Neue Volksmusik:Integration mit Blechblasinstrumenten

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Neue Volksmusik: Bayerische Klänge und noch viel mehr: Die Unterbiberger Hofmusik.

Bayerische Klänge und noch viel mehr: Die Unterbiberger Hofmusik.

(Foto: Bernd Goettmann)

Franz Xaver Himpsl und seine Unterbiberger Hofmusik verbinden seit 30 Jahren bayerische Volksmusik mit Klängen aus Lateinamerika, Arabien oder der Türkei. Dabei ist ihnen der Austausch mit den anderen Kulturen wichtig.

Von Udo Watter, Neubiberg

Eine weiße deutsche Sängerin mit Dreadlocks, Reggae-Musik von Bio-Schweizern oder Indianer-Kitsch um Winnetou werden als kulturelle Aneignung kritisiert. Aber beginnt die nicht schon, wenn Norddeutsche oder auch nur Münchnerinnen und Münchner Dirndl oder Lederhosen tragen? Ist das nicht Kulturdiebstahl einer (urbanen) Mehrheitsgesellschaft an einer alpenländischen Minderheit zu kommerziellen Zwecken? Nun, die weite Welt der kulturellen Aneignung und der sie flankierende Moral-Diskurs ist kompliziert, manchmal bedenkenswert, manchmal lachhaft, manchmal unterkomplex, oft humorfrei.

Franz Josef Himpsl, Kopf und Mitgründer der Unterbiberger Hofmusik, ist gleichsam ein Veteran in kultureller Aneignung. Das Ensemble, das sich neben ihm aus seiner Frau Irene, ihren drei Söhnen Xaver Maria, Ludwig Maximilian und Franz zusammensetzt und etlichen anderen (wechselnden) Musikern wie den Tubisten Konrad Sepp oder Michael Engl, spielt seit 30 Jahren Musik, die von Crossover und Inspiration aus anderen Klang- und Rhythmuswelten lebt. Bayerische Volksmusik kombiniert mit Jazz. Brasilianische, türkische, arabische, mexikanische und andere Einflüsse sind im Lauf der Jahre dazu gekommen. 2010 haben die Unterbiberger als Pioniere der Neuen Volksmusik den Tassilo-Kulturpreis der SZ bekommen.

"Musik ist ein Türöffner und hat so viel emotionale Kraft", sagt Franz Josef Himpsl. Dass die Debatte um kulturelle Aneignung (und damit verknüpft die "Cancel Culture") oft arg verengt und dogmatisch geführt wird, irritiert ihn. Beim Gespräch auf dem heimischen Hof im Neubiberger Ortsteil Unterbiberg zitiert er seinen ältesten Sohn Xaver Himpsl, der schon vor Jahren mal zu der Thematik sagte: "Das Lied gehört nicht der Türkei oder Bulgarien, sondern dem, der es singt." Aneignung nicht als Enteignung, sondern als Wertschätzung, Inspirationsquelle, als Zeichen von Neugierde, Respekt und Interaktion.

An diesem Samstag spielt die Gruppe im Herzkasperlzelt

An diesem Samstag kommt die Unterbiberger Hofmusik auf die Oide Wiesn (Beginn 14 Uhr) und sie wird das Herzkasperlzelt mal wieder mit (bayerisch)-türkischen Klängen und Rhythmen erfüllen. Die Programme "Bavaturka" und "Bavaturka Volumne II", die sie schon seit 2013 dort vortragen, passen eigentlich ganz gut: Schließlich soll schon beim ersten Oktoberfest 1810 die bayerische Militärkapelle türkische Musik mit viel Tschingderassabum gespielt haben - aber es gab 2015 und 2017 auch ein paar kritische Stimmen (inklusive böser E-Mails), denen zufolge das Ganze nicht traditionell genug war. "Irgendwer hat sich beschwert und dem Wirt erzählt, der Himpsl habe den Türken die Bühne überlassen", erzählt Franz Himpsl. Dabei habe er nur die türkischen Musiker, die damals mit im Ensemble spielten, mal kurz alleine auftreten lassen.

Schwamm drüber. Das Herzkasperlzelt ist generell ein offener Ort. Mit seinem Musikprogramm ist es traditionell ausgerichtet (Blaskapellen wie die Harmonie Neubiberg), wartet aber auch mit überregional bekannten Bands der Neuen Volksmusik (Kofelgschroa oder Attwenger) auf und international geprägten Ensembles. Franz Himpsl, der selbst vornehmlich Trompete und Flügelhorn spielt, ist durchaus stolz darauf, dass viele bayerische, bläserdominierte Gruppen heute selbstverständlich Traditionelles mit Jazz, Latin oder Balkan kombinieren, weil die Hofmusik in der Tat in den Neunzigern - befeuert von der künstlerischen Freundschaft zwischen den Himpsls und dem brasilianischen Jazz-Trompeter Claudio Roditi - dabei Teil der Avantgarde war. "Wir haben dafür auch Prügel bekommen," erinnert sich der heute 67-Jährige.

