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Energiewende:Zwei Schritte vor, einer zurück

Schmuckfoto München Nord Unterföhring

Das Heizkraftwerk in Unterföhring fließt ebenso in die Statistik ein wie die Autos der Landkreisbürger und der Durchreiseverkehr auf den Autobahnen.

(Foto: Florian Peljak)

Im Landkreis ist der Pro-Kopf-Ausstoß an Treibhausgasen von 2010 bis 2018 um 15 Prozent zurückgegangen. Vor allem beim Verkehr gäbe es noch viel zu tun - die Zahl der Autos stieg zuletzt sogar wieder an.

Von Iris Hilberth

Der Klimaschutz im Landkreis München ist an konkrete Zahlen geknüpft. Sechs Tonnen Treibhausgas pro Einwohner lautet das Ziel, auf das sich die 29 Kommunen vor vier Jahren verständigt haben. Erreicht werden soll es im Jahr 2030. Das wäre dann eine 54-prozentige Reduzierung seit 2010, als die Treibhausgas-Emission pro Einwohner 11,5 Tonnen betrug. Ein nun vorliegender Zwischenbericht des Landkreises zeigt: Zwischen 2010 und 2018 konnten die Emissionen um etwa 15 Prozent auf 9,7 Tonnen gesenkt werden, also um etwa ein Drittel der beabsichtigten Reduzierung. Lässt man die Autobahnen bei dieser Rechnung außer acht, betrug der Wert vor zwei Jahren 7,4 Tonnen pro Einwohner.

"Es ist noch ein Stück des Weges zu gehen", heißt es in dem Bericht, die Reduktion um weitere 32 Prozent sei noch erforderlich. "Wir sind mit einem bunten Baukasten an Maßnahmen unterwegs und müssen schauen, wie wir den zur Anwendung bringen", sagte Landrat Christoph Göbel (CSU) bei der Präsentation der neuesten Zahlen im Ausschuss für Energiewende vergangene Woche. An verschiedenen Stellschrauben soll noch weiter gedreht werden. Für schnell umsetzbar hält der Landrat weiterhin den Ausbau des öffentlichen Nahverkehrs: "Darauf sollen wir uns konzentrieren", sagte er.

Zwischen 2016 und 2018 sind die Fahrgastzahlen in Regionalbussen um 26 Prozent auf 29,3 Millionen gestiegen. Laut dem Bericht wird es in den kommenden Jahren entscheidend darauf ankommen, wie sich die Elektromobilität entwickelt. Der Verkehr war 2018 für 38,4 Prozent der THG-Emissionen verantwortlich. Der Anteil des motorisierten Individualverkehrs lag bei 96,4 Prozent. Die Anzahl der motorisierten Fahrzeuge pro tausend Einwohner ist zwischen 2010 und 2016 von 817 auf 771 gesunken, was 5,6 Prozent entspricht. In den beiden darauffolgenden Jahren allerdings hat die Zahl wieder um 8,4 Prozent zugenommen, sodass sie 2018 bei 836 lag. Überdurchschnittlich viele Fahrzeuge pro tausend Einwohner gibt es in Pullach (2061), Garching (1228), Grasbrunn (1127) und Oberhaching (1162), die wenigsten in Haar (618), Unterhaching (644) und Höhenkirchen-Siegertsbrunn (645).

Die Höhenkirchner sind auch bei den Gesamt-Emissionen pro Einwohner vorbildlich und haben mit 3,4 Tonnen das Ziel praktisch schon erreicht. Allerdings hat die Gemeinde weder eine Autobahn, noch allzu viel Treibhausgase durch Industrie, was andernorts die Bilanz verhagelt. Das benachbarte Brunnthal etwa liegt ohne Autobahn bei 6,9 Tonnen, mit dem Verkehr, der auf der Fernstraße vorbeirauscht, gleich mal bei 31,6 Tonnen. Auch Straßlach-Dingharting (4,5), Ottobrunn (4,9) und Neuried (4,0) können sich da glücklich schätzen. Die Ottobrunner verursachen aber auch durch den Verkehr insgesamt mit 0,6 Tonnen vergleichsweise wenig Treibhausgase pro Einwohner. Auch Grünwald ist da mit 0,7 am unteren Ende der Liste, während Oberschleißheim (4,1), Baierbrunn (2,8), Ismaning (2,6) und Grasbrunn (2,5) am meisten Gas geben.

Treibhausgase

Der Landkreis und seine 29 Gemeinden haben sich 2016 mit der Initiative 29++ auf die Reduzierung von Treibhausgasen verständigt. Eine zentrale Säule des Handlungsprogramms war dabei die Implementierung eines Energiecontrollings für den gesamten Landkreis. So soll es künftig möglich sein, das Handeln im Landkreis regelmäßig zu überprüfen, zu hinterfragen und gegebenenfalls nachzusteuern. Der Treibhausgas-Bericht soll dazu beitragen, bereits begonnene Maßnahmen auf ihre Wirksamkeit zu prüfen und neue, passgenaue Klimaschutzaktivitäten speziell für die jeweilige Gemeinde zu entwickeln. Als Treibhausgase werden Gase in der Atmosphäre bezeichnet, die einen Einfluss auf die Energiebilanz der Erde haben. Die bekanntesten Treibhausgase sind Kohlenstoffdioxid, Methan und Lachgas.hilb

Im gesamten Landkreis sind die Emissionen in privaten Haushalten seit 2010 von 2,5 auf 1,7 Tonnen zurückgegangen. Über dem Durchschnitt liegen vor allem Grünwald (2,6), Gräfelfing (2,3), Planegg (2,3), Pullach (2,2) und Ottobrunn (2,2). Die Treibhausgase der Industrie schlagen vor allem in Garching (13,6), Pullach (10,9) und Unterföhring (12,4) zu Buche.

Die erzeugte erneuerbare Energie entsprach 2018 im Landkreis 15,7 Prozent des Strombedarfs und 20,3 Prozent des Wärmebedarfs. Die Spitzenplätze belegen hier Baierbrunn mit 218,8 Prozent beim Strom, Aying mit 106 Prozent beim Strom und 53,5 bei der Wärme, Brunnthal mit 89,7 bei Strom und 52,1 bei Wärme, Oberhaching mit 59 Prozent bei Strom, Sauerlach mit 72,1 bei Strom und 60,7 bei der Wärme, Straßlach-Dingharting mit 67,7 bei der Wärme. Die Zahl der Photovoltaik-Anlagen hat sich insgesamt um 17,5 Prozent, die installierte Leistung um 25 Prozent erhöht.

Da dadurch aber erst 4,3 Prozent des Stroms erzeugt wird, ist laut dem Bericht hier noch "viel Potenzial". Von 70 000 Gebäuden werden nur 4800 für solche Anlagen genutzt, die meisten in Unterschleißheim, Unterhaching, Sauerlach, Ottobrunn, Oberhaching, Höhenkirchen-Siegertsbrunn, Brunnthal und Aying. Da bei Neubauten die Beheizung mit Wärmepumpen oder Strom eine größere Rolle spielen werde, soll die Anstrengung nicht nachlassen. Die Landkreisverwaltung empfiehlt daher auch, die gesamten Dächer der Häuser zu belegen.

© SZ vom 06.10.2020/hilb

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