Das Graben zählt zu den jährlich wiederkehrenden Handgriffen eines Gartenbesitzers. Auch Werner Reindl greift in seinem Garten immer noch regelmäßig zum Spaten, obschon er kurz vor seinem 82. Geburtstag steht. Seit dem Ende seines Berufslebens gräbt er aber nicht nur seine Beete um, sondern auch tief in der Historie der Gemeinde Unterhaching. Die Heimatgeschichte, deren Erforschung mit dem Fund eines rund 5000 Jahre alten Kupferbeils zu Beginn der Siebzigerjahre einen bis heute anhaltenden Schub bekam, ist zum Steckenpferd des geborenen Münchners geworden, der 27 Jahre lang Vorsitzender des Gartenbauvereins Unterhaching war.
Dass er sowohl vom Garteln als auch von Geschichte etwas versteht, zeigt das Vertrauen des Gärtnervereins München, der ihn das Jubiläumsbuch zur Feier des 150-jährigen Vereinsbestehens im Jahr 2018 schreiben ließ. Mehrere Bücher zur Geschichte des Ortes folgten, jetzt stellte der seit seinen Jugendjahren in dem Münchner Vorort lebende Reindl sein neuestes Werk vor: „Unterhaching – Landwirtschaft und Gartenbau von der Jungsteinzeit bis heute“, 186 Seiten stark, bebildert mit teils mehr als hundert Jahre alten Fotografien aus Zeiten, als zu beinahe jedem Hof ein großer Obst- und Gemüsegarten gehörte und noch Kartoffeln mit der Hand geklaubt wurden.
Drei Jahre lang hat Werner Reindl für sein Buch recherchiert, das Ergebnis kann sich sehen lassen. Der Autor hat so einige in der Versenkung verschwundene Segmente der reichhaltigen Unterhachinger Acker- und Gartenbau-Geschichte ausgegraben, etwa die Tatsache, dass die Unterhachinger Bauern bis circa 1840 auf ihren Feldern Hopfen angebaut hatten, noch bevor sich die Holledau zum größten Anbaugebiet Deutschlands entwickelte.
In puncto Genussmittel hatten die Landwirte rund um den Hachinger Bach und seinen Auenlandschaften noch anderes zu bieten, etwa 13 Brennereien, von denen heute nur noch jene am Keglhof existiert. Auch drei Gänsehändler lockten insbesondere Großstädter nach Unterhaching, darunter Reindls Eltern, die damals in Giesing lebten. Selbst Tabakpflanzen gediehen während des Zweiten Weltkrieges auf Hachinger Feldern und in Gärten.
Nur wenige Nutzgärten haben sich erhalten
Von Ackerbau und Viehzucht verstand man also in Unterhaching jedenfalls etwas. Den vier großen örtlichen Gärtnereien (Ruf, Ertl, Nickel, Beck), etwa sei ein besonders gutes Image vorausgeeilt, schreibt Reindl, sie hätten nicht nur die eigene Bevölkerung und die Münchner mit Blumen und Gemüse versorgt, sondern auch das gesamte Oberland bis zum Tegernsee, bis in die Fünfzigerjahre mit Pferdekutschen.
Vieles von dem, das Werner Reindl auf seinem Ritt durch die Geschichte des Acker- und Gartenbaus streifte, gehört für immer der Vergangenheit an. Schnaps, Gänse, Obst und Gemüse gibt es in Discountern zu kaufen, nur noch wenige Nutzgärten haben sich erhalten. Man könne diese Entwicklung auch anhand der Themen dokumentieren, zu denen vom Gartenbauverein eingeladene Fachleute referierten.

In den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg hätten die Besucher bei jeder Veranstaltung Tipps zu Gemüse- und Obstanbau bekommen. „Heute wünscht das keiner mehr“, sagt der Heimatforscher und führt den Besucher durch sein eigenes Gartenreich bei sich zu Hause, zeigt Prachtkerze, Tagetes, Lavendel und Blumenkresse, allesamt bienenfreundliche Pflanzen, die nicht nur im Sommer das Auge erfreuen.

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Zuerst sei der Nutzgarten zur Selbstversorgung in den Siebzigerjahren vom Freizeitgarten mit Koniferen und Rasen abgelöst worden, dann habe im Zuge der grünen Welle die Rückbesinnung auf heimische Obst- und Gemüsesorten eingesetzt, und aktuell sei man wieder beim Freizeitgarten angelangt. Das Problem sei, dass die Gärten immer kleiner würden und zudem die jungen Menschen keine Zeit mehr hätten für die notwendige Gartenarbeit, sagt Reindl.
Den Grünkohl in seinem Garten etwa müsse er von Juli bis Dezember im Auge behalten, die Erde immer wieder „aufhackeln“, damit Wasser bis an die Wurzeln dringen kann. Und die Zahl der Schädlinge sei nicht kleiner geworden. Fast jeder Walnussbaum sei von Fruchtfliegen befallen, fast jeder Apfel wurmstichig, „der Spaß lässt bei Öko nach“, weiß Reindl. Man müsse schon Liebe zum Garten haben, um sich das anzutun, mahnt er.
Wie sieht dann der Garten der Zukunft aus, zumal vor dem Hintergrund des Klimawandels und dem damit einhergehenden Wassermangel? Steingärten sind es sicher nicht, obwohl Reindl wenige dulden würde. Die Gartler müssten in jedem Fall vernünftiger mit dem Wasser umgehen. „Toilette und Rasen sprühen – was wir machen, ist Frevel“, sagt er. Man sollte Wasser in Tiefbehältern sammeln und versuchen, Tiefwurzler mit wenig Wasserbedarf zu pflanzen. Und, besonders wichtig: Nicht zu viel gießen und immer nur morgens, nie abends.
Das Heimatbuch kostet 16 Euro und ist in der Unterhachinger Buchhandlung Kempter, Albrecht-Dürer-Straße 1, erhältlich.

