Ortsgestaltung in UnterhachingVorstadtidylle in Gefahr

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Auf dem Gelände des Altenheims Labouré in Unterhaching gibt es bislang nur Parkplätze. Geplant ist jetzt ein Parkhaus.
Auf dem Gelände des Altenheims Labouré in Unterhaching gibt es bislang nur Parkplätze. Geplant ist jetzt ein Parkhaus. (Foto: Claus Schunk)

Wie urban sollen die Umlandgemeinden sein? In Unterhaching wird darüber diskutiert, ob ein Altenheim ein elf Meter hohes Parkhaus für die Autos von Mitarbeitern errichten darf. Und plötzlich erinnert man sich an die dörfliche Vergangenheit des Ortes.

Von Iris Hilberth, Unterhaching

Von oben betrachtet fällt Unterhaching nicht besonders auf. Gerade einmal 10,37 Quadratkilometer groß, eingequetscht zwischen zwei Autobahnen, bis zur südlichen Stadtgrenze Münchens sind es nur 500 Meter. Hier geht eine Siedlung in die nächste über, getrennt allerhöchsten durch etwas Grün. Dennoch steht die Ortschaft, was den Größenvergleich betrifft, im bayernweiten Ranking ganz oben. Unterhaching ist die Gemeinde mit den meisten Einwohnern, Tendenz weiter steigend. Stadt will sie dennoch nicht werden, obwohl viele sagen: Ein Dorf sind wir schon lange nicht mehr. Aber was dann?

Zum Jahreswechsel waren 27 305 Menschen in Unterhaching gemeldet. Der Einordnung des Bundesinstituts für Bau-, Stadt- und Raumforschung zufolge sind Kommunen dieser Größe sogenannte Mittelstädte und der putzigen Bezeichnung Kleinstadt längst entwachsen. Unterhaching ist größer als Lindau am Bodensee oder Roth in Mittelfranken, mehr Einwohner als manche Kreisstadt verzeichnet die Gemeinde längst. In Ebersberg und Miesbach leben halb so viele Menschen, trotzdem fahren sie dort mit einem eigenen Autokennzeichen.

Obwohl Unterhaching einen Maibaum, einen Burschenverein, eine Sonnwendfeier, etwas Landwirtschaft und einen alten Ortsteil mit dörflicher Struktur hat, würden die wenigsten sagen, dass sie hier auf dem Land leben, eher schon in der Vorstadt. Der örtliche Fußballverein, die Spielvereinigung, gibt sich auch gerne mal die Zusatz-Bezeichnung „die Vorstädter“. Es wurden mehr Geschosswohnungen errichtet als weiter südlich in Oberhaching oder Sauerlach, die Bauweise hat sich in den vergangene Jahrzehnten einer urbaneren Gestaltung angenähert. Und doch gibt es fast schon einen Aufschrei, wenn plötzlich jemand ein Parkhaus errichten will. Fünfstöckig.

Zu massiv, zu hoch, zu städtisch lauten die Argumente gegen ein solches Projekt, das beim Alten- und Pflegeheim St. Katharina Labouré an der Biberger Straße aktuell geplant wird. Auf einer Fläche von 1600 Quadratmetern, elf Meter hoch, 135 Stellplätze auf zehn versetzten Ebenen. So haben sich die Bauwerber und deren Architekten das vorgestellt. Doch dieser Vorschlag ist im Bauausschuss des Gemeinderats erst einmal durchgefallen.

Am Rand der Biberger Straße reihen sich wie an vielen Unterhachinger Straßen abgestellte Fahrzeuge.
Am Rand der Biberger Straße reihen sich wie an vielen Unterhachinger Straßen abgestellte Fahrzeuge. (Foto: Claus Schunk)

Zwar will jeder dort, dass die parkenden Autos von den Straßenrändern verschwinden, und man findet einen sparsamen Umgang mit Flächen sinnvoll – die gibt es in Unterhaching ohnehin nicht mehr so üppig.  In die Höhe zu bauen ist also durchaus ein Thema, das nicht grundsätzlich abgelehnt wird, weil Hochhäuser etwa den Ort verschandelten. Aber beim Parkhaus ist die Mehrheit im Rathaus der Ansicht: Das passt so nicht in die nähere Umgebung. Bitte umplanen.

Nun hat Unterhaching keine Ortsgestaltungssatzung wie etwa die Nachbargemeinde Oberhaching. Dort braucht man mit solchen Plänen gar nicht erst im Rathaus aufzukreuzen.  Oberhaching ist insgesamt wesentlich dörflicher, was auch daran liegt, dass man sich bereits Ende der 1960er-Jahre darauf verständigte, auf ein „landschaftsgebundenes, voralpenländisches Ortsbild“ zu achten und Bauherren genaue Vorschriften zu machen. Was man nicht wollte, waren Hochhaussiedlungen wie im Taufkirchner Ortsteil „Am Wald“.

Im Nachbarort Oberhaching sind Satteldächer Vorschrift

Vorgegeben sind klare, rechteckige Baukörper mit einem ruhigen, flach geneigten Satteldach. Putzflächen sind weiß zu streichen. Baustoffe wie Glasbausteine, Waschbeton oder eloxiertes Aluminium sind nicht zugelassen.  In Unterhaching hingegen findet man all solche Gestaltungen, ganz egal, ob man das im Rathaus schön oder geschmacklos findet. „Bei uns hat man das immer sehr locker gesehen. Man kann das jetzt nicht plötzlich einführen“, sagt der CSU-Fraktionssprecher und Bürgermeisterkandidat Korbinian Rausch.

