Süddeutsche Zeitung

Unterföhring:Die Gesichter hinter den Hits

Der Fotograf Olaf Dankert zeigt in Unterföhring Bilder von Münchner Studiomusikern, die in den 70ern und 80ern besonders erfolgreich waren - sowie eine Porträtreihe von jüngeren Livemusikern

Von Udo Watter, Unterföhring

Für englischsprachige Reiseführer wie den Lonely Planet zählt der Besuch von Beer Halls à la Hofbräuhaus mitsamt dem Genuss der stampfenden "Oompah Music" zu den touristischen Attraktionen Münchens. Sucht man neben der Blasmusik noch nach einem anderen musikalischen "Genre", das überregional Gedanken an München weckt, dann vielleicht noch das der "Wiesnhits".

Als der junge schwedische Gitarrist Mats Björklund in den Siebzigern nach München kam, war er als Studiomusiker offenbar so schwer beschäftigt, dass er - laut eigener Aussage - erst nach sechs Jahren herausfand, dass es in der Stadt überhaupt so was wie ein Oktoberfest gibt. Björklund, der unter anderem bei Hits von Donna Summer mitwirkte, mit Giorgio Moroder und Michael Cretu zusammenarbeitete, gehört zu der relativ überschaubaren Zahl spezialisierter Studiomusiker, die viele Produktionen einspielten, die Arrangements gestalteten und sich somit dafür verantwortlich zeichneten, dass München in den Siebzigern und Achtzigern neben London ein Zentrum für populäre Musikproduktionen in Europa war.

Der Unterföhringer Fotograf Olaf Dankert hat in seinem aktuellen Projekt "On the Radio" vierzehn Künstler, darunter auch Mats Björklund, porträtiert, die damals in den Münchener Tonstudios Musikgeschichte jenseits der Blasmusik schrieben und an vielen Hits beteiligt waren. Die monochromen Fotografien zeigen die Protagonisten ohne ihr Instrument, um den Fokus auf den Menschen zu lenken.

Zu sehen sind diese Arbeiten unter dem Titel "On The Radio" in Kombination mit der Musikerporträt-Reihe "Live is Life" in einer Ausstellung im Bürgerhaus Unterföhring. Es sind Close-Ups in Schwarz-Weiß, bei denen dem Betrachter die Persönlichkeiten nahe kommen, unprätentiös und zugleich eindrücklich. "Olaf Dankert hat diesen Künstlern, die in der zweiten Reihe stehen, ein Denkmal gesetzt" erklärte Florian Nagel vom Kulturamt Unterföhring in seiner Einführung.

Ja, wer sich nur ein bisschen für Popgeschichte interessiert der weiß, dass Stars wie Donna Summer, Boney M. und Freddie Mercury ihre Songs in München aufnahmen und Komponisten wie Giorgio Moroder mit dem Munich Sound eine spezielle Richtung der Discomusik erfanden. Es entstanden auch Hits wie "Major Tom" von Peter Schilling oder Alphavilles "Forever Young" in hiesigen Studios, "Vamos a la playa", "Felicità" von Al Bano und Romina Power oder das Kult-Intro für die Zeichentrickserie "Captain Future". Zwei dieser Studios - Weryton und Mastermix - befinden sich gar nicht weit entfernt vom Bürgerhaus in Unterföhring.

Dankert, 1974 in der Nähe vom Hamburg geboren, war früher selbst Tontechniker und kam des Berufs wegen 1999 nach München. Seine Bekanntschaft zum Bassisten Günther Gebauer, quasi eine Münchner Studiomusiker-Legende, die an rund 14 000 Songs mitgewirkt hat, inspirierte ihn zu der Idee, die Porträtreihe "On The Radio" zu machen. Mit Hilfe von Gebauer, der unter anderem bei "Captain Future", "Major Tom" oder Dschingis Kahn-Produktionen mitgewirkt hat, nahm er Kontakt mit weiteren herausragenden Münchner Studiomusikern auf. Darunter der Schlagzeuger Curt Cress, der etwa mit Gebauer das charakteristische Intro für "Major Tom" bei einer Studio-Session improvisiert und arrangiert haben soll, Keyboarder und Pianist Hermann Weindorf, der Oratorien komponiert hat, aber auch "Vamos a la playa" einspielte, bis hin zu der Münchnerisch-britischen Bluesgröße Nick Woodland, die es später freilich auf die Bühne drängte, oder Max Greger junior. Manche der Ausgewählten waren erst mal erstaunt, dass jemand von ihnen künstlerische Fotos machen wollte, aber Dankert konnte sie schnell überzeugen und hat sie in Zwei-Stunden-Shootings eingefangen - nahbar, angemessen sympathisch und mitunter ein bisschen enigmatisch. "Es sind alles Menschen, die eine Geschichte haben" erklärt Dankert. "Und im Prinzip sind alle noch aktiv." Wer von der Reihe "On the Radio" im ersten Stock des Bürgerhauses zur anderen Porträt-Serie "Live ist Life" geht, passiert am Gang noch einen Audioguide in Form eines Originalradios aus den Siebzigern, der per Bewegungsmelder Songs spielt, die in Münchner Studios produziert wurden - darunter neben bereits erwähnten auch "When the Rain begins to fall", oder Udo Jürgens' "Ich war noch niemals in New York".

In der Fotoreihe "Live is Life" zeigt Dankert Musiker aus verschiedenen Genres "bewusst losgelöst von der Bühne, da der Blick des Betrachters auf die Persönlichkeit gerichtet werden soll." Sie alle sind leidenschaftliche Bühnenmusiker, Jazzer und klassische Interpreten, aber auch angesagte DJs wie das Duo Schlachthofbronx, die ihr Genre "Munich Bass" nennen. "Alle Bilder sind inszeniert, aber sie haben auch eine Freiheit", sagt Dankert. In der Tat verführen die Bilder - ob in Farbe oder Schwarz-Weiß - durch edle Ästhetik, die sich auch in formschön choreografierten Settings und humorvoller Finesse entfaltet. Da liegt etwa die Jazz-Saxofonistin Carolyn Breuer, so elegant wie lässig auf einem Sofa, die Beine überkreuz und aufs Saxofon gestützt. Skulptural und spielerisch zugleich. Carolyn Breuer- von ihrem Vater, dem Posaunisten Hermann Breuer, hängt zudem ein Porträt bei den Studiomusikern - war bei der Vernissage zugegen, wie auch einige andere Künstler, darunter die junge Straßenmusikerin Helena Niederstraßer, die in ihrem Porträt eine Art wuschelige Fröhlichkeit mit biegsamer Anmut verbindet. Und natürlich auch Günther Gebauer - einer der Granden der Studiomusik, ein Protagonist der "versteckten Geschichte", hinter den Produktionen, die von München aus klangvoll die Welt eroberten.

Die Ausstellung mit den beiden Fotoreihen ist bis 1. August im Bürgerhaus Unterföhring, Münchner Straße 65, zu den Öffnungszeiten der Bibliothek zu sehen. Der Eintritt ist frei.

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Quelle:
SZ vom 07.07.2020
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