Kreis und quer:Sinistre Tollität

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Der Kriegsbeginn in der Ukraine verleiht dem unsinnigen Donnerstag eine tragische Note.

Kolumne von Udo Watter

Der Begriff "Schmotziger Donnerstag", den die alemannischen Fastnachtsfreunde für den Tag des Weiberfaschings verwenden, könnte diese Woche einen neuen Beigeschmack bekommen haben. Schmotzig oder schmutzig heißt in den südwestdeutschen-schweizerischen Dialekten eigentlich zwar "fett, feiß" und bezieht sich auf Fettgebackenes wie Krapfen und Nonnenfürzle, die zu dieser Gelegenheit gerne serviert werden. Aber für manche Leute, die alles können außer Schwäbisch (oder Badisch), klingt "schmotzig" im Sinne von schmutzig durchaus passend für das, was da am frühen Donnerstagmorgen im Osten des Kontinents seinen Anfang nahm. Eine sinistre russische Tollität hat mit ihrem Einmarschbefehl nicht nur eine Grenze überschritten. Auf so deprimierende Art sinnfrei war der unsinnige Donnerstag wohl noch nie.

Das närrische Treiben hierzulande war ja aufgrund von Corona ohnehin stark zurückgefahren oder komplett abgesagt worden - kein Almrock-Ball in der Hachinga-Halle, kein Umzug der Unterschleißheim-Lohhofer Faschingsgesellschaft, keine Faschingsaktivitäten in Neuried oder Kirchheim - aber die "Gleisenia" wollte ursprünglich mal zumindest Unterhachings Bürgermeister Wolfgang Panzer die Krawatte dem schönen Brauch gemäß am unsinnigen Donnerstag aka Weiberfasching abschneiden. Angesichts des Kriegsbeginns einige Stunden vorher war den Protagonisten aber dann nicht nach Feiern zumute. "Wir sind in Gedanken bei allen Betroffenen und Opfern dieser schrecklichen Ereignisse und senden unser Mitgefühl in die Ukraine", ließ Gleisenia-Schriftführerin Rebecca Gerschkowicz mitteilen.

Ja, angesichts der brutalen dramatischen Vorgänge, die sich auf der Bühne des Welttheaters abspielen, mutet es vielen unangemessen oder pietätlos an, öffentlich Fröhlichkeit zu entfalten. Andere wiederum glauben, dass es vielleicht genau das kollektive heitere Miteinander sei, mit dem man den Unbilden einer aus den Fugen geratenen Welt trotzen könne.

Eine Glaubensfrage anderer Art ist, wie sehr das Prestige einer Gemeinde inzwischen beschmotzt ist, die sich sonst im Image des mondänen Villenvororts sonnt. Grünwalds weiße Wäsche, falls es sie je gab, bekommt ja gerade ziemliche Flecken. Der niedrige Gewerbesteuerhebesatz locke dubiose Briefkastenfirmen an, die ganze Geschichte sei unsolidarisch den Nachbarkommunen gegenüber (vor allem der Landeshauptstadt München), lautet der Vorwurf. Die Grünwalder wiederum wehren sich dagegen, dass ihre Gemeinde als Steueroase bezeichnet wird. Völlig zu recht, denn Oase bedeutet im ursprünglichen Sinn "bewohnter Ort", und wenn die Firmen, um die es in Grünwald geht, eines nicht sind, dann bewohnt. Zumindest nicht in Grünwald. Steuerparadies wäre also angemessener: Paradiso fiscale - das klingt doch nach Italianità und La Grande Belleza am Isarhochufer. Und um München, "die nördlichste Stadt Italiens" nicht erneut zu verärgern, könnte man sich ja als "nördlichstes Steuerparadies Italiens" bezeichnen.

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