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Unterföhring:Steinreiche Fantasien

Zwei Kunstprojekte wachsen am Bahnhof zusammen

Glückliche Steine, Unterföhring, Aktion von Ricarda Reimann

Rund und bunt: Kreative Steinarbeiten am S-Bahn-Rondell.

(Foto: Simon Piyamongkol)

Vom sonst so düsteren Dramatiker Heiner Müller gibt es ein hübsches Dramolett, in dem Person eins ihr Herz einer Person zwei zu Füßen legen will. "Wenn Sie mir den Fußboden nicht schmutzig machen" antwortet diese. "Mein Herz ist rein", sagt Person eins. Es geht dann ein bisschen hin und her, das Herz will erst nicht so recht heraus, bevor es mit einem Taschenmesser aus dem Körper operiert wird, wo es sich als Ziegelstein entpuppt. "Aber ihr Herz ist ja ein ist ein Ziegelstein", merkt Person zwei leicht verschnupft an. "Aber es schlägt nur für Sie", entgegnet Person eins.

So kann selbst ein Herz aus Stein zur schönen Metapher werden und was derzeit in Unterföhring nahe dem S-Bahnhof an Steinen so rum liegt, ist ebenfalls dazu angetan, das Herz zu erwärmen und womöglich das Auge zu erfreuen. Quasi einen Steinwurf entfernt vom Zindlerhaus und dem "Zaun der Hoffnung" - einer vom Unterföhringer Verein "Baum der Hoffnung initiierten Freiluftausstellung - sieht man am S-Bahn-Rondell verschiedene Exemplare der Kreativ-Aktion "Glücklich Stein". Aufgerufen dazu hat die Künstlerin Ricarda Reimann, ausgehend von ihren Arbeiten sind inzwischen weitere fantasievoll gestaltete Steinarbeiten hinzugekommen. Auch Zuheir Darwish, Künstler und Initiator des Vereins "Baum der Hoffnung", der sich vor allem für kurdische Flüchtlinge in Nordirak engagiert, hat sich dort entfaltet. Beide Kunstprojekte sind gleichsam zusammengewachsen.

Smiley to go, zaun der hoffnung, baum der hoffnung

Für Passanten, die spontan ein Lächeln mitnehmen wollen: Smileys to go am "Zaun der Hoffnung".

(Foto: Simon Piyamongkol)

Hinter dem "Zaun der Hoffnung" steckte ursprünglich die Idee, kleine und große Kreative im Ort zu animieren, ihre (regenfesten) Werke - Bilder, Malereien oder Basteleien - am Zaun beim Zindlerhaus zu befestigen: Als Zeichen der Gemeinschaft, Solidarität und Symbol gegen die Bedrohung durch das Virus. "Viele Kinder und viele Erwachsene haben etwas hingebracht", freut sich Darwish. Inzwischen kann man freilich auch etwas vom Zaun mitnehmen: Es gibt "Smileys to go", "Kleeblätter to go" oder auch bemalte Schmunzelsteine, Kinderbücher und CDs zum Mitnehmen. So schön Darwish es findet, wie die Aktion von den Unterföhringern angenommen wird, seine Zuversicht, was ein generelles Umdenken angeht, hält sich in Grenzen. "Ich hoffe es, aber ich fürchte, es wird wieder so werden wie vorher. Das Geld spielt eine zu große Rolle."

Der Stein der Weisen, der nicht nur eine Verwandlung von Metallen, sondern auch eine Veredelung des Menschen bewirkt, ist wohl auch in Unterföhring noch nicht gefunden worden.

© SZ vom 23.05.2020

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