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Asylbewerber mit Ausbildung:Die Unsicherheit bleibt

Nasirullah Saidi aus Afghanistan kam 2015 in München an. Inzwischen hat er in Unterhaching eine Lehre abgeschlossen, was bisher nicht viele Flüchtlinge geschafft haben. Trotzdem muss er die Abschiebung fürchten.

Vor drei Jahren wusste Nasirullah Saidi nicht, wie Himbeeren schmecken. Oder Papaya, Heidelbeeren und Avocado. Das alles konnte er in Afghanistan nicht kaufen, dem Land, aus dem er stammt und aus dem er floh, weil ihn dort die Taliban verfolgten, wie der 20-Jährige erzählt. Als er eine Ausbildung in einem Supermarkt in Unterhaching begann, probierte er nach und nach das Obst und Gemüse, das er verkaufen sollte. "Himbeeren sind gut", sagt er. "Papaya nicht so gut." Diesen Sommer wurde Saidi mit seiner Ausbildung zum Verkäufer fertig - als einer der ersten Geflüchteten, die im Oktober 2015 nach München kamen, als am Hauptbahnhof noch Menschen mit Willkommensschildern standen.

Dass Saidi seine Ausbildung erfolgreich abgeschlossen habe, sei ein großer Erfolg und nicht selbstverständlich, sagt Nina Hartmann. Die Psychologin berät für die Caritas Flüchtlinge in Oberhaching, wo auch Saidi lebt. Außer ihn kennt sie bloß noch zwei weitere Geflüchtete, die inzwischen fertig sind. Alle seien überdurchschnittlich fleißig gewesen. "Sie hatten schon in der Traglufthalle ständig ein Wörterbuch dabei." Offizielle Zahlen, wie viele Geflüchtete im Landkreis München diesen Sommer ihre Ausbildung beendet haben, sind schwierig zu bekommen. Die Handwerkskammer nennt fünf. Hinzu kommen jedoch all jene, die der Industrie- und Handelskammer (IHK) angeschlossen sind, weil sie wie Nasirullah Saidi im Einzelhandel lernen oder etwa einem Hotel. Die IHK kann allerdings nur sagen, dass in ganz Bayern dieses Jahr 1500 Azubis mit Fluchthintergrund eine Ausbildung abschlossen.

Die Ausbildung sei ihm schwer gefallen - besonders am Anfang, sagt Saidi. "Ich musste so viel lernen." Am Wochenende, nach Feierabend. Trotzdem seien die Noten oft schlecht gewesen. Weil es in seiner Unterkunft in Oberhaching keinen Raum zu Lernen gab und er sich sein Zimmer mit drei anderen Männern teilt, setzte er sich mit seinen Büchern bei Regen in die Bibliothek und bei Sonnenschein auf eine Parkbank. "Wenn ich die Wörter laut spreche, bleiben sie besser im Kopf", sagt der 20-Jährige. Aber das hätte in seinem Zimmer für Streit gesorgt.

Dass es für Geflüchtete nicht einfach ist, eine Ausbildung durchzuziehen, zeigen die Zahlen: In Bayern löst laut IHK ein Drittel der Flüchtlinge den Ausbildungsvertrag vorzeitig auf. Bei handwerklichen Berufen sieht es ähnlich aus. Nicht alle brechen ihre Lehre ganz ab, manche wechseln bloß den Betrieb. Dennoch kündigen rund zehn Prozent mehr Geflüchtete ihren Ausbildungsvertrag als Lehrlinge mit einem deutschen Pass.

Die Gründe für das mangelnde Durchhaltevermögen sind vielfältig

Gründe gebe es dafür viele, sagt Stefan Kraus, der bei der Agentur für Arbeit in München als Berufsberater arbeitet und den Bereich Flucht und Migration koordiniert. Bei manchen sei das Deutsch nicht gut genug, viele würden mit Traumata kämpfen. Andere dagegen hätten sich den Beruf schlicht anders vorgestellt. "Besonders viele Geflüchtete beginnen eine Ausbildung in der Gastronomie oder als Friseur, weil es dort viele freie Stellen gibt", sagt Kraus. "Doch genau in den Bereichen brechen auch besonders viele Deutsche ab."

Seine Ausbildung hinzuschmeißen, sei für ihn nie in Frage gekommen, sagt Nasirullah. Verkaufen, mit Kunden sprechen, mache ihm Spaß, sagt der 20-Jährige. "Viele kennen mich schon." Tatsächlich schaffen viele Geflüchtete, wenn sie dabei bleiben, ihren Abschluss: 70 Prozent bestanden laut IHK heuer ihre Abschlussprüfung. Ein großer Erfolg, mit dem drei Jahre zuvor viele nicht gerechnet hätten, sagt Hubert Schöffmann, der Bildungspolitische Sprecher der IHK in Bayern. "Vor allem, wenn man bedenkt, dass diejenigen, die jetzt fertig werden, mit ihrer Ausbildung zu einer Zeit begannen, als es noch nicht so viel Unterstützung gab wie heute." Inzwischen hat die IHK Integrationsberater, Vorbereitungskurse, Workshops. Viele Unternehmen, aber auch viele Helfer, bieten Nachhilfe an.

Eine, die sich besonders engagiert, ist Renate Weidlich, 58 Jahre alt und Patin zweier afghanischer Flüchtlinge, die bei ihr in Unterhaching mit in der Wohnung leben. Dem einen vermittelte sie eine Ausbildung zum Fachinformatiker. Ein Jahr lang habe er auf die Erlaubnis warten müssen, die Ausbildung zu beginnen, sagt Weidlich. "Er wollte die ganze Zeit arbeiten und konnte nicht." Anstrengend und zermürbend sei das gewesen. Dem anderen verschaffte sie einen Ausbildungsplatz bei einem Optiker. Inzwischen ist der 21-Jährige im dritten Lehrjahr. Vor zwei Monaten zog er bei Weidlich ein, nachdem er in eine große Unterkunft im Poinger Gemeindeteil Grub verlegt worden war.

