viele Ausprägungen. „Gemein ist den Wichteln aber, dass sie bei den Menschen leben, ohne gesehen zu werden und dafür sorgen, dass alles seinen guten gewohnten Gang geht“, sagt Katarina Yngborn, Lektorin für Schwedisch am Institut für nordische Philologie an der Ludwig-Maximilians-Universität. In Schweden heißen sie „Tomte“, im Dänischen „Nisse“. Die Tradition der Wichteltür hat lange historische Wurzeln als Tor zu fantastischen Wesen.
An diesem Tag liegt vor dem Türchen bei der Unterhachinger Familie ein Bild mit einem Tannenbaum, das die Kinder für den Wichtel gemalt haben. In einem Brief hatte er sich eines gewünscht, weil sein Zuhause so langweilig sei. Sich jeden Tag Streiche überlegen müssen, die Utensilien besorgen. Ist das nicht ein ziemlich großer Aufwand in der Vorweihnachtszeit, in der Eltern mit Weihnachtsvorbereitung und Co. sowieso viel zu tun haben? Das muss es nicht sein, findet die Influencerin. Sie schlägt in ihrem Wichtelfahrplan Sachen vor, „die schaffbar sind“, wie sie sagt, „kein fancy Zeug“. An einem Morgen saßen alle Kuscheltiere der Kinder auf dem Sofa, weil sie eine Filmnacht gemacht hatten. Da sei auch keine Beschwerde gekommen, weil sie das im vergangenen Jahr auch schon taten. „Die Kinder glauben das ja, sie hinterfragen das nicht“, sagt sie. Schon die Wichteltür allein entfalte eine magische Kraft. Dass es immer etwas noch Tolleres sein müsse, sei zu erwachsen gedacht.

Außer Frage steht, dass so ein Wichtel die Adventszeit für Kinder noch etwas zauberhafter macht und das ist auch der Grund, warum viele die neue Tradition gut finden oder sie selbst leben. „Die Magie in den Kinderaugen und weil jeder einen hat“, nennt die Influencerin als Grund, warum sie in der Vorweihnachtszeit einen Wichtel einziehen lässt. Johanna Zapf, Zweite Bürgermeisterin und Bürgermeisterkandidatin der Grünen in Unterhaching, findet, dass der neue Brauch für die Kinder in der „schönen Vorweihnachszeit noch extra Magie bringt und die Fantasie anregt“. Er spende auch „Leichtigkeit und Freude“. Bei ihnen zuhause wohnt zwar kein Wichtel, aber im Kindergarten des Sohnes. „Schon beim Frühstück ist Thema, was der Wichtel wieder gemacht hat und unser Sohn freut sich sehr auf den Kindergarten“, erzählt sie.
Von dieser neugierigen Freude kann auch Melanie Fuchs erzählen. Sie ist stellvertretende Leiterin des Gemeindekindergartens Löwenzahn in Unterhaching, wo seit drei Jahren in der Adventszeit Willi in ein kleines Haus einzieht. Vor kurzem hat er ein Plätzchenrezept da gelassen. Oder über Nacht aus eingepflanzten Maiskörnern Schokonikoläuse gezaubert. „Die Kinder fragen sich dann, was er alles zaubern kann. Oder wenn etwas herunterfällt, fragen sie, oh, vielleicht war das der Willi“, erzählt die Erzieherin.

Dass der neue Brauch zu einer Art Trend geworden ist, lässt sich auch an anderer Stelle sehen. All das Miniatur-Zubehör von Mini-Backblech bis Mini-Baustellenschild ist mittlerweile so gut wie überall zu haben – beim Discounter, beim Drogeriemarkt, bei diversen Online-Shops. Und die Nachfrage steigt. „Wir haben vor ungefähr fünf Jahren mit 50 Artikeln angefangen, jetzt sind es 500“, sagt Katja Meyer. Sie betreibt den Online-Shop „Wichtelmagie“ mit Sitz im schwäbischen Rain. In der Pandemie hatte sie für ihre damals dreijährige Tochter zum ersten Mal eine Wichteltür aufgestellt. „Sie kam mit leuchtenden Augen die Treppe runter als sei schon Weihnachten“, erzählt sie. Diese Freude wollte sie auch anderen Kindern zugänglich machen, da es damals noch wenige Shops mit Miniaturen gegeben habe, habe sie schließlich selbst einen eröffnet.
Ihre Ware bezieht sie nach eigenen Angaben von europäischen Herstellern. Manche Artikel stellen sie und ihr Team selbst her – eine Mini-Magnettafel zum Beispiel. Mit der höheren Nachfrage sei auch der Umsatz gestiegen, sagt sie. „Reich wird man aber mit Wichtelminiaturen nicht, bei manchen Artikeln macht man vielleicht fünf Cent Gewinn, es ist eine Herzensangelegenheit“, sagt sie. Zumal sich der Markt seit diesem Jahr verändert habe, der Umsatz zum ersten Mal zurückgegangen sei, unter anderem weil es die Sachen nun auch beim Discounter gebe. Was sich verändert hat: die Ansprüche der Eltern. Mit einem Mini-Backset sei keiner mehr zufrieden. „Es muss immer was Außergewöhnliches sein. Wir hatten dieses Jahr eine Waschmaschine, die sich gedreht hat und in die man Wasser füllen konnte. Die war ratzfatz ausverkauft“, sagt sie. Als neue Art von Adventskalender oder Puppenhäusern sieht sie die neue Tradition übrigens nicht. „Es ist etwas Zusätzliches, was in der Vorweihnachtszeit die Fantasie der Kinder beflügelt“, findet sie.
Nur, viele skandinavische Einflüsse gibt es mit Ikea schon seit Jahren. Werden jetzt auch die Bräuche skandinavisiert? Heimatpflegerin des Landkreises München, Christine Heinz, sieht das eher entspannt. „Ein Brauch ist nie etwas Starres, er passt sich immer der Zeit an“, sagt sie. Dass neue Einflüsse hinzukommen, sei es aus kommerziellen oder anderen Gründen, sei normal. „Das muss man akzeptieren, man muss ja nicht mitmachen“, sagt sie. Ohnehin habe ein Brauch heute nicht mehr die regulierende Funktion wie in früheren Jahrhunderten. Überhaupt seien die Leute heute weltoffener. „Wer bei Ikea einkauft, kommt automatisch in Kontakt mit der skandinavischen Lebensweise und wird eben einige Bräuche von dort übernehmen. Doch dass sich das auf Dauer durchsetzen wird, ist eher nicht zu erwarten“, sagt sie.
Wie auch immer sich die neue Tradition entwickelt. All die Kinder, die einen Wichtel um sich haben, werden schon gespannt sein, was er in dieser Nacht wieder alles anstellt.


