Am heutigen Freitag gibt es für die Viertklässler nicht nur die Übertrittszeugnisse. Es demonstriert auch die Initiative „Gnua is Gnua“ vor dem Kultusministerium gegen das bayerische Übertrittsverfahren, unter anderem wegen der frühen Selektion der Schüler. In der Initiative vereinen sich Vertreter verschiedener Organisationen, die eine Reform des bayerischen Schulsystems fordern. Caroline Voit, Elternbeiratsvorsitzende der Grundschule Pullach und Gemeinderätin (Pullach Plus) spricht im Interview darüber, was sie von dem Druck durch das Verfahren hält und wo sie das Problem sieht.
SZ: Nehmen Sie an der Demonstration teil?
Caroline Voit: Tatsächlich nicht, weil meine Tochter auch ihr Übertrittszeugnis bekommt und ich sie nicht gleich dorthin schleppen möchte. Ich finde so eine Demonstration aber grundsätzlich gut. Wer weiß, vielleicht gehe ich doch noch hin!
Die Protestierenden wenden sich unter anderem gegen den erhöhten Leistungsdruck für Zehnjährige und die frühe Selektion. Was halten Sie davon?
Das kann ich absolut unterstützen. Es sind zwei Sachen, die ich als störend empfinde. Es sind nur drei Bundesländer, darunter Bayern, in denen die Grundschulempfehlung bindend ist. In anderen Bundesländern können die Eltern entscheiden, an welche weiterführende Schule das Kind geht. Es ist ungerecht, dass das in Bayern nicht so gehandhabt wird, da damit den Kindern die Möglichkeit genommen wird, sich auf der weiterführenden Schule zu beweisen. Außerdem ist der Übertritt sehr früh, nicht alle Kinder haben den gleichen Entwicklungsstand. In Berlin findet er erst nach der sechsten Klasse statt. Es kann sein, dass bis dahin eine andere Entscheidung rauskommen würde als jetzt mit zehn Jahren.
Im Landkreis München ist die Übertrittsquote von der Grundschule aufs Gymnasium hoch. Im Schuljahr 2024/2025 lag sie bei 56,9 Prozent. Dementsprechend dürfte der Druck bei Schülern auch jetzt groß gewesen sein. Wie haben Sie das an Ihrer Schule erlebt?
Ja, der Druck ist gegeben. Ich habe mich viel mit anderen unterhalten. Viele haben versucht, keinen Druck aufzubauen. Aber man rutscht da rein. Die Kinder bekommen es auch mit. Ist der Übertritt überhaupt zu schaffen? Klappt es vielleicht mit der gewünschten Schulart nicht? Als Eltern lässt man sich auch anstecken. Besonders, wenn man Kinder hat, bei denen man weiß, dass sie für die Realschule oder das Gymnasium geeignet sind, es dann aber an einer Note hängt, ob sie diese Laufbahn einschlagen können.
Woher kommt der Druck: Von den Kindern, ehrgeizigen Eltern oder dem Schulsystem mit den Vorgaben, dass nur, wer mindestens einen Schnitt von 2,33 in Mathe, Deutsch und Heimat- und Sachunterricht erreicht, auf das Gymnasium gehen darf?
Ich glaube, es ist eine Mischung von allem. Da sind die Eltern, die das Beste für ihre Kinder wollen und hohe Ziele für sie haben. Die Lehrer, die von ihrer Seite eine Einschätzung geben wollen. Und das System. Was wir extrem feststellen ist, dass die Kinder sehr individuell sind. Zum Glück wird heute darauf eingegangen. Beim Übertritt heißt es aber, dass sie abliefern müssen. Man fragt sich: Wollen wir es jetzt individuell oder doch ein striktes System, in das sich jeder reinpressen muss?

Wie äußert sich die Anspannung bei den Kindern?
Es ist eine Grundanspannung da. Ich glaube, für Kinder gibt es einen großen Druck in unserer Gesellschaft. In der Schule, weil das System eben so ist wie es ist. Ich glaube, bei manchen Kindern ist auch eine Überforderung zu spüren.
Ihre Tochter erhält selbst das Übertrittszeugnis. Wie kann man seine Kinder am besten unterstützen, sich nicht zu sehr zu stressen?
Ich habe mit meiner Tochter vorher besprochen, dass sie weitermachen soll wie in der dritten Klasse, weil sie das großartig gemacht hat. Ich finde es auch wichtig, den Kindern zu sagen, dass die Leistung nichts mit ihnen und ihrer Persönlichkeit zu tun hat. Sie ist nur eine punktuelle Momentaufnahme.
Die Demonstranten sind auch der Meinung, das Übertrittsverfahren selektiere nach der sozialen Schicht und sei bildungsungerecht. Kinder aus weniger privilegierten Haushalten seien im Nachteil. Sehen Sie das auch so?
An unserer Schule kann ich das nicht bestätigen. Ich empfinde es so, dass hier auf eine Chancengleichheit wert gelegt wird. Außerdem spielen viele Faktoren eine Rolle.
Die Initiative fordert eine Schule, die Kinder wachsen lässt, ohne Angst vor einem Übertrittszeugnis. Würden Sie das auch für eine gute Lösung halten?
Grundsätzlich ja. Ich denke, wenn die Empfehlung der Eltern in Absprache mit den Lehrern maßgeblich wäre wie das auch in anderen Bundesländern ist, wäre schon viel geholfen. Man müsste sich insgesamt ansehen, was den Kindern am meisten hilft.

