Der Schreck sitzt tief in Unterföhring, nördlich von München. Gerüchte hatten schon länger die Runde gemacht: Steht das evangelische Kirchenhaus an der St.-Florian-Straße, die Rafaelkirche, vor einem Verkauf? Astrid Blechschmidt bremst hier deutlich: Entschieden sei noch gar nichts, betont die Vertrauensfrau des Kirchenvorstands der evangelisch-lutherischen Gemeinde von Unterföhring und Ismaning. Um Halbwahrheiten und Panik vorzubeugen, hat das Leitungsteam der Kirchengemeinde vergangene Woche zu einem Informationstreffen eingeladen. Die Resonanz war groß. Etwa 100 Menschen drängten sich im Kirchenraum, unter ihnen die zuständige Dekanin Stefanie Ott-Frühwald war gekommen.
Klar stellten Blechschmidt und ihre Kollegen, dass es mitnichten bereits einen Käufer für das Kirchenhaus in Unterföhring gibt. Doch ganz von der Hand zu weisen ist die Sorge um den Fortbestand der Rafaelkirche nicht. Dafür gibt es strukturelle Gründe: Die evangelisch-lutherische Kirche in Deutschland steckt in einem tiefgreifenden Reformprozess. Immer mehr Menschen kehren den traditionellen christlichen Konfessionen den Rücken. Weniger Mitglieder bedeuten freilich auch weniger Einnahmen. Das geht an der evangelischen Landeskirche in Bayern nicht vorüber. Sie musste in der jüngeren Vergangenheit empfindliche finanzielle Einbußen hinnehmen und hat sich deshalb notgedrungen selbst eine radikale Verschlankung verordnet.
Nicht nur hat die Kirche eine Verwaltungs- und Strukturreform angestoßen, im Zuge derer die 62 Kirchengemeinden im Dekanatsbezirk München zu zehn Regionalgemeinden zusammengefasst werden. Auch bei der Nachbesetzung von Stellen wird nun besonders kritisch hingeschaut – in den nächsten neun Jahren werde sich die Zahl der Mitarbeitenden um etwa 40 Prozent verringern, hatte der Münchner Stadtdekan Bernhard Liess vergangenen Dezember angekündigt. Und, für die Menschen wohl am unmittelbarsten sichtbar: Bis 2035 muss sich die bayerische Landeskirche von der Hälfte ihres Gebäudebestands trennen. „Dahinter steht einfach die nüchterne Sicht, dass man mit den heutigen Einnahmen nicht mehr alle Gebäude erhalten kann“, sagt Carsten Klingenberg, Pfarrer der Kirchengemeinde Ismaning-Unterföhring.
Die einzelnen Kirchengemeinden und Regionalgemeinden sind aufgerufen, ihre Gebäude – neben Kirchen auch Gemeindehäuser und weitere Immobilien – auf den Prüfstand zu stellen. Nur die Hälfte der Gebäude im Dekanat kann laut Vorgabe langfristig erhalten bleiben; die andere Hälfte soll bis 2035 oder sogar „unverzüglich“ umgewandelt oder abgegeben werden. In welche Kategorie ein Gebäude fällt, hängt von verschiedene Kriterien ab, vom baulichen Zustand bis zu seiner Bedeutung für die Gemeinde und etwa die Frage, wie viele kirchliche Veranstaltungen dort stattfinden.
Die Kirchengemeinde Unterföhring-Ismaning zählt zur Regionalgemeinde M04, gemeinsam mit Denning, Bogenhausen, Oberföhring, Riem, Aschheim, Feldkirchen und Kirchheim. Als einziges Gebäude langfristig gesetzt sei in diesem Bereich die Kirche in Feldkirchen, sagt Pfarrer Klingenberg, da sie die älteste der Region ist und unter Denkmalschutz steht. „Alle anderen Kirchengebäude sind Verhandlungsmasse.“ Unter den harten Voraussetzungen, vor denen die Gemeinden stehen, müssen Abstriche gemacht werden. Wie schwer diese Einsicht fällt, ist allen Beteiligten anzumerken. „Das ist eine sehr schwierige Situation, aber es ist der Weg der gesamten Landeskirche, und wir müssen den jetzt gemeinsam gehen“, sagt Klingenberg.
Einig war sich das Leitungsteam der Gemeinde, dass man nicht blauäugig auf eine Entscheidung anderer warten wollte, sondern proaktiv die eigenen Bestände prüfen will. Und da rückt auch die Rafaelkirche in den Blick. Sie wurde in den 1980er Jahren gebaut und ist damit deutlich älter als das zweite Gotteshaus der Gemeinde, die Gabrielkirche in Ismaning, die 2009 eröffnete. Grundsätzlich ist die Unterföhringer Kirche gut in Schuss und verfügt über einen Geothermieanschluss. Doch auch in Unterföhring und Ismaning sinkt die Zahl der Kirchgänger. Aktuell zählen etwa 2800 Menschen zur Gemeinde; wurden in diesem Jahr 20 junge Menschen konfirmiert. Das Gemeindezentrum der Rafaelkirche nutzen neben kirchlichen bereits heute mehrere nicht-kirchliche Gruppen, darunter der Ismaninger Tisch, Flüchtlingsbetreuer und eine Schwangerenberatung.
Eines ist für Astrid Blechschmidt klar: Die Notwendigkeit für Veränderungen ist nicht zu leugnen. „Wir müssen neue Strukturen finden, wie evangelisch im Raum München überhaupt noch zu leben ist heute“, sagt die Vertrauensfrau des Kirchenvorstands. „Immer nur am Alten festhalten, geht auch nicht.“ Kirchliches Leben wandle sich sehr. „Es braucht weiterhin Treffpunkte, aber ich glaube, Gebäude spielen heute eine untergeordnetere Rolle als früher.“
Sollte ein Verkauf der Rafaelkirche tatsächlich Thema werden, wäre es Blechschmidts Wunsch, eine Lösung zu finden, bei der das Gebäude nicht abgerissen wird „und wir die Räume weiter nutzen können“. Die politische Gemeinde Unterföhring hat bereits ihre Unterstützung für die evangelische Gemeinde signalisiert. Bürgermeister Florian Klietsch (SPD) zeigte sich grundsätzlich offen für Gespräche. Konkrete Entscheidungen müssten freilich vom Gemeinderat gefällt werden. Bis Ende des Jahres haben die bayerischen Regionalgemeinden Zeit, ihren Gebäudebestand zu kategorisieren und die Listen bei der Landeskirche einzureichen.


