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Unterhaching:Sensationsfund unter dem Kirchendach

Bei Sanierungsarbeiten in St. Korbinian entdecken Experten alte Wandmalereien, die bisher vom Gewölbe bedeckt waren.

Von Angela Boschert, Unterhaching

Mit dem Wort "Sensationsfund" sollte man vorsichtig umgehen, aber was sich da bei Sanierungsarbeiten in einer Unterhachinger Kirche aufgetan hat, kommt dem schon sehr nahe. Die katholische Kirchengemeinde St. Korbinian jedenfalls dürfte sich reich beschenkt fühlen: Bei der Sanierung in der Kirche sind unerwartet mittelalterliche Wandmalereien freigelegt worden, von denen offenbar niemand etwas wusste. Im Zuge der laufenden Dachinstandsetzung wurden sie zwischen den Stichkappen entdeckt. Das Gewölbe des Kirchenraums, das nachträglich in den bereits 1315 erstmals urkundlich erwähnten Bau eingezogen wurde, hat sie bis heute überdeckt.

Am Mittwoch der Karwoche brachte die Unterhachinger Archivarin und Archäologin Cornelia Renner die von ihr wiederaufbereiteten Krippenfiguren zurück in die Kirche. Weil möglich, erklomm sie zusammen mit mit dem Gemeinderatsbeauftragten für Denkmalschutz, Harald Nottmeyer, der auch das Heimatmuseum Unterhaching leitet, und Kirchenpfleger Hermann Mader das Gerüst der Denkmalbaufirma, um sich das freigelegte Dachgestühl der Kirche anzusehen.

Ein besonderes Gefühl beschlich die drei, als sie auf der obersten Plattform des Gerüsts weit über dem Kirchenschiff standen, sie mussten achtgeben, nicht das Gleichgewicht zu verlieren. Als sie nach unten an den Rand der Kirchenlängswände blickten, stockten sie. Zwischen den Stichkappen sahen sie oberhalb des Gewölbeansatzes nicht nur schlicht verputztes Mauerwerk, sie entdeckten Farbauftragungen und sogar figürliche Darstellungen. Schemenhaft, fragmentarisch, mit Staub und Dreck überdeckt.

Auf der Länge des alten Kirchenschiffs waren Farb- und Figurenspuren zu sehen, sie konnten einzelne Köpfe erkennen und sogar Hüte vor Hausdächern ausmachen. Ihre Herzen klopften. Nottmeyer schaute zwei Mal hin, dann war ihm klar, das muss der Architekt für die Sanierung, Martin Spaenle, erfahren. Sofort rief dieser beim Denkmalamt an.

Nur einen Tag später stand Restaurator Peter Siebert auf dem Kirchengerüst, besah die Ausführung und die Qualität der Malereien und plante die erforderlichen Sicherungsmaßnahmen, damit bei den Abdicht- und Erneuerungsarbeiten am Kirchendach kein Schaden entstünde. Dem erfahrenen Restaurator für Wandmalereien war schnell klar, dass es sich hier um sehr alte Abbildungen handelte. Bevor er sie mit einer Spezialfolie abzudecken begann, hat er - auch im Vorgriff auf die sicher umfangreiche Dokumentation - die Malereien fotografiert.

"Es wurde in Registern gemalt", also in Bildzonen, die, so Siebert später, mit roten Bändern voneinander abgesetzt sind. Zwei Malschichten liegen übereinander. Sicher sei, dass es sich maltechnisch nicht um Fresken, sondern um auf trockenen Putz aufgetragene Farben handelt. Es könnte sein, dass die Längswände des damals 13 Meter langen Kirchenschiffs - es wurde im Zuge der Einwölbung auf 20 Meter verlängert - vollständig mit diesen Malereien bedeckt waren.

Im Innern der Kirche gibt es Malereien von 1475

Ob sie, wie etwa in der romanischen Kirche St. Aegidius in Keferloh, bis auf den Boden hinabreichten, ist indes kaum zu sagen. Eine Nähe zu den spätmittelalterlichen Malereifragmenten im Innern der Korbinianskirche, etwa die Figur am zweiten Joch des südlichen Langhauses und die mit 1475 datierte Inschrift über einem Fenster, erscheint auch dem Gebietsreferenten des Bayerischen Landesamts für Denkmalpflege, Thomas Hermann, zutreffend.

Doch was ist abgebildet? Verschiedene Szenen finden sich, aber zu ihrem Zusammenhang lässt sich noch nichts sagen. Neugierig machen zwei Männer mit einem gelben respektive gräulichen Hut, hinter denen sich eine Stadtlandschaft mit roten Dächern auftut. Oben im Bild sind zwei aufgefächerte Gebilde zu sehen. Ob sie als Flügel zweier Vögel zu deuten sind, bedarf tieferer Untersuchungen; ebenso die aus feinen roten Strichen gebildete Konstruktion auf weißem Untergrund im mittleren Bildbereich.

Bemerkenswert ist ein Männerkopf am unteren Rand eines anderen Zwickelfeldes. Deutlich sind Augen-, Mund- und Nasenlinien zu sehen. Sein gelber Nimbus (Heiligenschein) und das bärtige Kinn lassen an eine Heiligendarstellung denken. Und wann sind die aufgefundenen Malereien entstanden?

Das ist aktuell kaum zu sagen. Erst nach der Dachsanierung und der Innenrenovierung, die beide schon geplant und kalkuliert sind, sei eine Restaurierung denkbar, sagt Kirchenpfleger Hermann Mader. Die Malereien müssen gereinigt, untersucht und konserviert, also in ihrer Substanz erhalten, werden. Das werde ein eigenes Maßnahmepaket. Bis dahin müssen historische Daten zur zeitlichen Einordnung dienen.

Die Kirche wurde erstmals 1315 in der Diözesanmatrikel als "Filialkirche der Pfarrei Oberhaching mit Begräbnisrecht" erwähnt. Damals hat also schon eine Kirche gestanden. Dendrochronologische Untersuchungen von Balken aus dem Dachstuhl des Turmes, bei denen das Holzalter anhand der Jahresringe bestimmt wird, bestätigen diesen Zeitraum, sagt Bauforscher Thomas Aumüller vom Denkmalamt.

Er hat 2013 zudem Zimmermannszeichen gefunden, die denen in St. Maria Ramersdorf ähneln, die auf 1360/1380 datiert werden. Nach dem Bilderfund jetzt hat Aumüller eine Neuuntersuchung von Unterhachinger Dachbalken angestoßen und wartet noch auf die Ergebnisse. Sicher ist, dass die flache Holzdecke des ursprünglichen Kirchenraums zwischen 1460 und 1520 durch ein gemauertes Tonnengewölbe ersetzt wurde, eine damals übliche Maßnahme der Modernisierung.

Wandmalereifachmann Siebert, meint daher, dass die untere Malschicht aus dem 14. Jahrhundert stammen dürfte. Die Malereien darüber wurden vermutlich 50 bis 100 Jahre später aufgebracht. Was genau sie abbilden, ob die obere Schicht lediglich die Darstellungen der unteren erneuert oder ganz andere Themen aufgreift, wann sie gemalt wurden, diese und viele weitere Fragen bleiben derzeit offen. Sie zu beantworten wird eine spannende Arbeit für die Restauratoren und eine Entdeckungsreise für die Gemeinde St. Korbinian.

© SZ vom 03.05.2021/wkr
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