bedeckt München 14°

Unterföhring:Ein Begegnungsort für alle

Bei einer Online-Podiumsdiskussion wird deutlich, dass der Wunsch nach einem Familienzentrum groß ist

Von Sabine Wejsada, Unterföhring

Schlussendlich läuft es auf eine einzige Frage hinaus: "Will ich diese Einrichtung oder will ich sie nicht?" Für Susanne Veit, die Geschäftsführerin Landesverband Mütter- und Familienzentren in Bayern, kann sie nur mit einem klaren Ja beantwortet werden, wie die dreifache Mutter bei einer vom Unterföhringer Verein Familien-Haus organisierten Online-Diskussion am Freitagabend versicherte. Zuvor hatte Veit ein leidenschaftliches Plädoyer für die Schaffung einer solchen Einrichtung in der Mediengemeinde gehalten und den örtlichen Politiker geraten, "sofort loszulegen".

Ein Familienzentrum zu haben, das sei "ein Juwel", befand Veit. Dass es allein in Bayern 128 solcher Anlaufstellen gibt, ist ihren Worten zufolge der Beweis für den großen Bedarf. Dass es einen solchen auch in Unterföhring gibt, davon sind nicht nur die 256 Mitglieder des Vereins Familien-Haus überzeugt. Auch der überwiegende Teil der 50 Interessierten, darunter zahlreiche Gemeinderäte, die an der coronabedingt digital stattfindenden Diskussion teilnahmen, teilen offenbar diese Ansicht. Das wurde an diesem Abend deutlich.

Über den Weg, wie ein Familienzentrum in der Gemeinde auf den Weg gebracht werden soll, gehen in Unterföhring die Meinungen auseinander. Während sich der Verein Familien-Haus seit seiner Gründung im Sommer 2019 als Träger anbietet und auf Unterstützung der Kommunalpolitik bei der Raumsuche hoffte, hatte das Rathaus in Person von Bürgermeister Andreas Kemmelmeyer (Parteifreie Wählerschaft, PWU) im März die Notwenigkeit in Frage gestellt. Nicht zuletzt deshalb, weil sich die Verwaltung mit dem Sachgebiet Bildung, Familie und Soziales neu aufgestellt hat, das sich den fraglichen Themen annimmt, und weil es viele Vereine und Organisationen gibt, die das ebenfalls tun.

Eine offene Debatte gab es bislang im Unterföhringer Gemeinderat zum Familienzentrum nicht; die Bitte der SPD, das nachzuholen, lief ins Leere. Wie Fraktionssprecher Philipp Schwarz am Freitagabend ankündigte, will seine Partei aktiv werden. Auch Thomas Weingärtner unterstützt diesen Plan, am besten solle man aber über alle Fraktionen hinweg mit einem Antrag tätig werden, meinte er. Marianne Rader (CSU), die ebenfalls zugeschaltet war, schloss das nicht aus: "Wir können das gerne im Gemeinderat diskutieren."

Die Anlaufstelle im Rathaus sei gut, befanden Veit und die weiteren Teilnehmer auf dem Podium, Laura Castiglioni vom Deutschen Jugendinstitut und Marina Tschudi vom Familienzentrum Ismaning sowie Tanja Gernet und Benny Röck, die Vorsitzenden des Familien-Hauses. Ein niederschwelliges Angebot für Familien aber fehle in Unterföhring. Dabei sei gerade dies enorm wichtig, so Susanne Veit. Familien- und Mütterzentren verstünden sich als offene Einrichtungen von Familien für Familien, als Orte der Begegnung für alle, die mit Familie zu tun haben: Mütter, Väter, Omas, Opas - und Kinder. Das Herzstück ist nach Veits Worten der offene Treff. In lockerer Runde sei jeder willkommen, ohne Anmeldung und ohne Pflicht zum Reden, dafür aber mit der Chance, neue Leute in vergleichbarer Situation kennenzulernen und Freundschaften zu knüpfen. Das sei nicht nur für Alleinerziehende oder Eltern mit Migrationshintergrund von Belang, auch Mütter und Väter, die weit weg von ihrer Kernfamilie leben, weil sie wegen des Arbeitsplatzes oder anderer Gründe umziehen haben müssen, litten oft unter dem Mangel an Kontakten. Und genau hier setze die Idee eines Familienzentrums an, das im besten Fall direkt am Ort ohne lange Fahrtzeit zu erreichen ist und das neben dem offenen Treff mit weiteren Angeboten aufwartet: Von Mutter-Kind-Gruppen über Informationsveranstaltungen zur Ernährungsberatung oder Entwicklung der Kinder bis hin zu Beratung in familiären Konfliktsituationen kann alles dabei sein. Wie gut das Familienzentrum in Ismaning angenommen wird, das die Nachbarschaftshilfe betreibt und das von der Gemeinde großzügig unterstützt wird, darüber berichtete Marina Tschudi. Sie selbst sei vor 16 Jahren, als sie nach Ismaning gekommen sei und niemanden kannte, froh über diese Anlaufstelle gewesen, sagte die gebürtige Schweizerin, die das Zentrum mittlerweile seit zehn Jahren leitet.

© SZ vom 26.04.2021
Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema