Schulprojekt mit Senioren„Sie haben etwas gelernt, wir haben etwas gelernt“

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Generationenaustausch: Marina (von links), Fatima und Irini unterhalten sich mit Wolfgang Kort über Schule in der Nachkriegszeit und heute.
Generationenaustausch: Marina (von links), Fatima und Irini unterhalten sich mit Wolfgang Kort über Schule in der Nachkriegszeit und heute. (Foto: Sebastian Gabriel)

Unterhachinger Fünftklässler tauschen sich für ein Schulprojekt immer wieder mit Bewohnern einer Seniorenresidenz aus. Am Ende haben die Schüler ein lebendiges Bild der Nachkriegszeit – und die alten Menschen freuen sich darauf, dass es im nächsten Jahr weitergeht.

Von Daniela Bode, Unterhaching

Kaum sind die Mädchen und Jungen zur Tür hereingekommen, gehen sie auf die dort wartenden älteren Männer und Frauen zu und sprechen angeregt mit ihnen. Bald hört man ein fröhliches Stimmengewirr in der Bibliothek der Seniorenresidenz in Unterhaching. Von Berührungsängsten keine Spur. Vielmehr ist gegenseitiges Interesse und eine herzliche Atmosphäre zu spüren. Das ist keine Selbstverständlichkeit, schließlich trennen die Gesprächspartner mehrere Jahrzehnte.

Die Kinder und die Senioren kennen sich schon. Sie nehmen an einem gemeinsamen Projekt teil, bei dem Fünftklässler der Grund- und Mittelschule am Sportpark in fünf Gruppen die älteren Leute zum Leben in der Kriegs- und Nachkriegszeit befragen. Die Fünftklässler wiederum berichten davon, wie Schule heute funktioniert. Es ist ein beispielhaftes Vorhaben, das im direkten Austausch nachhaltiges Verständnis für die jeweils andere Generation wecken und Geschichte lebendig machen soll.

Die „authentischen Begegnungen“ und auf „echte Menschen zu treffen in einer Welt, in der alles so künstlich wird“, sei besonders schön gewesen, sagt Klassenleiterin Bianca Hupfauer, die das Projekt ihrer 5a initiiert hat. Klaus Westmar, der Hausseelsorger im KWA-Stift am Parksee ist und die Treffen dort mit Kundenbetreuerin Susann Kehrer organisiert hat, betont die Wichtigkeit des Austauschs der Generationen und wie gut er tue.

Beim dritten und letzten Treffen überreichen die Schüler den Senioren aufklappbare Plakate, sogenannte Lapbooks, auf denen sie in verschiedenen Kategorien anschaulich zusammengefasst haben, was sie von ihren Gesprächspartnern erfahren haben. Etwa, dass es in den Nachkriegsjahren Butterbrot und Kartoffeln zu essen gab und in der Schule keine Bücher.

Lehrerin Bianca Hupfauer, Hausseelsorger Klaus Westmar und Schulbegleiterin Cornelia Kuhnt-Maier freuen sich über das gelungene Projekt.
Lehrerin Bianca Hupfauer, Hausseelsorger Klaus Westmar und Schulbegleiterin Cornelia Kuhnt-Maier freuen sich über das gelungene Projekt. (Foto: Sebastian Gabriel)

Fatima und Irini aus der Klasse 5a haben sich intensiv mit Wolfgang Kort ausgetauscht, der in Essen zur Schule gegangen war. Er erzählte ihnen unter anderem davon, dass er zweimal eingeschult wurde, weil es im Winter 1945/46 so kalt war. „Unsere Schule war auch von der Ausstattung her ganz anders als heutige Schulen“, sagt er. Von der Architektur her, baulich. Essen sei ja stark bombardiert worden, die Schule war funktionsfähig, aber spartanisch.