Neue Volksmusik: Kulturelle Aneignung, oder was? Franz Josef Himpsl vor einigen Jahren in der Türkei.

Kulturelle Aneignung, oder was? Franz Josef Himpsl vor einigen Jahren in der Türkei.

(Foto: privat)

Nun, das ist schon längst anders. Das jüngste Album der Hofmusik "Dahoam und retour", das musikalische Einflüsse aus Ägypten, Indien, Russland und Türkei kombiniert, kam im Frühjahr 2020 auf die Bestenliste der deutschen Schallplattenkritik. Leicht waren die vergangenen Jahre indes nicht, die Pandemie hat auch den Himpsls zugesetzt. "Wir haben schon zu kämpfen." Langsam springt das Konzertleben wieder an, demnächst stehen zwei "Geschichtskonzerte" in der Münchner "Luise" an: am 27. Oktober unter dem Motto "Spiele des Jahrhunderts" mit den SZ-Autoren Roman Deininger und Uwe Ritzer sowie Speerwurf-Olympiasieger Klaus Wolfermann und am 15. November "Istanbul - ein Tag und eine Nacht" mit Christiane Schlötzer (ebenfalls SZ). Dazwischen ist ein Auftritt im Kleinen Theater Haar in der Reihe "Seelen-Art" angesetzt (3. November). "Das ist immer schön. Ein Heimspiel", sagt Franz Himpsl. Ansonsten warten auf ihn noch Studio-Aufnahmen im Trio mit den Söhnen Xaver Maria (Trompete, Horn, Piccolo-Trompete) und Franz (Waldhorn). Franz, der Jüngste, der Schulmusik studiert, macht gerade ein Praktikum an der Grundschule in Unterbiberg.

Der mittlere der Söhne, Ludwig "Wiggerl", der inzwischen am Ammersee lebt, hat jüngst ebenfalls ein spannendes Album mit originellen Eigenkompositionen veröffentlicht: "World Wide Wig" , bei dem Weltmusik-Größen, aber auch Bruder Xaver und Vater Franz mitwirken. Alle drei Söhne wie auch Irene Himpsl (Akkordeon, Klavier) sind studierte Musiker, Franz Himpsl hat früher als Sport- und Musiklehrer unterrichtet. Wenn man bedenkt, dass er Claudio Roditi 1992 kennenlernte, könnte man heuer der Unterbiberger Hofmusik zum 30-Jährigen gratulieren - obwohl es so richtig erst etwas später los ging.

Dass man seither viel auf Tourneen von der Welt gesehen hat, mit internationalen Musikgrößen zusammenspielte und auch innerfamilär sich noch gut versteht, stimmt Franz Himpsl froh. "Wir machen das schon so lange, ohne dass es richtigen Stress gibt", sagt er. Wobei es schon auch mal zu Differenzen kommt und die jüngere Generation eventuell mal ein bisschen anders tickt als er. Der Bayerwaldler Himpsl, der eine schwierige Kindheit in Niederbayern hatte (und im Heim einen gewissen rebellischen Schülerkollegen namens Sigi Zimmerschied kennenlernte) ist vermutlich auch nicht immer ein ganz unkomplizierter Charakter. Aber das dürfte wohl für alle Mitglieder dieser kreativen Familie gelten: Dass bei allem Individualismus, der jedem zu eigen ist, doch das besondere Gespür füreinander und der Zusammenhalt obsiegt. Wichtig ist zudem die Liebe zur Musik, die spezielle Erfahrungen überall in der Welt ermöglicht. "Musik hat den Riesenvorteil, dass sie ungefiltert Emotionen transportiert. Wenn einem Melodien aus anderen Kulturkreisen gefallen, dann wird man vielleicht auch neugieriger auf diese Kultur", hat Xaver Maria Himpsl es mal formuliert.

Franz Josef Himpsl glaubt, dass das gelungene Konzept des Zusammenlebens in der Familie inklusive der nötigen Toleranz auch Vorbildcharakter für größere Gesellschaften haben könnte. Jenseits von strengen Debatten um Wokeness oder Ähnliches ist ihm der Kampf gegen Ungerechtigkeit wichtig: "Alles, was mit Integration zu tun hat, ist unser Wetter", sagt er mit feinem bairischen Timbre. Und fügt mit Blick auf die "kulturelle Aneignung" hinzu: "Jeder soll natürlich seine Identität haben und jeder seine Wertigkeit... aber jetzt red' ich schon wie ein Pfarrer."

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