Doch einfach alles dem Zufall und den Ideen von Bauherren überlassen, wenn die zumindest den Bebauungsplänen entsprechen, will man in Unterhaching auch nicht. Daher hat die Gemeinde mittlerweile eine Bürgerbeteiligung zur Ortsentwicklung angeschoben. Erste Workshops haben bereits stattgefunden und deutlich wurde dabei: Nachhaltigkeit und Attraktivität der Gemeinde sind den Leuten wichtig. Freiräume und Architektur sollen qualitätsvoll sein, das Wachstum langsamer.

Unterhaching hat noch immer auch Ortsteile mit dörflichem Charakter.
Unterhaching hat noch immer auch Ortsteile mit dörflichem Charakter. (Foto: Claus Schunk)

In den erarbeiteten Leitlinien heißt es, Unterhaching wolle seinen Schlafstadt-Charakter überwinden, „statt großflächiger Neubaugebiete setzen wir auf maßvolle Nachverdichtung unter Beachtung verbindlicher Vorschriften“. Ein intelligentes Parkplatzmanagement soll den ruhenden Verkehr im öffentlichen Raum neu ordnen. Die Grünen-Politikerin Claudia Köhler, Landtagsabgeordnete und Gemeinderätin, findet: „Das hätte man schon vor 30 Jahren machen sollen.“

Auch wenn manche weiterhin von einem Unterhaching mit großen Grundstücken und frei stehenden Häuschen träumen – bezahlen können das die wenigsten. Gegen eine Nachverdichtung kann keiner etwas machen, „doch wir müssen Ressourcen und Anforderungen in Einklang bringen“, mahnt Köhler. Das bedeutet für sie, auch in die Höhe zu bauen, „im Rahmen der zulässigen Bebauung und mit Fassadenbegrünung“.  Denn der Druck auf den Ballungsraum sei groß.

Der erste Zuzug setzte bereits in den 1960er-Jahren ein

Der Zuzug nach Unterhaching ist schon lange sehr ausgeprägt. Die Siedlungen Fasanenpark und Grünau wurden bereits Ende der 1960er-Jahre errichtet. Damit begann bereits die Urbanisierung der Ortschaft am Rande der Großstadt. Zwar gibt es in beiden Ortsteilen neben hohen Geschossbauten auch zahlreiche Reihenhäuser, doch das Dörfliche, wie man in der Gegend um die alte Pfarrkirchen St. Korbinian heute noch antrifft, fehlt hier. „Bis 1966 war Unterhaching Dorf, auch mit mehr Landwirtschaft. Jetzt sind wir längst eine Vorstadt“, sagt Heimatpfleger Thomas Portenlänger, der, bis er vor zweieinhalb Jahren in den Ruhestand ging, das Hauptamt der Gemeinde geleitet hat. Mit dem Beginn der Bebauung der Stumpfwiese Ende der 1990er-Jahre kam ein weiteres großes Neubaugebiet mit mehrstöckigen Wohnhäusern dazu. „Man hat damals versucht, die Stumpfwiese von Autos freizuhalten und über erste Parkhäuser nachgedacht“, erinnert sich Portenlänger. Doch das Konzept wurde wieder verworfen.

Das Neubaugebiet Stumpfwiese mit seinen Geschosswohnbauten ist hingegen sehr urban.
Das Neubaugebiet Stumpfwiese mit seinen Geschosswohnbauten ist hingegen sehr urban. (Foto: Claus Schunk)

„Wir nehmen die Ortsentwicklung sehr ernst, wollen nicht alles versiegeln und müssen schauen, wo etwas hinpasst“, sagt CSU-Mann Rausch. Aber genau darin ist man sich gerade nicht so einig. Die einen finden das Parkhaus an dieser Stelle gar nicht so schlecht, immerhin steht in direkter Nachbarschaft zum Gelände des Altenheims der Gewerbebau der Firma Wrigley – auch nicht gerade eine alpenländische Architektur und ebenfalls nicht niedrig. Andere sind hingegen überzeugt: So geht das gar nicht. Selbst wenn das Parkhaus die Biberberger Straße entlasten würde.

Wie eine fette Lyoner

Unterhaching liegt im inneren Zirkel dessen, was man Speckgürtel nennt. Nicht Stadt und nicht Land, der eher urbanere Teil des Landkreises München, der sich wie eine fette Lyoner um die Landeshauptstadt legt, nur im Westen klafft eine kleine Lücke. Man kennt sich hier noch, aber auch nicht alle. Meist trifft man immer dieselben, die Engagierten, die Alteingesessenen. Es hat was Dörfliches. „Wir sind ein Dorf in der Gemeinde“, sagt Claudia Köhler. Und ein Dorf tut sich offenbar schwer mit einem Parkhaus, einem Gebäude, wie es städtischer nicht klingen kann. Rausch findet: „Beim Thema hohes Bauen muss man ja nicht an die Plattenbauten von Neuperlach denken. So muss das nicht aussehen.“

Simon Hötzl, der Rathaussprecher und Wirtschaftsförderer der Gemeinde, sagt: „Es ist die Kunst, die Klammer zu finden.“ Alle betonen immer wieder, wie wichtig ihnen der Prozess der Ortsentwicklung sei. „Aber man kann nicht über ganz Unterhaching ein Schema stülpen“, betont Rausch. Das heißt: Was im Fasanenpark denkbar wäre, kann sich niemand im alten Dorf vorstellen. Und im Garten des Alten- und Pflegeheims St. Katharina Labouré der Barmherzigen Schwestern vom heiligen Vinzenz von Paul?  Der Heimatpfleger hat an dieser Stelle nichts dagegen einzuwenden, wenn es umweltfreundlich und begrünt ist. Laut Hötzl sollen jetzt die Pläne mit dem Bauwerber noch einmal durchdiskutiert werden.

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