Eigentlich sollte „Deutschlands erster Queer-Lesegarten“ am Rande des Rathausplatzes in Unterhaching im Freien stattfinden. Aufgrund des schlechten Wetters am vergangenen Donnerstag wurde die Veranstaltung aber kurzfristig nach innen verlegt. Im, mit vielen Regenbogenfahnen dekorierten, Eingangsbereich der Gemeindebücherei begrüßen Bibliotheksleiterin Tanja Keller und ihr Team in bequemen großen Sesseln alle Interessierten und zufällig Vorbeikommenden. Man wollte ein Zeichen setzen, sie „alle so annehmen, wie sie sind“, erklärt Tanja Keller.
Es gibt Kaffee und Tee, regenbogenfarbene Fruchtgummis und Cupcakes mit Verzierung stehen schon bereit. Aus einem Haufen bunter Wollknäuel können Armbändchen geflochten werden. Die Mitarbeitenden wollen, dass sich jeder, jede und Menschen, die sich nicht in einer dieser beiden Kategorien sehen, wohlfühlen. „Die Bibliothek soll wie ein offenes Wohnzimmer sein“, stellt Magdalena Bayer klar. Sie arbeitet bereits seit vier Jahren hier, seit der großen Umgestaltung der Bücherei 2021, und schätzt den familiären, offenen und freundlichen Umgang im Team der Bibliothek.
Das Personal beschreibt Bayer als sehr divers, viele seien Quereinsteiger mit den unterschiedlichsten Hintergründen. Das sei „sehr spannend im Alltag“, sagt die Fachangestellte für Medien und Informationsdienste. „Offenheit, Toleranz und Respekt werden hier wirklich gelebt.“ Das soll auch nach außen kommuniziert werden. Da aktuell im Juni der „Pride Month“ gefeiert wird, in dessen Folge weltweit Veranstaltungen wie etwa Christopher-Street-Day-Paraden stattfinden, hatten Bayer und ihre Kollegen spontan die Idee zum Queer-Lesegarten.
Wie im „Pride Month“ generell, sollen Menschen sichtbar gemacht werden, die nicht heterosexuell sind. Gegen deren Diskriminierung soll protestiert werden. In der Bücherei aber gehe es darum, authentisch zu sein und nicht nur für einen Monat im Jahr Offenheit zu suggerieren, sagt Tanja Keller. Deshalb hänge seit zwei Jahren eine Pride-Regenbogen-Fahne in der Gemeindebücherei, im Juni auch vor dem Eingang. Dafür sei man schon angefeindet worden, erzählt die Bibliotheksleiterin.
„Es wäre schön, wenn wir gar kein Thema mehr daraus machen müssten.“ Doch Gleichheit für alle sei eben weiterhin nicht selbstverständlich, weshalb die Veranstaltung ein Zeichen setzen solle, „damit alle Leute sich willkommen fühlen.“ Schließlich gebe es genügend queere Familien in Unterhaching, sagt Keller. Vor allem aber seien alle eingeladen, hereinzuschauen und ins Gespräch zu kommen. Das Miteinander stehe im Vordergrund.

Rückendeckung bekommt die Bücherei von der Gemeinde Unterhaching. Barbara Bryknar aus der Bauabteilung sowie die Leiterin der Kinder- und Jugendabteilung, Astrid Abou El Ela, sind auch hier, um sich mit den Gästen auszutauschen. Der erste Besucher, Stefan Roßteuscher, ist extra aus München angereist. Er empfindet solche niedrigschwelligen Angebote als wichtig, da auch in der Stadt fehlende Toleranz immer noch ein Thema sei.
Eine Auswahl an queerer Literatur gibt es in einer eigenen Abteilung der Bücherei
In einem Lesegarten sollten natürlich, neben guten Gesprächen, vor allem Bücher nicht fehlen. Deshalb stehen in einem großen Regal neben der gemütlichen Leseecke einige Werke mit queeren Themen bereit. Darunter Titel wie „Drag ist Kunst“, „Pride!“, oder „The 99 Boyfriends“. Es gibt auch eine eigene Ecke im oberen Stockwerk der Bibliothek, wo noch mehr Medien mit LGBTQ+-Bezug entdeckt werden können.
Etwa 150 Bücher, Hörspiele und DVDs zum Thema habe man auf Lager, schätzen die Bücherei-Angestellte Anna Lena Rosenegger und Tanja Keller. Dort oder unter den 35 000 anderen Büchern sei für jeden etwas dabei. Vor allem Familien kämen gerne zu ihnen, aufgrund von Angeboten wie dem Queer-Lesegarten würden aber auch Jugendliche und Ältere immer häufiger in die Bibliothek kommen. Eine Wiederholung der Veranstaltung sei geplant, allerdings nicht mehr im „Pride Month“ dieses Jahres, da die Bibliothek in den Pfingstferien geschlossen ist.

