Der Saal im Kubiz ist voll besetzt. Zumindest fast. Denn ausgerechnet der für den Bürgermeister reservierte Platz in der ersten Reihe Mitte ist leer und bleibt es auch, bis Wolfgang Panzer (SPD) kurz vor Schluss der Podiumsdiskussion noch auftaucht. Bei der legen sich derweil sechs Kandidatinnen und Kandidaten mächtig ins Zeug, künftig seinen Platz im Rathaus einzunehmen. Für Panzer geht es um nichts mehr, er tritt nicht wieder an. Die anderen werben um die Gunst der 340 Bürger im Saal und die etwa 200, die im Public Viewing und im Online-Stream die Veranstaltung verfolgen.
Ist der Stadionverkauf an den FC Bayern München ein Modell, um die Gemeinde zu sanieren? Ist Unterhaching schön? Braucht man Windräder, um 2030 klimaneutral zu sein? So viele Fragen kommen in zweieinhalb Stunden zur Sprache. Am Ende gibt es Applaus und Lob für alle, für einen fairen Schlagabtausch unter Demokraten.

Aber was bleibt hängen? Hat ein Kandidat die anderen ausgestochen? Schnell zeigt sich, dass sich das Sextett auf Augenhöhe begegnet. Doch auch das: Da sitzen unterschiedliche Persönlichkeiten, mit jeweils eigenen Ansätzen, Politik zu machen und teils sich widersprechenden Ideen. Das zeigen die Äußerungen zu den von Redakteurin Iris Hilberth von der Süddeutschen Zeitung und Redakteur Martin Becker vom Münchner Merkur anmoderierten Themenblöcken. Bürgerfragen befeuern die Debatte. Die Geschäftsführerin der Volkshochschule, Barbara Sporrer, preist als Veranstaltung am Ende ein gelungenes Event der „Demokratiebildung“.
Korbinian Rausch, 33, von der CSU präsentiert sich als Mann des „Dialogs“, der als Bürgermeister vorausschauend agieren möchte. Er wolle die Ortsmitte angehen und die zentrale Kreuzung vor dem Kubiz als „Gefährdungspunkt“ umbauen, auch liege Richtung Bahnhof und am Bahnhof einiges im Argen. Sanierungsstau dürfe nicht entstehen, sagt er. Einen unterhaltsamen Schlagabtausch liefert er sich gleich mit Daniel Schön, einem Münchner Anwalt, den die SPD aufgestellt hat und der, wie die CSU, mit dem Slogan „Unterhaching ist schön“ wirbt, was im Saal in seiner Doppeldeutigkeit einige amüsiert. Die Frage steht im Raum: Ist Unterhaching wirklich schön? Gerade am Bahnhof? „Wenn man in Unterhaching wohnt, muss man nicht pendeln und immer am Bahnhof rumhängen“, sagt Rausch zum SPDler aus München.

Daniel Schön hat als Anwalt einiges von der Welt gesehen und beteuert, Unterhachinger werden zu wollen. Er sei mit seiner Familie auf der Suche nach einer Wohnung im Ort. Und ja, sagt er, Unterhaching sei schön. „Es ist eine Schönheit, oder Liebe auf den zweiten Blick.“ Es sei doch erhebend, abends im Stadion, wenn das Flutlicht scheine. Schön betont, er wolle „neue Ideen“ nach Unterhaching bringen und über den Tellerrand hinausschauen. Er habe als Anwalt im Untersuchungsausschuss Stammstrecke des Landtags mit der Deutschen Bahn zu tun gehabt. Die müsse man härter angehen, um beim Bahnhof und beim Personennahverkehr voranzukommen.

Johanna Zapf, 39, von den Grünen kennt als zweite Bürgermeisterin die Rathausarbeit und pocht darauf, das beschlossene Mobilitätskonzept endlich umzusetzen. Sie radle gerne und viel mit ihren Kindern und mache sich stark für eine Temporeduzierung auf den großen Straßen und den Bau eines durchgehenden Radwegs nach München. Julia Stifter, 47, die mit einer eigenen, parteifreien Liste antritt, fordert ein besseres Angebot beim X-Bus und bei der Anbindung zur U-Bahn nach Neuperlach. Die Straßenbeleuchtung nachts sei ausbaufähig. „Wenn wir Frauen uns sicherer fühlen würden, würden wir auch öfter mit der Bahn oder dem Bus fahren.“
Andreas Büchele, 46, von den unabhängigen Freien Wählern Unterhaching beteuert, er sei im Ort gerne zu Fuß unterwegs. „Dann sieht man auch was.“ Es müsse dort für alle Verkehrsarten etwas getan werden. Peter Hupfauer, 58, kandidiert zum zweiten Mal für die FDP fürs Bürgermeisteramt und warnt beim Verkehr, „den einen gegen den anderen auszuspielen“. Pragmatismus sei gefragt.

