Unterhaching Grüne Oase

Im Landschaftspark Hachinger Tal teilen sich seit 2001 Mensch und Natur einen einzigartigen Lebensraum. Auf dem ehemaligen Fliegerhorst gibt es Biotope für seltene Tier- und Pflanzenarten sowie bewegungsfreudige Besucher. Für Gassi-Geher gibt es eine extra Hundemeile

Von Julia Weller, Unterhaching

"Es ist diese endlose Weite, die mich jedes Mal wieder hierher zieht", sagt Victoria Müller-Gschlößl und lässt ihren Blick über die Landebahn schweifen. Seit sie 2012 eine wissenschaftliche Arbeit über den Naturschutz im Landschaftspark Hachinger Tal geschrieben hat, lässt die grüne Oase sie nicht mehr los. Die meisten Gymnasiasten kümmern sich nach Abgabe der verpflichtenden Seminararbeit nicht mehr um das gewählte Thema, doch Müller-Gschlößl hat ihres weiterverfolgt. Aus dem Stegreif spricht sie von neunzehn verschiedenen Tagfalterarten, von Glatthaferwiesen und der Geschichte des Geländes. Und strahlt dabei echte Begeisterung aus.

Was Berlin erst seit einigen Jahren hat, das gibt es hier schon lange: Bereits 1991 landete das letzte Flugzeug auf dem damaligen Fliegerhorst Neubiberg. Die Gemeinde Unterhaching kaufte das Gelände wenig später und nutze die einzigartige Chance, den Lebensraum für Mensch und Tier gleichermaßen nutzbar zu machen. 2001 begann die Umgestaltung mit dem Ziel der Symbiose von Artenschutz und Freizeitgestaltung. Dabei entstanden Biotope für die selten gewordene Wechselkröte und ein Schutzbereich für Bodenbrüter, der von Anfang April bis Ende August nicht betreten werden darf. Vor allem aber mussten die Auswirkungen der militärischen Nutzung beseitigt werden: So wurde benzinverseuchtes Erdreich abgetragen und am Rande des Parks als Sichtschutz vor der umliegenden Bebauung zu kleinen Hügeln aufgeschüttet. Und die Gestaltung des Parks ist noch lange nicht abgeschlossen: "Es ist nicht so, dass man das gegründet und dann sich selbst überlassen hätte", sagt Müller-Gschlößl. So fülle etwa die Freiwillige Feuerwehr in heißen Sommern die Krötenteiche auf, und eine Bürgergruppe aus Unterhaching kümmere sich um die Streuobstwiese.

"Jeder hat hier sein eigenes Revier", sagt Müller-Gschlößl, "das hat sich über die Jahre so etabliert". So gebe es die Hundemeile für Gassi-Geher, den Bachlauf für Badende, Fußball- und Volleyballfelder für Sportler und einen Wasserspielplatz sowie eine Skate-Anlage für Kinder und Jugendliche. Und außerdem natürlich das Schutzgebiet für Tiere und Pflanzen. "Das Gelände ist so groß, da kommt sich keiner in die Quere", sagt Müller-Gschlößl.

Es ist nicht leicht festzustellen, welchen Platz sie selbst dabei einnimmt. "Für meine Seminararbeit saß ich wirklich mit dem Pflanzenbuch auf der Wiese und habe nach Blumen gesucht", erzählt die 20-Jährige, "aber in meiner Altersklasse ist der Naturschutz wohl eher weniger verbreitet". Der Landschaftspark sei bei Jugendlichen trotzdem sehr beliebt: "Im Sommer treffen sich abends die Gruppen an beiden Enden der Landebahn, um dort zu feiern und abzuhängen." Ob das der Natur und dem Konzept des Parks widerspricht? "Nein, jeder kann kommen und das Gelände nutzen, wie er möchte. Vor einigen Jahren gab es mal ein Problem mit Müll und Glasscherben, aber seit hier ein Sicherheitsdienst kontrolliert, kommt das kaum noch vor."

Wegen ihres Studiums in Frankfurt schafft Müller-Gschlößl es mittlerweile nur noch am Wochenende in den Park. "Es gibt jedes Mal etwas Neues zu sehen", sagt die Jurastudentin, "und die Hundemeile ist die reinste Kontaktbörse". Müller-Gschlößl ist selbst in Neubiberg aufgewachsen und verbrachte einen Großteil ihrer Kindheit im Landschaftspark. "Früher haben wir immer auf den Wiesen gespielt", erinnert sie sich, aber heute dürfe man da nicht mehr drauf. Bis vor einigen Jahren sei die Akzeptanz der Besucher für Flora und Fauna auch noch nicht so groß gewesen. "Aber seit hier Schilder stehen und Flyer im Umlauf sind, funktioniert die Befolgung der Vorschriften gut."

Der Landschaftspark Unterhaching liegt Victoria Müller-Gschlößl sehr am Herzen. Sie hat eine wissenschaftliche Arbeit über den Naturschutz geschrieben.