"Da steht ein Container neben den anderen, es ist schmutzig und stinkt, immer wieder gab es Razzien", sagt Weidlich. "Wenn er geblieben wäre, würde er die Ausbildung sicher nicht schaffen." Ihre beiden Töchter, die als Lehrerinnen arbeiten, geben den Afghanen ab und zu Nachhilfe. Und Weidlich hilft im Alltag, etwa bei Behördengängen. Gerade macht sie mit ihren zwei afghanischen Patenkindern im Wohnmobil Urlaub in Leipzig. "Deutschland", sagt sie, "kann sich wie ein Gefängnis anfühlen, wenn man nicht reisen kann."

Auch anderen Flüchtlingen vermittelte sie einen Ausbildungsplatz - etwa zum Bauzeichner und zum Rechtsanwaltsgehilfen. "Natürlich ist das extrem schwierig. Doch ich habe die Flüchtlinge immer gefragt, was eigentlich ihr Traum ist", sagt Weidlich. Um diesen zu verwirklichen, habe sie manchmal stundenlang telefoniert. Weidlich ist davon überzeugt, dass man eine Ausbildung nur dann erfolgreich zu Ende bringen kann, wenn sie einem Spaß macht - und nicht, wenn man sie bloß beginnt, weil diese Stelle besonders leicht zu bekommen war.

Dass Geflüchtete ihre Ausbildung abbrechen, erlebte auch die Grünen-Landtagsabgeordnete Claudia Köhler aus Unterhaching ein paar Mal. Sie vermittelte nach eigenen Angaben rund 130 Geflüchteten eine Arbeit oder einen Ausbildungsplatz und sagt: "Die Flüchtlinge sind oft völlig überrascht, wie wenig sie während der Ausbildung verdienen - im Vergleich zu einem Job, bei dem es den Mindestlohn gibt." Manche würden Druck aus der Heimat bekommen, Geld nach Hause zu schicken und dann lieber gleich einen richtigen Job beginnen. Verhindern könnte man das ihrer Meinung nach durch Sprach- und Integrationskurse, bei denen die Lehrer auch die Chancen einer Ausbildung erklären. Doch gerade in den ersten Jahren sei viel Zeit vergeudet worden - weil Erlaubnisse, eine Ausbildung zu beginnen, nicht erteilt oder weil Deutschkurse nicht genehmigt wurden.

Aus Sicht der IHK läuft die Zusammenarbeit zwischen der Ausländerbehörde und den Unternehmen zumindest im Landkreis München gut. "Grundsätzlich versuchen die Sachbearbeiter Lösungen zu finden", sagt Hubert Schöffmann. Das sei auch notwendig. Jedes Jahr aufs Neue vermelden Betriebe, dass sie ihre Ausbildungsstellen nicht besetzen können. Von 2379 gemeldete Ausbildungsstellen, sind momentan laut IHK noch 990 noch unbesetzt. Die Bereitschaft, geflüchtete Menschen einzustellen, steige deshalb. 2018 begannen 176 Geflüchtete 2018 eine Ausbildung, fast 30 Prozent mehr als im Vorjahr. In einer Befragung der IHK gab fast ein Drittel der Firmen an, innerhalb der nächsten drei Jahre einen Geflüchteten als Azubi oder Mitarbeiter beschäftigen zu wollen.

"Was sollte ich denn in Afghanistan tun?"

Doch wie geht es mit all diesen Menschen weiter, wenn sie erst einmal ihre Ausbildung beendet haben? Damit abgelehnte Asylbewerber mit einer Ausbildung die Chance haben, in dem Beruf arbeiten zu können, hat der Gesetzgeber die sogenannte Drei-plus-zwei-Regelung. Hinter dem Kürzel steckt, dass ein Flüchtling drei Jahre lang seine Ausbildung machen und danach zwei Jahre in Deutschland arbeiten darf, ohne fürchten zu müssen, abgeschoben zu werden.

Im Landkreis München kommt diese Regelung aber nur für wenige Flüchtlinge in Frage, wie das Landratsamt schreibt. Denn dafür muss das Asylverfahren abgeschlossen sein. Wenn ein Flüchtling etwa gegen den negativen Bescheid des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge klagt, gilt das Asylverfahren als laufend und die Drei-plus-zwei-Regelung greift nicht. Bis jetzt haben nach diesem Gesetz im Landkreis München gerade mal drei Flüchtlinge, die ihre Ausbildung erfolgreich beendet hatten, eine Aufenthaltserlaubnis bekommen. Sie wissen nun, dass sie für mindestens die nächsten zwei Jahre in Deutschland bleiben dürfen.

Wie es bei Nasirullah Saidi weitergeht, ist unklar. Für ihn kommt die Drei-plus-zwei-Regelung nicht in Frage. Denn gegen seinen negativen Asylbescheid klagt er gerade. "In Afghanistan", sagt Saidi, "ist mein Leben in Gefahr." Heute noch mehr als damals, glaubt er - weil er sich versteckt habe, als die Taliban, bei ihm zuhause klingelten, um ihn zu rekrutieren. "Sie wissen, dass ich ein Flüchtling bin." Seit er aus Afghanistan aufbrach, sind drei Jahre vergangenen. Damals war er 17 Jahre alt. Einen Schulabschluss machte er in seiner Heimat nie. "Was", fragt er, "sollte ich denn jetzt in Afghanistan tun?"

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SZ vom 22.08.2019
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