SZ-Adventskalender Raum und Zeit für die Entwicklung

Der von betroffenen Eltern gegründete Verein Integra betreibt Tagesstätten, in denen behinderte Kinder ihren Weg finden können - ganz ohne Druck, aber dafür mit viel Zuspruch und Vertrauen

Von Claudia Wessel, Unterhaching

"Irgendwas ist." Dieses Gefühl haben die Eltern eines behinderten Kindes oft von Anfang an, auch wenn es noch keine Bestätigung dafür gibt. Ob sie recht haben und wenn ja, was genau ist, das stellt sich meist erst viele Jahre später heraus. Eine exakte Diagnose zu erstellen, fällt sogar Ärzten bei sehr jungen Kindern schwer, weiß Petra Band, Leiterin der Integrativen Kinderkrippe Tranquilla Trampeltreu in Unterhaching. Die Kita gehört zu den Einrichtungen des 1991 von betroffenen Eltern in Taufkirchen gegründeten Vereins Integra, deren Geschäftsführerin Brigitte Buchholz ist.

Für die Eltern bedeutet diese Unsicherheit der ersten Jahre Stress, wissen Band und Buchholz. Ist das Kind nun behindert oder hat es nur eine Entwicklungsverzögerung? Worauf muss man sich einstellen? Wie kann man das Kind fördern? Eltern, die ihre Kleinkinder in Tranquilla Trampeltreu unterbringen, können sich erst einmal entspannen und schauen, wie sich ihr Kind weiterentwickelt. Denn dort erhalten die Kleinen, und diese Formulierung ist Petra Band sehr wichtig, sie wiederholt sie immer wieder, "Raum und Zeit" für sich und ihre Entwicklung in ihrem ganz persönlichen Tempo ohne jeden Leistungsdruck. Das kompetente Personal ist dabei Begleitung, und das ist sehr viel, wie Band findet.

Essen ist freiwillig in der Kinderkippe Tranquilla Trampeltreu, so wie vieles andere auch. Es gibt keinen Leistungsdruck.

(Foto: Integra)

"Allein die Anwesenheit und der Zuspruch und das Vertrauen in die Kinder sind sehr wertvoll", hat sie erlebt. Um keinen Leistungsstress entstehen zu lassen, gibt es kein Programm in der Krippe. "Die Arbeit des Kindes ist das Spiel", sagt Band. Ein Kind beispielsweise hat einmal den ganzen Tag und jeden Tag aufs Neue mit einem Becher kleine Spielkügelchen aufgeschöpft und sie wieder ausgegossen. Weil man in der Krippe sicher war, dass es dabei genau das lernte, was es brauchte, hat man es gelassen. Solange bis es sich von selbst anderen Dingen zuwandte.

Auch einen Jungen mit Essstörungen hat Band so "behandelt". Er wurde nie zum Essen gezwungen, das einzige, was er musste, war, den Essraum gemeinsam mit den anderen zu betreten. Dann durfte er seine Verweigerung ausleben, bis irgendwann offenbar der Hunger größer wurde. "Dann war er immer der erste beim Essen", erinnert sich Band. Oder das kleine Mädchen, das anfangs nur liegen konnte und von dem seine Mutter glaubte, es werde nie aufstehen können. Man habe nicht Laufen mit ihm geübt, aber ihm Hilfen bereitgestellt, schildert Band. So bauten Eltern Podeste, mit deren Hilfe es dem Mädchen später gelang, zu krabbeln und zu laufen. Im nächsten Jahr kommt es zur Schule.

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51 Kinder zwischen einem und drei Jahren besuchen Tranquilla Trampeltreu in Unterhaching, zwölf davon haben "Förderungsbedarf", mehr oder weniger. Es habe schon Entwicklungen in beide Richtungen gegeben, sagen Band und Buchholz. Nämlich die, dass ein Regelkind sich als Kind mit Förderungsbedarf herausstellte, aber auch die, dass ein scheinbar entwicklungsverzögertes Kind sich später ganz normal entwickelte. Genau diese Möglichkeiten ergeben sich aus dem integrativen Konzept.

Aus dem kleinen Verein, der im Jahr 1991 einen integrativen Kindergarten gründete, hat sich mittlerweile ein sehenswertes Gebilde entwickelt. So gibt es nicht nur seit vier Jahren die Krippe in Unterhaching, sondern in Taufkirchen auch noch immer den Kindergarten und ein Integratives Familienzentrum nach dem Konzept "Laien für Laien" ohne professionelle Betreuung, Mittagsbetreuung in der Grundschule und eine mobile Beratungsstelle für Menschen mit Behinderungen, die meist Hausbesuche macht. Und gerade die junge Einrichtung der Kinderkrippe hätte noch einen großen Weihnachtswunsch: Die Initiatorinnen würden gerne das Grundstück draußen, das sie mitgemietet haben, gestalten. Petra Band denkt etwa an einen Barfußweg, Wassertische, Hügel und mehr, eben alles Dinge, die die Mobilität und damit die Entwicklung der Kinder fördern. Und zwar nicht nur die der "behinderten", wie Band sagt. Darüber hinaus fehlt es oft an einer Einzelbetreuung, die schwierige Kinder einmal für eine Stunde aus der Gruppe nimmt und allein betreut, was vor allem bei sehr reizempfindlichen Autisten oft nötig ist.