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Nachhaltiges Bauen:Unterföhring gönnt sich ein Öko-Rathaus

"Große Bilderschriftkugel" von Fritz König in Unterföhring, 2018

Wird abgerissen, wenn das neue Gebäude steht: Das aus den Siebzigerjahren stammende Rathaus bietet zu wenig Platz für die Verwaltung.

(Foto: Robert Haas)

Das neue Domizil der Gemeindeverwaltung wird aus klimaschonenden und recycelbaren Materialen errichtet. Kostenpunkt: voraussichtlich 50 Millionen Euro.

Von Sabine Wejsada, Unterföhring

Fünf Stockwerke, Büros und Arbeitsplätze für an die 90 Beschäftigte und geschätzte Kosten in Höhe von vermutlich mehr als 50 Millionen Euro: Der Unterföhringer Gemeinderat hat in einer Sondersitzung am Montagabend die Eckpunkte der Ausschreibung für das neue Rathaus in der Ortsmitte zwischen Bahnhof und Föhringer Allee festgelegt.

Das Besondere daran: Das Gebäude soll nicht nur alle Anforderungen an die moderne Arbeitswelt und Digitalisierung erfüllen, sondern komplett mit nachhaltigen und ökologischen Baumaterialien errichtet werden. Fünf Architekturbüros sollen zum Wettbewerb eingeladen werden, wenn sie die vom Gremium festgelegten Voraussetzungen erfüllen: Zum Zug kommen junge und innovative Büros, die von einem externen Fachmann oder einer Expertin in Sachen Nachhaltigkeit unterstützt werden.

Bei sechs Treffen haben Vertreter von Verwaltung, Gemeinderatsfraktionen, Projektsteuerern und Planern die grundlegenden Erfordernisse für das "Rathaus der Zukunft" sondiert. Diese fließen nun in den mehr als 60 Seiten starken Auslobungstext, der Ende der Woche EU-weit publiziert wird.

Großen Wert legen die Unterföhringer bei dem Neubau auf klimaschonende und recycelbare Baumaterialien. Zu Rate gezogen hat die Gemeinde aus diesem Grund Nathalie Essig, Professorin für Baukonstruktion und Bauklimatik an der Hochschule München, eine ausgewiesene und mehrfach ausgezeichnete Expertin für umweltbewusstes und sozial verträgliches Bauen.

In einer umfangreichen Präsentation zeigte Essig den Gemeinderätin in der Sondersitzung auf, wie wichtig es sei, nicht nur für die nächsten Jahre zu bauen, sondern darüber hinaus zu denken. So müsse man sich bereits heute Gedanken darüber machen, was mit dem Gebäude geschehe, wenn es einmal ausgedient habe und abgebrochen werde. 95 Prozent der eingesetzten Baumaterialien landeten derzeit auf der Deponie, sie seien "der Sondermüll der Zukunft", sagte Essig. Geplant werden müsse in Lebenszyklen - und Bauherrn wie etwa die Gemeinde müssten bereits jetzt an den Abriss denken, auch wenn das neue Rathaus weder entworfen, geschweige denn gebaut ist.

"Unterföhring kann es besser, anders und mit weniger."

Essig legt allerdings noch andere Kriterien an: Wenn neu gebaut wird, muss ebenso sichergestellt sein, dass zur Herstellung der Baustoffe weder Kinder- noch Schwarzarbeit haben stattfinden dürfen. Es stelle sich also durchaus die Frage: "Muss es immer das billigste Material sein?", so die Fachfrau. Sie lobte den Gemeinderat für sein Ziel, das neuen Verwaltungsgebäude nachhaltig errichten zu wollen. "Schön, dass ich dabei bin", sagte die Professorin und sprach dem Gremium Mut zu: "Unterföhring kann es besser, anders und mit weniger."

Bürgermeister Andreas Kemmelmeyer (Parteifreie Wählerschaft) und zahlreiche Gemeinderäte unterstrichen nach dem Vortrag den Willen der Kommunalpolitiker, klimaschonend und nachhaltig zu handeln. Gerade angesichts der aktuellen Hochwasserkatastrophe in Deutschland müssten neue Gebäude in jeder Hinsicht ressourcenschonend und umweltbewusst errichtet werden.

Dass sich mit diesem Anspruch Vorhaben verteuern werden, dessen ist sich das Gremium gewahr. Dass der im Haushalt und in der Finanzplanung vorgesehene Betrag von 33,2 Millionen Euro bei weitem nicht ausreichen dürfte, wie die aktuelle Grobkostenschätzung darlegte, rief dennoch Erstaunen hervor. Ob Unterföhring schlussendlich gut 50 Millionen Euro netto oder gar mehr in die Hand nehmen muss, bleibt abzuwarten. Im Auslobungstext jedenfalls ist zumindest ein Kostenrahmen von 41 Millionen Euro (ohne Baunebenkosten) gelistet.

Im August sollen die Bewerbungen geprüft werden, im September dann wird der Gemeinderat die fünf Büros auswählen; noch vor Weihnachten sollen die ersten Ideen eingehen, ehe der Gemeinderat eine erste Bewertung abgeben kann, wie Frank Aichele vom Münchner Projektmanagement-Büro PM5 erläuterte.

Eine zweite Bewertung samt Vorstellungsrunde im Gremium folgt im ersten Quartal 2022, die Auswahl des Büros ist für April vorgesehen, der Auftrag für die Planung des Gebäudes ist für Ende Mai terminiert. Mit einer Fertigstellung des Rathauses in der Ortsmitte ist spätestens 2026 zu rechnen.

© SZ vom 21.07.2021/wkr
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