(Foto: Claus Schunk)

Bald wird der Park noch einer weiteren Gruppe von Bewohnern einen Lebensraum bieten: Am östlichen Ende der Piste wurde auf Neubiberger Gelände eine Traglufthalle für Flüchtlinge errichtet. "Den Naturschutz wird das nicht beeinträchtigen", versichert Müller-Gschlößl. "Die Flüchtlinge werden das Gelände für ihre Freizeit nutzen können." Dabei wären sie in guter Gesellschaft der vielen Einheimischen, die tagtäglich in den Landschaftspark strömen. "Die Landebahn eignet sich wirklich für alles", sagt Müller-Gschlößl und zeigt auf eine Gruppe von Radfahrern. "Hier kann man skaten, joggen oder Drachen steigen lassen. Und viele Pendler nutzen die Strecke als Fahrradachse zwischen den Gemeinden." Gegen einen Ausbau touristischer Infrastruktur spricht laut Müller-Gschlößl aber das naturbelassene Konzept: "Es gibt an jedem Ende zwei Dixi-Klos, das muss reichen. Einen Kiosk oder ein Toilettenhaus fände ich problematisch. Wir Menschen können auch woanders feiern gehen, aber die vielen bedrohten Arten haben hier ihren Lebensraum gefunden." Durchaus ausbaufähig ist aus Sicht der Studentin hingegen die Informationslage der Bürger. "Man schützt nur, was man kennt", sagt sie. Für ihre Seminararbeit führte sie eine Umfrage unter fünfzig Besuchern durch, das Ergebnis: Fast die Hälfte der Befragten wusste nicht, dass im Park bedrohte Arten leben. Fast alle sprachen sich aber für die Beibehaltung der Schutzmaßnahmen aus.

In der Gemeinde Unterhaching, auf deren Gebiet der Park zum Großteil liegt, arbeitet ein eigener Projektkreis an der Bewusstseinsbildung der Besucher. Eine große Errungenschaft der Gruppe war 2008 die Einweihung der Hundemeile, einem fünf Meter breiten Grünstreifen im Nordteil, auf dem Hunde frei laufen gelassen werden dürfen. "Vorher hat sich niemand an die Leinenpflicht im Park gehalten", erzählt Ursula Gündera von der Projektgruppe, "also mussten wir den Hunden einen Raum bieten". Auch die Überwachung der Parkordnung durch den Sicherheitsdienst habe die Projektgruppe initiiert. "Es hat ab und zu Randalierer gegeben", erzählt Gündera. "Das Sicherheitspersonal straft die Leute nicht, sondern ermahnt sie und erklärt ihnen, wie wichtig die Landschaft eigentlich ist, die sie da zerstören. Und das funktioniert sehr gut so."

Flora und Fauna

Im Landschaftspark Hachinger Tal wachsen mehr als 250 verschiedene Pflanzenarten auf zwei Wiesentypen. Außerdem leben dort mindestens 2000 Tierarten. Der Park beherbergt Kleintiere, aber auch Füchse, Hasen und Insekten. Außerdem dient er Zugvögeln als Rastplatz und seltenen Vogelarten als Brutstätte. Viele der vorkommenden Arten stehen auf der Roten Liste und gelten somit als gefährdet und schutzbedürftig.

Glatthaferwiese: Auf dieser hochwüchsigen Mähwiese blühen unter anderem Hahnenfuß und Wiesenflockenblume. Die Glatthaferwiese wächst vor allem auf nährstoffreichen Böden mit guter, aber nicht zu starker Wasserversorgung. In der sogenannten Münchner Schotterebene sind solche Wiesen selten geworden.

Magerrasen: Seinen Namen hat der Magerrasen von der nährstoffarmen Umgebung, in der er wächst. Er gilt jedoch als besonders artenreich und bietet vielen bedrohten Tieren einen Lebensraum. Dafür muss der Magerrasen aber gepflegt werden. Im Landschaftspark geschieht dies durch regelmäßiges Mähen und die Beweidung mit Schafen.

Wechselkröte: Diese seltene Krötenart ist in der Lage, ihre Hautfärbung der Umgebung entsprechend heller oder dunkler werden zu lassen. In Deutschland steht sie auf der Roten Liste und gilt damit als sehr gefährdet und streng zu schützen. Im Landschaftspark Hachinger Tal stehen ihr flache Laichgewässer zur Verfügung, in denen die Kaulquappen ungestört wachsen können.

Feldlerche: Die Feldlerche ist eine Vogelart, die ursprünglich in der Steppe beheimatet war und deswegen flache Wiesen zum Brüten bevorzugt. Zu ihrem Schutz dürfen bestimmte Bereiche des Landschaftsparks in den Sommermonaten nicht betreten werden, denn dort verstecken die Lerchen ihre Eier in kleinen Bodenmulden. Nach etwa 20 Tagen verlassen die Jungvögel dann das Nest.

Schmetterlinge: Der blumenreiche Magerrasen ist ein Paradies für viele verschiedene Schmetterlingsarten. Drei der 19 nachgewiesenen Tagfalterarten gelten als gefährdet, beispielsweise der Himmelblaue Bläuling. Dessen Raupen ernähren sich nur von Hufeisenklee, den sie auf dem Magerrasen des Landschaftsparks finden.julw

Victoria Müller-Gschlößl hat das andere Ende der Landebahn erreicht. Zwei Kilometer lang hat sie erklärt, gezeigt und geschwärmt. Jetzt muss sie die gleiche Strecke zurück zum Auto, vorbei an Feldlerchen, Flüchtlingsheim und Fahrradfahrern. Im Landschaftspark findet eben jeder seinen Platz.