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Traditionelle Wirtshäuser:Die Wiege des Hachinger Fußballs

Das Gasthaus zur Post in Unterhaching hier auf einer alten Ansichtskarte. Repro: Claus Schunk

Das Gasthaus zur Post war die erste Wirtschaft in Unterhaching und lange eine gute Einnahmequelle für die Kirche. In den 1920er-Jahren wurde dort die Spielvereinigung gegründet.

Von Iris Hilberth

Früher war die Hauptstraße für die Unterhachinger ganz einfach die Dorfstraße. Auch wenn kaum einer diesen Namen für den festgefahrenen Sandweg verwendete, erst recht nicht mehr seit Graf Montgelas die Häuser durchnummerieren ließ und das Gasthaus zur Post die Nummer eins im Dorf war. Die Tegernseer Landstraße machte innerorts an dieser Stelle, wo heutzutage bei Hausnummer 56 die Hauptstraße schnurgerade in Richtung Süden verläuft, einen Bogen um das alte Gebäude, weil es ganze zwölf Meter weiter vorne stand als heutzutage.

Den königlichen Hoheiten gefiel das überhaupt nicht. Denn auf ihrem Weg zu ihren Sommeraufenthalten am Tegernsee mussten sie jedes Mal die große Biege um das Wirtshaus machen. So beschreibt Rudolf Felzmann dieses "Missfallen" im Unterhachinger Heimatbuch. Erst 1909 soll es dann beim Bau des heutigen Gebäudes gelungen sein, die Straße zu begradigen und zugleich auch zu pflastern. Man erzählt sich, dass die Wirtin mit einer goldenen Uhr von dieser Notwendigkeit überzeugt worden war.

Damals hatte das Wirtshaus bereits eine fast 500 Jahre alte Geschichte hinter sich. Wie der ehemalige Heimatpfleger Felzmann festgestellt hat, dürfte es eines der ältesten in Altbayern sein. Erstmals urkundlich erwähnt wurde das Anwesen 1430, als der Münchner Patrizier Ludwig Ridler die Taferne an das "würdige Gotteshaus zu Niederhäching" verkaufte. 1436 wurde das Anwesen dann als Lehensgut in das neu gegründete Benefizium eingebracht, ein von der kirchlichen Obrigkeit eingesetztes kirchliches Amt, das die mit seinem Vermögen verbundenen materiellen Einkünfte bezog.

Das Gasthaus ist mehrfach umgebaut und einmal sogar versetzt worden.

(Foto: Claus Schunk)

400 Jahre lange war es für die Benefiziaten eine sichere Einnahmequelle. Die Wirte hatten an sie Abgaben zu entrichten, doch war das Betreiben einer Wirtschaft ein einträgliches Geschäft, weil der Wirt im Dorf allein berechtigt war, Bier und Speisen abzugeben sowie Hochzeiten, Leichenschmäuse und Tanzvergnügen zu veranstalten. Als dann noch von 1670 an die Wallfahrer zur Dorfkirche St. Korbinian hinzukamen, von denen viele übernachteten, wuchs der Wohlstand der Wirte, eine Zeit lang besaßen sie mehrere Bauernhöfe im Dorf.

Ihre Geldquelle wussten sie allerdings auch zu verteidigen und galten als durchaus streitbar. 1700 hatte der Pfarrer von Oberhaching ohne Schankrecht Bier ausgeschenkt und landete vor dem bischöflichen Gericht in Freising. Mitte des 19. Jahrhunderts war es mit diesem Monopol vorbei, als die Gewerbefreiheit eingeführt wurde, eröffneten in Unterhaching weitere Gasthäuser, etwa Oberwirt, Neuwirt und der Kammerloher.

1849 wurde schließlich das lange bestehende Obereigentum der Benefiziaten abgelöst, und am 1. November 1898 eröffnete in einem Nebenzimmer der Wirtschaft ein Postamt. Gastwirt Vinzenz Liedl wurde im Nebenberuf königlich bayerischer Posthalter, und das Gasthaus erhielt seinen heutigen Namen. Die Postgeschäfte konnten die Unterhachinger nicht allzu lange hier erledigen, 1905 war es damit schon wieder vorbei. Der Name aber blieb bis heute.

Einer, der auch schon sehr lange hier geblieben ist, ist Georg Schelle, den sie im Ort den Schelle Schorsch nennen. 1933 wurde er in diesem Haus geboren, heute noch lebt der ehemalige Wirt als Besitzer des Anwesens im ersten Stock über dem Gastraum. 1914 hatten seine Großeltern den Hof nebst Wirtschaft und Metzgerei gekauft. Großvater Mathias Bader aus dem schwäbischen Lauterbach war Braumeister und schon viel in der Welt herumgekommen, war in Argentinien und in der Türkei, bevor er sich in Unterhaching niederließ, gemeinsam mit seiner Frau Franziska, die aus der Münchner Metzgerfamilie Schelle stammte, und deren Sohn ebenfalls Georg Schelle hieß.

Seit 2006 präsentiert sich das Gasthaus zur Post in der heutigen Form.

(Foto: Claus Schunk)

Der Großvater starb bereits 1931, die Oma führte die Gastwirtschaft weiter und schließlich die Eltern vom Schelle Schorsch. Vieles im Gastraum der "Post" erinnert noch heute an frühere Zeiten. Das alte Röhrenradio etwa unter den Hirschgeweihen oder das gerahmte, für das Dorf geschichtsträchtige Stückchen Stoff über dem Stammtisch mit der Aufschrift "Zur Erinnerung an die Fahnenweihe des Turnvereins Hachinger Tal 29. VII. 21".

