Süddeutsche Zeitung

Kitas:Erst das Visum, dann der Hortplatz

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In Unterhaching stehen derzeit 27 Familien ohne Betreuung für ihre Erstklässler da, weil die drei angeworbenen Fachkräfte aus Bosnien noch nicht einreisen dürfen.

Von Iris Hilberth, Unterhaching

Der Hort am Sportpark befindet sich genau gegenüber der Grund- und Mittelschule in Unterhaching. Perfekt also für Erstklässler, um ihn nach Unterrichtsschluss in ein paar Minuten zu erreichen. So waren zahlreiche Eltern auch erleichtert, dass ihre Kinder von September an dort einen Platz bekommen sollten. Doch jetzt müssen sie wieder zittern, ob es bis dahin wirklich klappt mit der Kinderbetreuung. Denn drei neue Mitarbeiterinnen, die eigentlich zu Schuljahresbeginn dort anfangen sollten, sitzen in ihrem Heimatland Bosnien und warten auf ihr Visum. Wie lange noch, kann keiner sagen.

Insgesamt sind 27 Familien in Unterhaching davon betroffen, wie Rathaussprecher Simon Hötzl bestätigt. "Und es sind ausgerechnet die Eltern, die vor drei Jahren schon um einen Kindergartenplatz bangen mussten, weil es damals einen erheblichen Mangel an Erzieherinnen gab", sagt Julia Stifter, Gemeinderätin der Freien Wähler, die in engem Kontakt zu einigen Familien steht, die aktuell ohne Hortplatz dastehen und nicht wissen, wie sie das mit ihren Arbeitgebern regeln sollen. Aufgrund der Zusage für den Hort haben die Mütter und Väter auch am Arbeitsplatz Vereinbarungen getroffen, etwa die Arbeitszeit aufzustocken. Zumindest aber, sie nicht zu reduzieren. Denn jeder weiß: Im Kindergarten sind die Kleinen mindestens bis zum frühen Nachmittag betreut, in der ersten Klasse aber stehen sie häufig bereits um 11 Uhr wieder zu Hause vor der Tür - es sei denn sie besuchen eine Ganztagsklasse, gehen in die Mittagsbetreuung oder eben in den Hort.

Da aber alle andere Betreuungsplätze für Grundschüler belegt sind, stehen die neuen Hortkinder vom Sportpark nun erst einmal ohne Platz da. Die Leiterin der Einrichtung, Melanie Elsner, bedauert die Situation außerordentlich, aber sie sagt: "Mir sind da die Hände gebunden, wir können das nicht beschleunigen." Die von der Diakonie Rosenheim betriebene Einrichtung ist ansonsten voll, mit den drei zusätzlichen Kräften aus Bosnien hätten die neuen Kinder aufgenommen werden können. Die Verträge mit den Eltern sind bereits unterschrieben, doch nun haben diese mitgeteilt bekommen, dass es voraussichtlich frühestens im November losgeht. Auch die Gemeinde und das Landratsamt haben sich mittlerweile bemüht, Schwung in die Sache zu bringen. Bisher aber ohne nennenswerten Erfolg.

"Wir haben die Erfahrung gemacht, dass es mit der Visumserteilung oft sehr lange dauert", sagt Rathaussprecher Hötzl. Die Gemeinde ist ansonsten recht angetan von der Lösung mit den bosnischen Fachkräften. "Deren pädagogische Ausbildung erfolgt nach Lehrplänen, die unseren sehr ähnlich sind", erklärt Hötzl. Auch werde in den Schulen Deutsch als Fremdsprache gelehrt, sodass alle die erforderlichen Zertifikate mit entsprechendem Sprachniveau besäßen. "Vor allem stehen sie zur Verfügung", so Hötzl.

In den Jahren zuvor hatten die Gemeinden und andere Träger von Kinderbetreuungseinrichtungen vor allem in Spanien Fachkräfte angeworben. Für die war es als EU-Staatsangehörige natürlich einfacher, in einer deutschen Kita mit der Arbeit zu beginnen. Doch in Spanien ist der Markt laut Hötzl inzwischen auch leergefegt. "Seit dort die wirtschaftliche Erholung eingesetzt hat, sind zudem nicht mehr so viele bereit, ihre Heimat zu verlassen", sagt er.

Für Arbeitskräfte aus Bosnien gilt die neue Westbalkanregel

Für Arbeitskräfte aus Bosnien gilt seit dem 1. Januar 2021 eine neue "Westbalkanregelung". Damit hat die Bundesregierung auch über das Jahr 2020 hinaus für Staatsangehörige von Albanien, Bosnien und Herzegowina, Kosovo, Montenegro, Nordmazedonien und Serbien einen privilegierten Zugang zum deutschen Arbeitsmarkt geschaffen. Dies gilt weiterhin für jede Art von Beschäftigung - unabhängig von einer anerkannten Qualifikation. Die Nachfrage ist sehr hoch, daher gibt es seit Dezember monatlich ein Losverfahren für Antragstermine. Zu der Dauer des Verfahrens schreibt das Auswärtige Amt: "Bei einem Antrag für ein Visum, das zu einem längerfristigen Aufenthalt berechtigt, müssen Sie je nach Aufenthaltszweck mit einer mehrmonatigen Bearbeitungszeit rechnen." Das Auswärtige Amt sei aber mit der Entscheidung über einzelne Visumsanträge grundsätzlich nicht befasst und könne daher das Verfahren auch nicht beschleunigen. Kenntnisse über den Stand einzelner, bei den Auslandsvertretungen anhängiger Verfahren lägen dem Auswärtigen Amt nicht vor.

Die für die Visumsvergabe zuständige deutsche Botschaft in Sarajewo bittet ebenso darum, von Nachfragen nach einzelnen Fällen abzusehen, und weist allgemein darauf hin: "Erst muss der Abschluss anerkannt werden, dann muss der Visumsantrag gestellt werden. Ausländische Hochschulabschlüsse und Berufsqualifikationen müssen in der Regel vor der Beantragung eines Visums als gleichwertig mit einem deutschen Diplom oder einer deutschen Berufsausbildung anerkannt werden." Das Unterhachinger Rathaus hat sich laut Hötzl "die Finger wund telefoniert" und steht in Kontakt mit dem Generalkonsulat von Bosnien und Herzegowina in München, das bei der Beschaffung von Unterlagen helfen soll. "Dort liegt unserer Auffassung nach zumindest ein zielführender Ansatzpunkt", sagt Hötzl. Auch das Landratsamt ist hier vorstellig geworden und teilt mit: "Unsere Kollegen haben sich sehr für die bosnischen Erzieherinnen eingesetzt. Leider wissen wir aber auch nicht, wie lange sich das Verfahren noch hinziehen wird. Soweit wir wissen, fehlen nach wie vor verschiedene Unterlagen."

Unterdessen versuchen Gemeinde und Einrichtungsleitung eine Lösung für die betroffenen Kinder zu finden. Angedacht seien Modelle mit Elterninitiative und Tagespflege. "Wir spielen gerade verschiedene Möglichkeiten durch", so Hötzl. Hortleiterin Elsner sagt: "Wir sind sehr bemüht, eine Alternative zu schaffen, hoffen aber alle auf eine schnelle Lösung."

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