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Ungleiche Verhältnisse im Landkreis:Das Vermögen der anderen

Der Boom im reichsten Landkreis Bayerns ist ungebrochen. Doch nicht alle Kommunen profitieren davon gleichermaßen. Während Unterföhring immense Summen in Großprojekte investiert, kann Höhenkirchen-Siegertsbrunn gerade das Nötigste finanzieren.

Mit sehr viel Geld lässt sich auch sehr viel Unsinn anstellen. Zum Beispiel vergoldete Wasserhähne in den Rathaustoiletten installieren. Die Hauptverkehrsstraße jedes halbe Jahr aufs Neue asphaltieren, damit die Chief Executive Officer und Fußballprofis, die hier in ihren Villen hausen, mit ihren SUV geschmeidig dahinbrettern können. Oder unter das eigene, exklusive Gymnasium eine Tiefgarage mit 166 Stellplätzen einbauen und den Schülern einen Kunstrasenplatz und einen Theaterhof spendieren. Grünwalder müsste man sein.

Grünwald feiert.

(Foto: Claus Schunk)

Natürlich sind das alles nur Gerüchte - zumindest über die vergoldeten Hähne und die alljährliche Straßensanierung. Fakt ist aber, die kleine Isartalgemeinde mit gerade einmal etwas mehr als 11 000 Einwohnern könnte sich all das leisten - und sie hat sich ja mit großem finanziellen Aufwand eines der modernsten Gymnasien des Landes gegönnt.

In der Kämmerei des Rathauses brauchen die Mitarbeiter außergewöhnliche Rechenschieber, um überhaupt noch ermitteln zu können, wie viel Geld es denn wieder in die Gemeindekassen spülen wird. Im vergangenen Jahr waren es allein durch die Gewerbesteuer 209 Millionen Euro, für dieses Jahr rechnet Kämmerer Raimund Bader - vorsichtig geschätzt - mit 170 Millionen Euro.

Neubau der Allianz in München, 2016

Bei der Allianz wird gearbeitet.

(Foto: Alessandra Schellnegger)

Wohin nur mit all der Kohle? Und vor allem mag sich manch Auswärtiger fragen: Woher kommt dieser außergewöhnliche Geldsegen für eine so kleine Gemeinde ohne nennenswertes, produzierendes Gewerbe - während andere Kommunen im Speckgürtel gefühlt am Hungertuch nagen und Kommunalpolitiker überlegen müssen, ob sie den Putz in der Kita notdürftig erneuern oder das wenige Geld lieber in ein neues Geländer am Rathauseingang stecken.

Im Jahr 2018 überschritt die Umlagekraft des Landkreises München mit seinen 29 Städten und Gemeinden erstmals die Grenze von einer Milliarde Euro. Diese magische Hürde geknackt zu haben, ist Ausdruck einer wirtschaftlichen Prosperität, die republikweit ihresgleichen sucht - und immer weiter sprudelnder Steuerquellen. Allerdings ist die Finanzkraft im so reichen Landkreis München alles andere als gleich verteilt. Die Bürger spüren das, ganz direkt, wie sich kürzlich wieder in Höhenkirchen-Siegertsbrunn zeigte.

212 Millionen

Euro wird der Landkreis München in diesem Jahr an den Bezirk Oberbayern über die Bezirksumlage leisten. Damit gibt der Landkreis nahezu die Hälfte seiner Einnahmen, die er durch die Kreisumlage von seinen 29 Städte und Gemeinden erhält, direkt weiter. Der Hebesatz für die Kreisumlage liegt bei 48 Punkten - insgesamt überweisen die Kommunen mehr als 486 Millionen Euro. Aus Grünwald kommen mehr als 105 Millionen Euro, das entspricht 21,6 Prozent der gesamten Kreisumlage.

Boomendes Höhenkirchen-Siegertsbrunn

In Höhenkirchen-Siegertsbrunn werden immer mehr Kinder betreut.