Es ist ein intensiver Abend, phasenweise auch amüsant, etwa mit einem Zitate-Ratespiel, bei dem das Publikum den Satz „Wir ham auch diesmal wieder einstimmige Abstimmungsergebnisse erzielt“ Gemeinderat Hupfauer zuschreibt, obwohl er von Gerhard Polt stammt. Das bringt Moderatorin Hilberth zu dem Schluss, dass dem FDP-Mann auch kabarettistisches Talent zugeschrieben werde. Aber es geht vor allem um die Themen. Während Johanna Zapf betont, sie werde sich trotz Rückschlägen weiter für ein Windrad einsetzen, erklärt Stifter: „Mit mir als Bürgermeisterin wird es kein Windrad geben.“ Schön bekennt sich zu Klimaneutralität bis 2030. Rausch will Klimaschutz, „der über Angebote funktioniert“.
Viele bewegt der Auszug der Volkshochschule aus dem Kubiz, um für die Ganztagsbetreuung Räume zu bekommen. Eine Bürgerin kritisiert das als einen „Schildbürgerstreich“. Und was sagen die Kandidaten? Andreas Büchele erkennt das Problem, aber sagt, im Kubiz „fehlt es am Platz“. Stifter beteuert: „Ich hätte die Volkshochschule gerne wieder mitten im Ort.“ Wichtig sei auch die Bücherei. Johanna Zapf hält Geld für die Bildung für „essenziell“ und bezieht ausdrücklich die Kindergärten ein. „Wir haben Geld“, sagt sie. Die Gemeinde verschätze sich regelmäßig um Millionensummen beim Etat. „Wir brauchen eine solide Finanzplanung, dafür stehe ich.“

Aber wie will Unterhaching dauerhaft seine Finanzen stabilisieren? Martin Becker bohrt nach und sagt, in der Nachbarschaft legten Kommunen mit dem TUM-Aerospace-Campus beim Gewerbe vor. Und Unterhaching rede seit Jahren über einen Handwerkerhof. „Jetzt kommen wir zum Thema“, sagt FDP-Mann Hupfauer. Die Gemeinde sei nur stark, wenn sich Unternehmer mit niedrigen Steuern entfalten könnten. „Wir sind gegen eine Gewerbesteuersenkung“, kontert Schön von der SPD und sagt, er wolle „Gründer- und Innovationsgeist nach Unterhaching holen“. Korbinian Rausch fordert abseits von der Steuer gute Bedingungen für Unternehmen. Mit der Geothermie habe man ein Pfund in der Hand, sagt er, warum liefere man nicht Wärme in angrenzende Kommunen? Für Daniel Schön bleibt Unterhaching nach dem Verkauf des Stadions an den FC Bayern eine Sportgemeinde, die als Heimstätte für die Frauen des FCB sogar an Profil gewinne. Aber wäre ein Verkauf weiterer Liegenschaften eine gute Idee? „Wir müssen Liegenschaften aufbauen“, verneint Schön.

Als Zapf für Bürgerbeteiligung wirbt, erntet sie im Publikum Zuspruch. Aber da ist auch die Frage aus dem Saal, warum 15 Jahre über die „Grüne Mitte“ diskutiert wird. Peter Hupfauer fordert mehr Kraft zu Entscheidungen. Es sei ja für Bürger frustrierend, wenn in Workshops diskutiert werde und am Ende nichts passiere, weil es nicht finanzierbar sei. Julia Stifter spricht direkt die Vertreter aus dem Jugendforum im Publikum an. „Die Jugend ist unsere Zukunft“, erklärt sie und sagt wie die anderen zu, für junge Leute zusätzliche Räume zu schaffen.

Und was macht Korbinian Rausch als Erstes, wenn er im Rathaus auf dem Bürgermeistersessel Platz nimmt? Er werde einen Geist des Aufbruchs entwickeln und Gemeinderat und die Verwaltung zusammenbringen, um ein „schlagfertiges Team zu bekommen“, sagt er. Aber wird er es sein, ober doch Andreas Büchele? Dieser verspricht, als der noch amtierende Bürgermeister Wolfgang Panzer auch auf seinem Stuhl im Saal Platz genommen hat, in seinem Schlusswort den Bürgern: „Ich bin immer für Sie da“. Oder Johanna Zapf, Daniel Schön, Peter Hupfauer oder Julia Stifter? Gespräche nach der Veranstaltung zeigen: Einen klaren Sieger gab es an diesem Abend nicht. Eine Unterhachingerin, die aufmerksam zugehört hat, sagt zu den Wahlchancen nur: „Es wird spannend.“

