Tradition oder Tabubruch:Partyzone am Maibaum

Tradition oder Tabubruch: Maibaum-Brauch als Massenspektakel: Auf "Burschen-TV" nimmt Moderator "Rudi Rüssel" die Zuschauer mit auf eine Tour zu den Wachhütten im Landkreis.

Maibaum-Brauch als Massenspektakel: Auf "Burschen-TV" nimmt Moderator "Rudi Rüssel" die Zuschauer mit auf eine Tour zu den Wachhütten im Landkreis.

(Foto: Youtube)
  • Im Landkreis München wird gefeiert: Die Maibaum-Wachhütten haben sich zu Partyzonen entwickelt.
  • Viele Burschenvereine organisieren Veranstaltungen rund um die Maibaumwache - Abba-Partys, Mexican-Nights und Auftritte von Stripperinnen inklusive - und machen damit ordentlich Geschäft.
  • Manche Bürger fürchten um Tradition und Brauchtum - das sehen aber nicht alle so.

Von Iris Hilberth und Bernhard Lohr

Es ist gar nicht lange her, da kämpften die Burschen in den Wachhütten einen tapferen Kampf gegen die Müdigkeit. Sie saßen in ihren Bauwagen, mühten sich, den ihnen anvertrauten Maibaum nicht aus dem Blick zu verlieren. Dazu stand ein Tragerl Bier im Eck, oder auch zwei, und wenn es mal etwas lustiger zuging, dann saßen 20 Leute beisammen. Mehr Platz war gar nicht. Vor zehn Jahren war das noch so. Brunnthals Bürgermeister Stefan Kern erinnert sich gut an solche Abende, als er selbst im Burschenverein seiner Heimatgemeinde aktiv war. Doch die Zeiten haben sich gehörig geändert. Die Wachhütten haben sich zu Partyzonen entwickelt. Sechs Wochen durchfeiern, Events mit Hunderten Gästen - im Landkreis ist das kein Einzelfall.

Dabei lassen es die jungen Leute teilweise gewaltig krachen. Die Burschen in Taufkirchen setzen da in diesem Jahr die Maßstäbe. Nicht nur, dass sie im März den Harlachingern ihren Maibaum klauten und ihn sich mit einer ausgiebigen Brotzeit auslösen ließen. Sie feiern auch ohne konkreten Anlass. Sie luden Stripperinnen zum Tabledance in ihre Wachhütte, und tags darauf folgte der Männerstrip, damit auch die Mädels nicht zu kurz kommen. Bei den Burschen in Siegertsbrunn gab es Bullriding und bei denen in Faistenhaar eine "Blaulichtparty" und - auch das gibt es - einen Auftritt der Berliner Punkrocker von Bella Wreck.

Veranstaltungen, bei denen hundert oder mehr Jugendliche aufkreuzen, meist in Dirndl oder Lederhose. Man ist vernetzt, trifft sich mal hier, mal dort. Mittendrin: die Junge Union. Mit dem Reisebus geht es auf "Wachhütten-Tour" zum Party-Hopping. Die Stationen: Taufkirchen, Faistenhaar, Siegertsbrunn und Grasbrunn. Gesponsert hat das Ganze der CSU-Bundestagsabgeordnete Florian Hahn, der sogar in seiner Geschäftsstelle mit Plakaten für das Ereignis wirbt.

"Mexican Night" in Siegertsbrunn, Abba-Songs in Taufkirchen

Man muss das nicht schlimm finden. Heute wird eben anders gefeiert. Das sagen viele. Andreas Pöttinger zum Beispiel, Vorsitzender der Burschen in Siegertsbrunn, ist der Meinung: "Es geht alles mit der Zeit." Irgendwann habe es sich halt ergeben, dass man "mehr bieten" müsse als ein paar Träger Bier und Musik vom Band. Die Leute hätten danach gefragt. Ein Burschenverein habe geschaut, was der andere mache. Pöttinger verhehlt dabei nicht, dass die Burschen mit den Festen mittlerweile ein gutes Geschäft machen. Wobei er findet, dass die Siegertsbrunner es insgesamt noch recht ruhig angehen lassen - im Gegensatz etwa zu Sauerlach, wo an diesem Samstag bereits der zwölfte Termin seit Ende März im Kalender steht.

Tradition oder Tabubruch: Bullriding in Siegertsbrunn

Bullriding in Siegertsbrunn

(Foto: Youtube)

Am Freitagabend war nun in Siegertsbrunn "Mexican Night", in Taufkirchen trat zeitgleich eine Abba-Coverband auf. Der Karten-Vorverkauf lief prächtig, bestätigt der Taufkirchner Burschen-Vorsitzende Florian Büchlmeier. Die für Samstag engagierte Band "Münchner Freiheit" zog zwar nicht ganz so gut, obwohl die Burschen im ganzen Ort eifrig plakatiert hatten. Dennoch sei finanziell alles im grünen Bereich, vor allem auch weil das Wetter mitspielt. Dauerregen hätte ihnen die Tour vermasseln können, denn dann wäre das große Festzelt, das seit Wochen am Heimgarten steht, keine optimale Location mehr für die Dauerparty. Für diesen Fall aber hatte die Gemeinde eine Bürgschaft von 25 000 Euro übernommen.