Auch die Geschichte des Unterhachinger Fußballs nahm ihren Anfang im Gasthaus zur Post. An einem Sonntag im Jahre 1923, als "Alt und Jung wie es üblich war nach der Kirche zum Frühschoppen gegangen waren, kam die Rede auf die Perlacher Fußballer. Sie haben damals schon private Fußballspiele durchgeführt", notierte einst Georg Schelle senior. Und so habe er gemeinsam mit seinem Onkel Jakob und dem Hoisl Wiggerl beschlossen, es auch in Unterhaching mal mit dem Fußball zu versuchen. I

n Willi Schmelz, der sich gerade vom Turnverein getrennt hatte, fanden sie einen Mitstreiter und riefen 1925 die Spielvereinigung Unterhaching ins Leben, die heute in der dritten Liga spielt und um die Jahrtausendwende sogar zwei Saisons in der Bundesliga absolvierte. Den Hachinger Turnern soll die Gründung eines zweiten Sportvereins überhaupt nicht recht gewesen sein. Die Fußballer waren aber nicht zu stoppen und begannen schon mal mit dem Training auf der Wiese zwischen der Post und dem Hachinger Bach.

"Jedes Mal kamen einige Leute mehr", berichtete Schelle senior. Schließlich genehmigte die Gemeinde den Fußballern einen Platz am Bad. Allerdings mussten sie zunächst einen Hügel abtragen. Bald hatte Unterhaching einen eigenen Fußballverein mit einer richtigen Mannschaft. Fehlten nur doch die Trikots. Willi Schmelz zahlte die eine Hälfte, die Wirtin der Post die andere.

Landschaftspark

Direkt gegenüber dem Gasthaus zur Post, auf der anderen Seite der Hauptstraße, fließt der Hachinger Bach. Ihn kann man in nördlicher Richtung entlang spazieren. Man kommt nach der Querung der Ottobrunner Straße durch die Grünanlage nahe dem Freibad, den nach der Unterhachinger Partnergemeinde in Frankreich benannten "Park Le Vésinet", und gelangt schließlich nach der Von-Stauffenberg-Straße und der Kapellenstraße zur Hachinger Haid und damit in den Landschaftspark Hachinger Tal. Orientiert man sich dann weiter am Bach, trifft man auf einen Wasserspielplatz und eine Kneippanlage. Man kann es sich einfach auf einem der Stege gemütlich machen. Oder man entscheidet sich für eine größere Runde durch den Landschaftspark in Richtung Neubiberg und Ottobrunn. Das 126 Hektar große Areal bietet einerseits viel Natur. Hier leben bedrohte Tierarten wie die Feldlerche, der Himmelblaue Bläuling und die Wechselkröte. Im anderen Bereich des einstigen Flughafens, dessen Landebahn für Skater, Kitesurfer und Radfahrer erhalten wurde, kann man sich sportlich betätigen. Hier gibt es ein Beachvolleyballfeld, einen Skaterpark und eine "Aktivinsel" mit Geräten für Kraftübungen. Iris Hilberth

Ein Bildband über 500 Jahre Wirtshausgeschichte

Der Schelle Schorsch junior, selbst gelernter Metzger, hat in seinem Bildband über das Gasthaus zur Post, in dem er vor allem ein Vielzahl alter Dokumente aus über 500 Jahren Wirtshausgeschichte zusammengetragen hat, den Fußballern zwei Seiten gewidmet. "Wenn man nachts nicht schlafen kann, beschäftigt man sich eben mit diesen Sachen", sagt er.

Auch wenn er vieles nur aus Erzählungen seiner Oma und seines Vaters kennt. Viele Umbauten und unterschiedliche Nutzungen hat es in seiner Zeit gegeben. Mal war ein Schreiner, mal ein Textilgeschäft und dann eine Pilsstube in den Nebenräumen untergebracht. Zeitweilig hat sogar seine Frau eine Wäscherei im Rückgebäude betrieben. Inzwischen lenken Schelles Kinder in vierter Generation die Geschicke der "Post", wenn auch nicht als Wirte, denn die Gaststätte ist verpachtet.

Gerne sitzt der mittlerweile 87-jährige Georg Schelle immer noch mit gemeinsamen Weggefährten unten im Biergarten unter den drei Kastanien. Einst waren es fünf Bäume, doch als 1943 Bomben auf Unterhaching fielen, erwischte es auch die Post. "Die Holzhütte, Obstbäume, Zäune, Klo und Misthaufen zum Nachbarn wurden außerdem in Mitleidenschaft gezogen", erinnert sich Schelle.

Als die Bomben fielen, saßen sie mit den Nachbarn zusammen tief unten im Keller. Acht Meter hatten sie nach unten gegraben, um diesen Schutzraum mit Ausgang weit hinter dem Haus zu errichten. Den Keller gebe es heute noch, sagt Georg Schelle, ihn nutze aber keiner mehr, der Zugang zum Haus sei längst zu. Zuletzt wurde die Post 2006 ein weiteres Mal umgebaut und renoviert. Seitdem gibt es auch im hinteren Teil wieder einen Saal.

Georg Schelle ist stolz auf seine Wirtschaft, wie sie heute dasteht, er blicke zufrieden zurück, sagt er. In seinem Buch hat er auf der ersten Seite eine Haus-Inschrift aus dem Zillertal zitiert: "Das Haus ist mein und doch nicht mein, beim nächsten wird es auch so sein. Den Dritten trägt man auch hinaus, nun sag mir doch, wem gehört das Haus?"

© SZ vom 01.09.2020

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