„Wir haben erfahren, dass es damals sehr schwierig war und zwei bis drei Klassen in einem Raum unterrichtet wurden“, erzählt Irini. Zu hören, dass man damals in so jungen Jahren Kriegserfahrungen machen musste, sei sehr „emotional“ für sie gewesen, sagt sie. Fatima sieht das nicht anders. Sie erzählt aber noch von anderen erstaunlichen Erkenntnissen:  Im Gespräch fanden sie heraus, dass man früher in Mathematik „andere Rechenwege benutzte, aber das gleiche Ergebnis erzielte“.

In Lapbooks, einer Art aufklappbare Poster, haben die Schüler anschaulich dargestellt, was sie von den Senioren erfahren haben.
In Lapbooks, einer Art aufklappbare Poster, haben die Schüler anschaulich dargestellt, was sie von den Senioren erfahren haben. (Foto: Sebastian Gabriel)

Das Generationen-Projekt ist im Rahmen der Schul-Aktion „Grumi-Frei-Day“ entstanden, die wiederum die Intention hat, dass die 17 Ziele für nachhaltige Entwicklung der Vereinten Nationen erreicht werden. In diesem Schuljahr beschäftigten sich daher viele Klassen an der Schule mit dem Thema Frieden und Demokratie. Um zu sehen, welche Bedeutung Frieden hat, müsse man zurückblicken, dachte sich Hupfauer. „So ist die Idee entstanden, die Senioren zu befragen“, sagt sie.

Auch in den anderen der fünf Gruppen gab es spannende Gespräche. So erzählte Gerda Bielski den Schülern etwa von ihrer Schulzeit in Bad Muskau, wo sie 1943 in die erste Klasse kam. Bad Muskau liegt in der Oberlausitz, nahe der polnischen Grenze. Schule „im Osten war eine Einheitssuppe“, sagt sie. Sie selbst wiederum habe gestaunt über die vielen Ausflüge, die die Lehrer heute mit den Schülern unternähmen und die vielen Projekte. Bei einem Treffen hatten die Senioren die Schüler in der Schule besucht. „Es ist unglaublich, was die Schule Eltern heute abnimmt“, sagt sie.

Emil (links) und seine Mitschüler hörten von Rose Eckerlein, dass früher alle zusammengeholfen hätten.
Emil (links) und seine Mitschüler hörten von Rose Eckerlein, dass früher alle zusammengeholfen hätten. (Foto: Sebastian Gabriel)

Für die Schüler dürften die drei Begegnungen auch einprägsamer als jeder Geschichtsunterricht gewesen sein. Wenn man es von jemand persönlich erfährt, könne man sich besser vorstellen, wie es früher ablief, sagt Emil. Er und zwei weitere Schüler hatten sich mit Rose Eckerlein unterhalten. Sie ging in Augsburg zur Schule und erzählte ihnen unter anderem davon, dass es kalt war in der Schule, die Kinder auf dem Ofen dort ihr trockenes Brot rösteten und drei Klassen in einem Raum unterrichtet wurden. Was Emil von den Erzählungen besonders im Gedächtnis blieb: „Ich fand es schön, dass früher alle zusammengeholfen haben“, sagt er.

„Wir waren richtig glücklich“, sagt eine Schülerin

Das Projekt war für alle eine Bereicherung und hat zum Nachdenken angeregt. „Sie haben etwas gelernt, wir haben etwas gelernt – wir waren richtig glücklich“, fasst es Fatima zusammen. So sehen es auch die Senioren. Wolfgang Kort lobt das Engagement der Lehrerin und die gut vorbereiteten Schüler. Die Senioren hätten ja zum Teil nicht so viel Kontakt zu jungen Menschen, wenn die Enkel nicht in der Nähe wohnen. „Wir hoffen natürlich, dass es weitergeht“, sagt er.

Für ihn hat Lehrerin Hupfauer beim Abschlussbesuch im Wohnstift gute Nachrichten dabei: „Die Grundschüler stehen in den Startlöchern“, sagt sie. Im kommenden Schuljahr widmet sich die Aktion „Grumi-Frei-Day“ dem Thema „weniger Ungleichheit“. In dem Zusammenhang soll es wieder einen Austausch von Alt und Jung geben.

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