Seit Beginn des Sommers gibt es am Rande der Bussardstraße in Unterhaching eine öffentliche Terrasse: Stühle, Tische, Blumenkästen und eine Holzumrandung. Nur Essen und Trinken muss man sich selbst mitbringen. Dieses 1,95 Meter breite und sieben Meter lange Stadtmöbel nennt sich Parklet und erhitzt aktuell so manche Gemüter im Ort mehr als die hochsommerlichen Temperaturen. Denn aufgestellt hat es die Gemeinde, und so wird über Steuerverschwendung geschimpft. Der temporäre Wegfall von ein bis zwei Parkplätzen löst große Empörung aus. Zumindest in den sozialen Netzwerken. Aber ist das auch in Wirklichkeit so?
Simon Hötzl, der Rathaussprecher, und die Referatsleiterin Bürgerservice und Mobilität, Charlotte Schmidt, wollten sich am vergangenen Freitag der Kritik der Bürger stellen und direkt am und im Parklet in einer öffentlichen Sprechstunde den Sinn dieser portablen Sitzgelegenheit erklären. Ein Schild, das den Zweck erläutert, ist erst kurzfristig montiert worden, eine ganze Weile lang waren die Anwohner mit der Holzterrasse und der Suche nach einer Erklärung also alleingelassen. Das hatte Raum für Spekulationen geboten und Verunsicherung, ob jeder das Stadtmöbel nutzen darf.
Hötzl hatte vor dem Termin vor allem damit gerechnet, beschimpft zu werden. Er weiß auch, dass beim Thema Parkplätze mit vielen Leuten kaum zu reden und wenig zu spaßen ist, dass die Emotionen schnell hochkochen. Zumal er im vergangenen Jahr, als das damals neu erworbene Stadtmöbel an der Hauptstraße aufgebaut war, viel Kritik einstecken musste. "Ich wusste, dass ich an dieser provokanten Stelle keinen Blumentopf gewinnen kann", gibt er zu. Weil sich aber auch am neuen Standort im Fasanenpark die Beschwerden häuften, ist er nun hier - und wundert sich dann über die Reaktionen der Passanten.
Das junge Pärchen mit dem Hund hat sich gegenüber zwei Fischsemmeln gekauft und sitzt jetzt im Parklet. Am Freitagvormittag stellen die Händler an der Bussardstraße beim Wochenmarkt ihre Stände auf. Angeboten werden Wurst, Käse und eben Fisch, seit kurzem auch wieder Obst und Gemüse. Den Wochenmarkt gibt es schon, so lang es die Siedlung gibt, seit mehr als 50 Jahren. Eine Zeitlang war er auf zwei Anbieter geschrumpft, jetzt sei er wieder mehr belebt worden, sagt Schmidt, die sehr froh darüber ist, den Bewohnern der Siedlung dieses Angebot machen zu können. Denn viele Bewohner des Fasanenparks sind inzwischen im Rentenalter, einige nicht mehr so mobil.
Und so wie die beiden jungen Leute mit dem Hund und den Fischsemmeln das machen, die sich an einem der festgeschraubten Holztische niederlassen, um Brotzeit zu machen, so hat die Referatsleiterin sich das vorgestellt, als sie den Standort für den zweiten Parklet-Sommer aussuchte. Doch so positiv wie die beiden das Angebot sehen und wie auch die Mehrheit an diesem Vormittag das Projekt lobt - es gibt auch welche, die damit nichts anfangen können.

"Ich finde es bescheuert, total bescheuert", ruft ein Frau schon von Weitem. Und sie lässt sich auch nicht davon überzeugen, dass es durchaus einen Versuch wert sei könnte, den öffentlichen Raum mal anders zu nutzen als für Autostellplätze. "Wir brauchen hier jeden Parkplatz", lautet die energische Argumentation der meisten Parklet-Gegner. Schmidt ist da anderer Meinung. Immerhin gibt es in der Siedlung Tiefgaragen, viele Bewohner seien nur zu bequem, um sie zu nutzen, glaubt sie. Der junge Mann mit der Fischsemmel hat durchaus Verständnis für die Parkplatz-Verteidiger in seiner Nachbarschaft. Hier wohnten eben auch viele Leute, die im Handwerk oder in Dienstleistungsberufen arbeiteten. Die wollten nicht am Straßenrand ihr Feierabendbier trinken, sondern ihren Transporter dort abstellen, mutmaßt er.
"Die Deutschen lieben ihre Autos und keiner kann verzichten, vielmehr werden die Autos immer größer"
Warum also genau hier? Die Diskussion am Parklet dreht sich vor allem um den Standort. Um die Frage, warum man sich dort hinsetzen sollte, wenn man doch einen Balkon hat und einen Park. "Stellt es doch auf die Grünfläche", lautet ein Vorschlag. Die aber ist Privatgrund. Bei dem Projekt geht es aber darum, zu demonstrieren, dass der öffentlichen Raum für jeden da ist. Auch den Kostenvergleich hält die öffentliche Terrasse stand: Für einen Stellplatz zahlt die Gemeinde 10 000 bis 12 000 Euro, für das Parklet hingegen 3000 bis 5000 Euro. So erläutert es an diesem Vormittag Simon Hötzl immer wieder, weist darauf hin, dass man die Straßen in Zukunft klimaresilienter gestalten müsse, also grüner, weil Asphalt sehr heiß werde. Für Hötzl steht auch fest: Unterhaching hat nicht zu wenige Parkplätze, sondern zu viele Autos. "Wenn wir es ernst meinen mit der Mobilitätswende, müssen wir mal damit anfangen."

Er werde sich doch nicht hier neben die Straße setzen, wenn er drüben beim Bäcker einen Kaffee bestellen kann und dort auch Tische draußen stehen, sagt ein älterer Mann, den das Konzept nicht so ganz überzeugt. "Das soll keine Erweiterung des gastronomischen Angebots sein", betont Charlotte Schmidt aus dem Rathaus. Vielmehr könne man sich hier spontan zu einem Ratsch mit Nachbarn zusammensetzen, schließlich wolle man ja nicht jeden gleich auf seinen Balkon einladen.
Und dann kommt die junge Frau vom Haus gegenüber. "Ich wollte mich schon die ganze Zeit bei Ihnen melden", so die einleitenden Worte der Anwohnerin und Simon Hötzl ist sicher auf alles gefasst gewesen, nur nicht auf das: "Wir finden es toll! Es ist wie im Urlaub." Wenn sie mit dem Baby spazieren gehe, mache sie hier eine Pause, ihr Mann trinke gerne mit Kollegen vor der Arbeit hier einen Kaffee und sogar auf ihren Geburtstag haben sie hier mit Nachbarn angestoßen. Auch der 94-Jährige, der vorbeigekommen ist, um der Gemeinde mehr Mut für solche Projekte zuzusprechen, kann die Aufregung persönlich nicht nachvollziehen. "Unterhaching ist sehr tot", findet er. Das Parklet könnte also doch ein Erfolgsmodell für Unterhaching werden? Der Senior ist skeptisch: "Die Deutschen lieben ihre Autos und keiner kann verzichten, vielmehr werden die Autos immer größer."

