Es ist noch früh an diesem Juni-Morgen, die Sonne eben erst aufgegangen und die 16-jährige Khadija Ghiassi im Tiefschlaf, als es in der Flüchtlingsunterkunft in Unterhaching an der Wohnungstür ihrer Familie klopft. Im nächsten Moment stehen Polizisten am Bett der Teenagerin aus Afghanistan. „Als ich die Augen aufgemacht habe, war ich total geschockt“, wird Khadija Ghiassi später erzählen.
Schließlich haben weder sie, die an der Mittelschule Unterhaching gerade ihre Abschlussprüfungen schreibt, noch ihre Eltern mit einer Abschiebung gerechnet. Doch nun geht alles ganz schnell. Während die beiden acht- und zehnjährigen Söhne immer wieder in Tränen ausbrechen, packen Abdul Ghiassi und seine Frau unter den Augen der Bundespolizisten ihre Habseligkeiten zusammen.
Im Polizeiauto geht es danach zum Flughafen, wo die Familie in einen Flieger gesetzt wird – nach Bulgarien, wo alle zusammen nach ihrer Flucht aus Afghanistan schon einmal eine „schreckliche Zeit“ durchlebt hat, so erzählt es Khadija Ghiassi am Telefon. Zwar hat auch ihr Vater in Unterhaching ein Deutsch-B1-Zertifikat erlangt, doch weil die 16-Jährige die Sprache in ihrer Familie am besten beherrscht, übernimmt sie zumeist das Reden – während man im Hintergrund immer wieder die aufgebrachte Stimme Abdul Ghiassis hört.
Der 47-Jährige hat die Zukunft seiner Familie in Deutschland gesehen. Er selbst hatte eine Arbeit in Aussicht, seine vier Kinder gingen in Unterhaching zur Schule, die älteste Tochter hatte für die Zeit nach dem Abschluss bereits einen Ausbildungsplatz als Zahnarzthelferin sicher. „Die ganze Familie hat sich unglaublich bemüht, sich hier zu integrieren“, sagt Gisela Mertel-Schmidt vom Helferkreis Unterhaching. Sie hat mit den Kindern zusammen gelernt und auch die Eltern unterstützt.

Dass die Ghiassis nun frühmorgens und unangekündigt abgeschoben wurden, habe sie schockiert, sagt Gisela Mertel-Schmidt. „In dieser Form haben wir das im Helferkreis noch nie erlebt.“ Aktuell unterstützen die Ehrenamtlichen die Familie aus der Ferne und suchen nach Möglichkeiten, sie zurück nach Deutschland zu holen. Aber natürlich weiß auch Gisela Mertel-Schmidt, wie gering die Chancen sind. Grund ist die Dublin-III-Verordnung.
Diese regelt innerhalb der EU, dass derjenige Staat für ein Asylverfahren zuständig ist, in dem der Antragsteller erstmals europäischen Boden betritt. Im Falle der Ghiassis ist das eben Bulgarien gewesen, obschon die Familie laut eigenen Angaben niemals in dieses Land wollte. Doch in den Wirren nach der Machtübernahme der Taliban im August 2021 seien sie nach ihrer Flucht über Spanien in Sofia gelandet, erzählt Abdul Ghiassi, der in Afghanistan als Ortskraft für eine deutsche Organisation gearbeitet hat, wie er sagt.
In Bulgarien drohte ihnen schon einmal die Abschiebung nach Afghanistan
In Bulgarien habe ihre Familie dann drei Monate lang in einer von Polizisten bewachten Unterkunft gelebt und diese nur selten verlassen, berichtet Khadija Ghiassi. Anfangs habe sich der Vater geweigert, einen Asylantrag zu stellen – schließlich wollte er dies erst in Deutschland tun. Doch dann hätten die bulgarischen Behörden gedroht, die Familie nach Afghanistan zurückzuschicken, worauf sich die Ghiassis registrieren ließen und Ausweise erhielten. Damit seien sie nach 17 Monaten im März 2023 über dem Landweg nach Deutschland gelangt, sagt der Vater.
Dort kam die Familie über Stationen in München-Johanneskirchen und Unterföhring nach Unterhaching, wo sie sich in der Unterkunft an der Hachinger Haid alsbald einlebte. „Sie haben alles gemacht, was ging, um sich zu integrieren“, sagt Gisela Mertel-Schmidt vom Helferkreis. Dennoch wurde ihr Asylantrag abgelehnt; eine Klage dagegen scheiterte Mitte Mai vor dem Verwaltungsgericht. Dort habe man der Familie jedoch versichert, dass sie nicht abgeschoben würde, sagt Mertel-Schmidt. Doch dann stand Anfang Juni die Polizei vor der Tür. Und in Bulgarien habe man die Familie „im buchstäblichen Sinn auf die Straße geschmissen“, klagt die ehrenamtliche Helferin.
Die erste Nacht hätten sie in einem Park geschlafen, sagt Khadija Ghiassi. Inzwischen lebt die sechsköpfige Familie in einer kleinen Wohnung, die der Unterhachinger Helferkreis für sie angemietet hat. Allein wie lange man dies noch finanzieren könne, sei ungewiss, sagt Gisela Mertel-Schmidt. Sie ist zwischenzeitlich beim Kirchenasyl-Verein Matteo vorstellig geworden, um die Ghiassis auf diesem Weg zurück nach Deutschland zu bringen. Zudem will sich der Helferkreis an die Politik wenden und einen Anwalt einschalten. Noch habe sie „Hoffnung auf ein Wunder“, sagt Gisela Mertel-Schmidt. Zugleich sei sie jedoch „entsetzt darüber, wie unser Staat mit Menschen umgeht, die eigentlich unsere Hilfe bräuchten“.
Derweil sitzt die Familie Ghiassi in einer Wohnung in einem Land fest, „wo wir niemanden kennen, die Sprache nicht sprechen und keine Zukunft sehen“, sagt Khadija Ghiassi. „Wir wissen nicht mehr, was wir machen können. Wir haben uns so viel Mühe gegeben in Deutschland. Doch jetzt ist unsere Zukunft kaputtgegangen.“



