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Umweltschutz:Bedrohte Welt gleich nebenan

Bei 35 Grad im Schatten geht es mit der IG Wall hinein ins artenreiche Grün bei Kirchheim.

(Foto: Claus Schunk)

Die Naturschützer der IG Wall begeben sich mit 30 Interessierten auf einem Spaziergang zu den gefährdeten artenreichen Flächen in Kirchheim. Der neu gegründete Verein will sich für Fauna und Flora einsetzen

Von Carla Bihl, Kirchheim

Etwa 30 Interessierte nutzen am Samstag die Gelegenheit, sich mit den engagierten Naturschützern des neu gegründeten Vereins "IG Wall" in Kirchheim auf eine Expedition in die Nachbarschaft zu begeben. Die Vorsitzende Constanze Friemert und das Vorstandsmitglied Monika Fürhofer führen die Gruppe durch das Biotop zwischen Jugendzentrum und Staatsstraße, das in Teilen dem Bau einer Straße zum Opfer fallen soll. Auch zu dem Wald geht es, der bald der Gymnasium-Baustelle weichen soll. Bei etwa 35 Grad im Schatten und Sonnenschein sind die Bedingungen ideal, um dem Tagfalter Idas-Bläuling und dem Heidegrashüpfer zu begegnen, die auf der Liste der stark bedrohten Arten geführt werden.

Seit wenigen Wochen erst ist die IG Wall als Verein für Klima-, Natur- und Artenschutz ins Vereinsregister eingetragen. Auch Kinder seien natürlich ohne Kosten als Mitglieder ausdrücklich erwünscht, heißt es von dem Verein, schließlich gehe es um deren Zukunft. Als seine Aufgaben sieht der Verein den Erhalt und den Ausbau von Biotopen und Wäldern für den lokalen Klimaschutz und die Verbesserung der Lebensbedingungen für Fauna und Flora. Insbesondere sollen die Bürger die Schätze in ihrer Umgebung kennen lernen. Und so geht es gleich bei der ersten Informationstour munter durch Feld und Flur und auch zu der von seltenen Arten reich bewohnten Grünladbrache, die wegen der Anbindung der Ludwigstraße an einen Kreisverkehr schrumpfen soll.

Auf dem Weg in das Biotop, warnt Constanze Friemert alle, könne schon einmal die eine oder andere Ameise am inneren Rand der Hose entlang krabbeln. Es geht über eine leicht bewachsene Fläche mit violetten Kronwicken und weißem Wiesen-Labkraut. Idas-Bläulinge und Kohlweißlinge flattern darüber. Es ist eine 1500 Quadratmeter große Fläche, für die nördlich des Lindenviertels an der Staatsstraße Ersatz geschaffen werden soll. Teile des Oberbodens, Pflanzen und Tiere sollen dafür laut Friemert regelrecht versetzt werden. Ob Arten wie der Ameisensackkäfer oder das Sechsfleckwidderchen das neue Zuhause annehmen werden, ist aus ihrer Sicht aber alles andere als sicher. Falter könnten die Strecke schon fliegen, wie es aber den Grashüpfern ergehen werde, sei schon offen, sagt Friemert. Vieles werde von der Biotoppflege abhängen. Der Boden ist spärlich bewachsen, Kies ist zu sehen. Ein mit Holzpfählen abgesteckter Bereich wird an den neuen Ort verlegt. Alles abseits davon bleibt bis zur Landesgartenschau 2023 erhalten und wird Friemert zufolge dann vernichtet: "Das wird dann mit Häusern bebaut. Dann ist das Biotop Geschichte."

Die zweite Etappe führt nördlich Richtung Lindenviertel an das kleine Wäldchen am Wall: Es riecht nach Rinde und Erde. Im Wald sind von Kindern erbaute Spielnester zu sehen und zusammengelegte Äste, die wie eine Art Höhle oder Unterschlupf wirken. Auch während die Gruppe dort langläuft ist zu beobachten, wie Kinder mit den umliegenden Hölzern spielen. Es ist ein natürlicher Spielplatz. Wälder seien besonders für den Wasser- und Stoffkreislauf wichtig, sagt Friemert: "Man sägt sich den eigenen Ast ab, auf dem man sitzt." Der Wald besteht ihren Worten nach unter anderem aus Ahorn, Eschen, Hainbuchen und Linden. Ein grüner Himmel aus Baumkronen. Und sogenannte Graupappeln, also Hybride aus Silber- und Zitterpappeln, wie Friemert sagt. Beide stünden auf der roten Liste mit Gefährdungsgrad drei. Auch für die dort geplanten Eingriffe muss Ausgleich geboten werden. Das fordert das Waldgesetz. Der Ersatz solle in Aschheim erfolgen. Aber erst in vielen, vielen Jahren, sagt Friemert, werde dann ein vergleichbarer Wald zu erleben sein.

Die Ausgleichsfläche nördlich des Lindenviertels, die als Ersatz für das Biotop, aufgewertet werden soll, gleicht derweil noch einer großen Baustelle: planierter brauner Boden. Etwa 20 Meter breit ist das Areal, daneben sollen Häuser gebaut werden. Friemert beklagt, die Gemeinde habe auf den Vorschlag, dort höher zu bauen, dramatisch reagiert und gleich von Hochhäusern gesprochen. Dabei sei es nur um ein zwei Stockwerke mehr gegangen, um so Fläche zu sparen. Auf der Ausgleichsfläche würden die Pflanzen Südsonne statt wie bisher Westsonne abbekommen. Es seien also leicht geänderte Bedingungen für Pflanzen und Tiere. Monika Leismann aus Kirchheim, die an dem Spaziergang teilnimmt, kennt das bedrohte Biotop sehr gut. Seit 24 Jahren geht sie nach eigenen Worten dort mit ihrem Hund spazieren. Für sie ist es ein bedrohtes Idyll: "Es ist tragisch, dass man so etwas einfach wegmachen will. Ich glaube viele Leute kümmern sich nicht groß darum, was gemacht wird."

© SZ vom 10.08.2020

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