(Foto: Claus Schunk)

Auch diese etwa 11 000 Einwohner zählende Gemeinde boomt. Doch nicht unbedingt, was die Einnahmen angeht. Die Freude war riesig, als im Vorjahr mit sieben Millionen Euro Gewerbesteuer eine Million mehr in die Kassen geflossen war als erwartet. Steil nach oben geht dafür die Zahl der jungen Familien, und der Ausbau der Infrastruktur kommt nicht hinterher. 30 Mütter und Väter standen in der vergangenen Woche im Rathaus und machten Druck, damit die Elterninitiative, in der seit Jahren mit viel Engagement das Fehlen eines Familienzentrums aufgefangen wird, wenigstens Ersatz für Räume bekommt, die sie seit Jahren nur übergangsweise nutzt. Bürgermeisterin Ursula Mayer (CSU) konnte trotz intensiver Suche nach Ersatz nichts versprechen.

Als jetzt am Donnerstag die Gemeinderäte wieder beisammen saßen, um das zurückliegende Haushaltsjahr aufzuarbeiten, in dem 1,5 Millionen Euro überplanmäßig ausgegeben wurden, um im Grunde nur das Notwendigste zu finanzieren, rutschte irgendwann Kämmerin Christine Schmidt der Stoßseufzer heraus. "Ich wäre heilfroh, wenn ich in Grünwald wäre, dann könnte ich bei den Planungen jeweils 100 000 Euro draufsetzen." Mindestens.

Höhenkirchen-Siegertsbrunn leidet unter der schwachen Gewerbestruktur mit der niedrigsten Arbeitnehmerquote hinter Straßlach-Dingharting. Die Lokalpolitik versucht gegenzusteuern. Ein neues Gewerbegebiet wurde ausgewiesen, über ein weiteres wird diskutiert. Mayer sagt, "noch" sei man in der "glücklichen Lage", die Dinge zu regeln. Was hilft, ist die relativ geringe Verschuldung von 3,4 Millionen Euro. Doch der Grat ist schmal. Während andernorts über kostenlose Kinderbetreuung diskutiert wird und höhere Arbeitsmarktzulagen für kommunale Mitarbeiter, die Höhenkirchen-Siegertsbrunn natürlich auch gerne an sich binden will. Leichter werden die Zeiten nicht.

Solche Sorgen brauchen sich die Kommunalpolitiker in Unterföhring nicht zu machen, wo Versicherungen wie die Allianz und Medienkonzerne wie Sky und Pro Sieben Sat 1 zu Hause sind und die Gewerbesteuer sprudelt. Dort im Norden von München, in der zweitreichsten Gemeinde des Landkreises, ist genügend Geld vorhanden: Seit mehr als 35 Jahren zahlen Eltern keine Gebühren für die Betreuung ihrer Kinder. Allein 12,8 Millionen Euro gibt Unterföhring pro Jahr für die Übernahme der Elternbeiträge für Krippen, Kindergärten und Horte aus. Mit einem Gesamtvolumen von 313,7 Millionen Euro erweist sich der Etat heuer wieder als Rekordhaushalt; die Rücklagen betragen 394 Millionen Euro. Unterföhring investiert kräftigt, die Liste der Großprojekte ist lang: Für den Schulcampus mit Gymnasium, Grundschule, Hort und Mittagsbetreuung werden gut 149 Millionen Euro ausgegeben, der neue Sportpark schlägt mit 93,5 Millionen zu Buche, das moderne Gebäude für Volkshoch- und Musikschule kostet 30 Millionen Euro, es werden gemeindeeigene Wohnungen errichtet.

20000 Einpendler ins Unterföhringer Gewerbegebiet

All das schöne Geld hat für die 11 200 Einwohner zählende Stadtrandkommune auch seinen Preis: Tagtäglich pendeln mehr als 20 000 Beschäftigte ins Gewerbegebiet - und Unterföhring erstickt im Verkehr. Ins Isartal pendeln derweil deutlich weniger Arbeitnehmer. Grünwald ist aus anderen Gründen so attraktiv: Weil es einen der niedrigsten Hebesätze bei der Gewerbesteuer hat (240). Das lockt viele Firmen an, die dort in Extremfällen das ein Quadratmeter große Büro mieten, des Klingelschilds und der Adresse wegen. Ganz legal. Mehr als 7000 Firmen haben dort ihren Sitz im Idyll im Süden. Und lassen da auch ihr Geld. Richtig viel Geld.

Und die Zahl der Einwohner? Die stagniert quasi seit Jahren. Bei etwa 11 000.