Süddeutsche Zeitung

Pendler:Unterhaching träumt von einer U-Bahn

Viele wünschen sich einer Verlängerung der U 1 vom Mangfallplatz vor die Stadttore. Doch das Beispiel Garching zeigt, dass es einen sehr langen Atem braucht - und viel Überzeugungskraft.

Von Iris Hilberth und Michael Morosow, Unterhaching

Wir schreiben das Jahr 2035. Am U-Bahnhof Unterhaching drängen sich die Pendler und warten auf die U 1 Richtung München Stadtmitte. Aus der Gegenrichtung strömen die Mitarbeiter der großen Unternehmen im Gewerbegebiet Nord aus dem Untergrund nach oben. So ungefähr stellt man sich die Zukunft Unterhachings im Gemeinderat vor und trifft damit durchaus den Nerv der Bürger. Eine Verlängerung der U 1 vom Mangfallplatz vor die Stadttore wäre eine feine Sache, finden viele, die S-Bahn-Störungen und überfüllte Waggons satthaben.

Noch sind solche Pläne Utopie, oder wie es im Rathaus heißt: "perspektivisch". Gleichwohl aber eine ernst gemeinte Vision. Denn Unterhaching will diese zusätzliche "schienengebundene Anbindung" bei der Fortschreibung des Regionalplans in das Konzept mit aufgenommen haben. Den "ersten Aufschlag" nennt Rathaussprecher Simon Hötzl diesen Vorstoß.

Auch im Norden wird eine Verlängerung der U4 diskutiert

Auch im Norden schielen verschiedene Gemeinden Richtung U-Bahn und begehren für die Zukunft eine Anbindung an das unterirdische Netz. Entsprechend fordern Bürgermeister der Nordallianz eine Verlängerung der U 4, die derzeit am Arabellapark endet. Eine diskutierte Variante sieht die Weiterführung bis in den Aschheimer Ortsteil Dornach vor. In den Regionalplan wollen die Rathauschefs aus dem Norden eine Trambahn zwischen den U-Bahnlinie U 2 und U 6 schreiben.

Klar ist allen Befürwortern solcher Ideen: Es braucht einen langen Atem. Von heute auf morgen gräbt sich keine U-Bahn vom Mangfallplatz Richtung Unterhaching. Bei dem bislang einzigen Zug durch den Untergrund im Landkreis, der U 6 nach Garching, hat es viele Jahre gedauert, bis an den Stationen im Norden der Stadt der erste Fahrgast seine Streifenkarte stempeln konnte. Allein für die Planungen waren von 1988 an viereinhalb Jahre nötig, und da war man sich zuvor immerhin schon einig geworden, dass eine U-Bahn vom Marienplatz in den nördlichen Landkreis benötigt wird. Fertig war das erste Teilstück bis Hochbrück im Oktober 1995. Schnell war klar: Bauen wir doch gleich weiter bis Garching und zum Forschungszentrum der Technischen Universität (TU). Bis zum Jahr 2000 - so hatten die Politiker ausgerechnet - könnte die Verlängerung fertig sein. Tatsächlich fuhr die erste Bahn im Oktober 2006 erstmals bis zu ihrem heutigen Endhaltepunkt.

Auch in die andere Richtung der U 6 soll der Bau bald losgehen. Ende dieses Jahres sollen die Detailplanungen für die Verlängerung zum Campus Martinsried beginnen, der Spatenstich ist für das Frühjahr 2018 avisiert. Vorangegangen waren langwierige Verhandlungen zwischen dem Freistaat und der Gemeinde Planegg.

Garchinger Verwaltung war massiv mit U-Bahn-Bau beschäftigt

Garching hatte die Planungen damals der Stadt München überlassen, das dortige U-Bahn-Referat hatte schließlich im Gegensatz zum Garchinger Rathaus Erfahrung mit dieser Materie. "Trotzdem war die Verwaltung massiv beschäftigt", erinnert sich der ehemalige Bürgermeister Manfred Solbrig (SPD), in dessen Amtszeit der unter seinem Vorgänger und Parteigenossen Helmut Karl begonnene U-Bahn-Bau vollendet wurde. Allein die Vergaben und die Fahrplaneinbindung hatten viel Zeit gekostet. Später rühmten die Politiker den U-Bahn-Bau als "Glanzstück kommunaler Zusammenarbeit". Solbrig bezeichnet die U-Bahn heute noch als "einen Segen", sagt aber auch: "Ohne die TU hätten wir sie nie bekommen."

Allerdings hatte Garching zuvor überhaupt keine Schienenanbindung. Das sieht in Unterhaching mit der S-Bahn ganz anders aus. Daher gibt sich die Münchner Verkehrsgesellschaft (MVG) äußerst zurückhaltend, was eine Verlängerung der U 1 betrifft. "Solange es dazu noch keine Untersuchungen gibt, können wir dazu nichts sagen", stellt deren Sprecher Matthias Korte klar. "Es wäre also erst einmal Sache der Gemeinde oder des Landkreises, eine solche in Auftrag zu geben." Korte bezweifelt allerdings, dass das Fahrgastpotenzial ausreichen würde, zumal es ja in Unterhaching die S-Bahn gebe. Der Fokus beim U-Bahn-Ausbau liege zudem nicht am Rand des Netzes, sondern vielmehr im Innenstadtbereich.

Verlängerung der Tramlinie 17 wäre eine Alternative

In Unterhaching sieht man das anders. "Unsere Argumente sind stichhaltig, wenn man der Vernetzung von Stadt und Land das Wort redet", findet Rathaussprecher Hötzl. Vor allem wenn man sage, man wolle keinen Autobahn-Südring, sei die Verlängerung der U-Bahn ein "logischer Schritt". Denkbar wäre auch eine Verlängerung der Tramlinie 17 über die Schwanseestraße bis zum Fasanenpark in Unterhaching. Auch könne die Untergrundbahn schließlich oberirdisch parallel zur S-Bahn geführt werden. Die Kosten zumindest würde das erheblich reduzieren.

Wie teuer der Unterhachinger Anschluss wäre, dazu will keiner eine Prognose wagen. "Das hängt von so vielen Faktoren ab", sagt eine Sprecherin des Baureferats der Stadt München und nennt die Beschaffenheit des Geländes, die Streckenführung und die Anzahl der benötigten Bahnhöfe. Für die knapp vier Kilometer der U 6 zwischen Fröttmaning und Hochbrück wurden damals 79 Millionen Mark, etwa 40 Millionen Euro, ausgegeben. Darin enthalten waren die gesamten Baukosten, inklusive Grunderwerb und U-Bahn-Zug. Der Freistaat zahlte einen Zuschuss von 90 Prozent. Garching blieben Baukosten von knapp acht Millionen Euro.

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SZ vom 06.08.2016
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