Abba-Party, Striptease-Tänzerinnen, Maibaumsegnung

Mancher wundert sich, wohin sich das alles entwickelt hat. Als Brunnthals Bürgermeister Kern nach der Bürgerversammlung in Faistenhaar "selbstverständlich" auf ein Bier bei der Wachhütte vorbeischaute, staunte er, als plötzlich drei Reisebusse mit Ebersberger Kennzeichen ankamen und 120 Leute in Dirndl und Lederhose ausstiegen. Zwar gibt es hier noch Blasmusik und Kesselfleischessen, aber auch in Faistenhaar entblättert sich um 2 Uhr in der Nacht eine Stripperin.

"Das sind ja Events", sagt Kern, "super-professionell" aufgezogen und nicht mit früher zu vergleichen. "Es ist echt krass mittlerweile", findet der Rathauschef, auch stark kommerzialisiert. Er sei überrascht, dass die Wirte diese Konkurrenz unwidersprochen hinnähmen. Robert Huber, Gemeinderat der Parteifreien Wählergruppe Brunnthal, war zehn Jahre lang Vorsitzender der Faistenhaarer Burschen und hat 2010 die vorherige Wachhütten-Saison im Ort organisiert. Live-Bands gab es damals noch nicht. "Die vergangenen zehn Jahre ist das explodiert", bestätigt er und fragt sich, ob da nicht etwas aus dem Ruder laufe. Abba-Party, Striptease-Tänzerinnen - und am 1. Mai segnet der Pfarrer den Maibaum.

Tradition oder Tabubruch: Lederhosen in Taufkirchen

Lederhosen in Taufkirchen

(Foto: Burschenverein Taufkirchen)

Huber hat da schon Bauchweh. "Mit Tradition hat das nicht mehr viel zu tun", findet er. Vor allem die Alten im Dorf kämen da nicht mehr mit. Peter Riedl, aktuell Vorsitzender der Faistenhaarer Burschen, wiegelt ab: Es gehe ja nicht immer rund in der Hütte. Die Tradition werde hochgehalten. Gefahr sieht er eher von anderer Seite. Die Bürokratie werde immer mehr, beklagt er. Wer etwa einen Maibaum stehle, müsse - genau genommen - einen Schwertransport anmelden. Absurd, findet Riedl, aber leider Realität. Und ehe man sich's versehe, mache man sich strafbar.

Wie viel Brauchtum beim Feiern übrigbleibt

Einen Effekt hat der aktuelle Hype auf jeden Fall auch: Die Burschenvereine erleben einen Zulauf wie seit langem nicht. Dirndl und Lederhosen sind in den Dörfern in der sechs oder sieben Wochen dauernden Wachhütten-Zeit angesagt, als ginge es jeden Tag zum Oktoberfest. Bürgermeister Kern hat das bei Jugendlichen erlebt, die aus dem Trachtenverein ausgetreten seien, aber jeden Abend - ob krank oder gesund - zu einer Wachhütten-Party gegangen seien. Das Ritual um den Maibaum an sich wird seiner Einschätzung nach auch durchaus ernst genommen. Bäume werden gefällt, ins Dorf geholt, aufwendig bearbeitet und geschmückt und, wenn irgendwie möglich, per Hand und Stangen auf traditionelle Weise aufgestellt. Nur negativ will er die Entwicklung nicht sehen. "Tradition wird ein Stück weit vermittelt", sagt er.

Auch Günter Staudter, Heimatpfleger in Unterhaching, ist froh, dass die Burschenvereine die Tradition mit dem Maibaum weiterhin hochhalten. "Das gehört zum Brauchtum einfach dazu." Auch früher habe es bei den Wachen durchaus Besäufnisse gegeben. "Das ist eben der Kollateralschaden bei der Sache", meint er. Von Striptease in Wachhütten allerdings habe er früher nichts gehört.

Taufkirchens Heimatpfleger Peter Seebauer kennt das Programm seiner Burschen durchaus, sieht die Sache aber ganz entspannt. "Das sind eben junge Leute", sagt er, und deren Art des Feierns entspreche nun mal dem Zeitgeist. Problematisch wäre es doch nur, wenn etwas Illegales gemacht würde. Er kenne viele Burschen persönlich, "das sind ganz vernünftige junge Leute", sagt Seebauer. Wichtig sei denen vor allem das Fest am 1. Mai. "Und das ist weiterhin ganz traditionell."

© SZ vom 25.04.2015/infu
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