Theateraufführung Jeden Cent wert

Vier gewinnt? Von wegen. Während die Banker Paul Kaiser (li.), Marc-Phillip Kochendörfer (3.v.l.) und Anleger (Philipp Koschitz) fein raus sind, ist der Sparer (Butz Buse, 2. v.l.) stets der Dumme.

(Foto: Angelika Bardehle)

Das Metropoltheater zeigt in Pullach seine hoch gelobte Inszenierung von Ulf Schmidts Geldstück "Schuld und Schein" über das unselige Wesen des Finanzsystems. Die Vorstellung im Bürgerhaus ist so klug wie fesselnd.

Von Udo Watter, Pullach

Herr Kaiser ist offenbar mit einer diabolischen ökonomischen Intelligenz gesegnet, und er weiß sie in hübsche Metaphern zu kleiden: "Man muss das Wasser langsam erwärmen, damit der Frosch nicht merkt, dass er geschmort wird". Ob die Metapher der biologischen Wahrheit entspricht oder nicht, ist egal - um Wahrheit im engeren Sinn geht es an diesem Abend nicht. Wahrheit ist ja nach gängiger philosophischer Definition ohnehin keine Eigenschaft der Wirklichkeit, sondern nur eines Verhältnisses, das wir zu ihr einnehmen. Und selbst wenn den Sparer und Kleinanleger mal eine Andeutung von Wahrheit anweht, ihm leise dämmert, dass er für dumm verkauft wird und er fragt: "Und was habe ich davon?" - dann reagiert der Banker verächtlich: "Hat der Frosch was gesagt?"und fügt hämisch hinzu: "Quak, Quak." Beide Antagonisten haben in dieser Szene den Blick aufs Publikum gerichtet, denn miteinander auf Augenhöhe reden, sich in die Augen schauen zu können, das würde nicht passen.

Insgesamt sind es an diesem Abend im Pullacher Bürgerhaus fünf Männer, die auf der Bühne stehen, und die meiste Zeit davon sind sie frontal den Zuschauern zugewandt, ihnen die wunderbare Welt der Geldvermehrung und Geldvernichtung, des Konsums und der Finanzjonglage darlegend: zwei Banker (dargestellt von Paul Kaiser und Marc-Philipp Kochendörfer), ein Sparer (Butz Buse), ein Anleger (Philipp Moschitz) sowie Herr Kaiser, der den Staat verkörpert (Hubert Schedlbauer), und der mit dem eingangs erwähnten Bonmot die Wirkung der sanften Inflation beschreibt. Simpel gesagt: Die Reichen und Mächtigen profitieren, das Gros der Bürger wird sukzessive zum ökonomischen Verlierer: "Fiat pecunia - es werde Geld". Alles Schein.

Das Stück "Schuld und Schein" von Ulf Schmidt, welches das beeindruckende Schauspielerquintett - alle Mitglieder des Metropoltheaters - an diesem Abend zeigt, ist mehrfach ausgezeichnet worden, und sein Anspruch, das Publikum aus der Ohnmacht des Unwissens zu erwecken und das Dickicht des gar nicht so komplizierten Finanzsystems zu entwirren, erfüllt es auf eine so kluge wie mitreißend unterhaltsame Art.

Die Inszenierung von Metropoltheaterchef Jochen Schölch (Dramaturgie Katharina Schöfl) entfaltet ihre Wirkung vor allem durch die Reduktion auf das Wesentliche, guten Rhythmus und Einfallsreichtum bei den selbstgebastelten Requisiten. Es ist so, wie es Thomas Flach, Regisseur am Metropoltheater, beim Vorgespräch im Foyer mit der Pullacher Bürgerhausleiterin Hannah Stegmayer erklärt hatte: "Wir versuchen bei unseren Inszenierungen, über den Bauch in den Kopf zu gelangen und hoffen, damit zum Denken anzuregen."

Tempo und Timing stimmen bei "Schuld und Schein". Die 14 Szenen, in den die fatale Geschichte der Finanzsystem erzählt werden, gehen - unterbrochen von der Pause - geschmeidig ineinander über. Die Choreografien sind gelungen, der dafür verantwortlich zeichnende Moschitz ist auch das begabteste Bewegungstalent des Schauspielerensembles, tänzerisch und sängerisch hat er die tragendste Rolle. Immer wieder werden die satirischen, durch wolkige Finanzjargonphrasen geprägten Szenen von Musikeinlagen unterbrochen. Besonders packend ist "Money makes the world go round" aus dem Film "Cabaret", auch "Ich wär so gerne Millionär" von den Prinzen erklingt und Abbas "Money Money." Ein weiterer Hit des schwedischen Popquartetts passt ebenfalls wunderbar in die kompetitive Welt des Kapitalismus: "The Winner Takes it All". Dass hier Sparer und Anlieger, die ein großes A auf ihre T-Shirt tragen, außen stehen und zwischen ihnen die zwei Banker mir dem B auf dem Shirt, ist natürlich kein Zufall.

Genauso wenig, dass beide Teile mit dem musikalischen Intro aus der "Sendung mit der Maus" beginnen, einer Sendung, bei der kindgerecht Wissen und Funktionsweisen von Alltagsgegenständen erklärt werden. Der vermeintlich so komplizierte und undurchschaubare Finanzkosmos ist nämlich aus Ulf Schmidts Perspektive gar nicht so schwer zu durchdringen, auch die Verschleierungsstrategien der Investmentbanker, Fondsmanager (und bereits der Frühkapitalisten) sind nicht so clever, wie diese meinen. Dass Schölch am Anfang einen Banker unverständliches Schwyzerdütsch sprechen lässt, ist dabei eine der weniger subtilen, leicht kalauerhaften Symboliken.

Alles beginnt mit einem konkreten Goldstück, das zur Aufbewahrung hinterlegt werden soll, dann geht es von Leihgeschäften über Wettbewerb und Unternehmensbeteiligung, Steuern, Krieg, Aktien, Inflation bis hin zu Derivaten und Zinsverfall - die Geldzirkulation wird in ihrer Gänze thematisiert, auch die fiktive und digitale. Butz Buse als naiver Kleinsparer fällt dabei immer wieder herein auf die Versprechungen der Finanzleute. Manchmal stehen er oder auch die beiden Banker in ihrer Dummheit, Gier oder maliziösen Freude zur Fratze erstarrt im Raum. Schuld hat am Ende, als die Blase platzt, natürlich keiner. Außer einem vielleicht: "Du hast nicht viel genug konsumiert" wird dem Sparer vorgeworfen. Überhaupt: "Konsum ist das Zauberwort." Die Analyse des "bösen" Finanzsystems kommt aber nicht moralinsauer daher, sondern fast heiter-satirisch und dennoch erhellend: "Verkündigung, nicht Begründung", ist ein wesentliches Gebot für Notenbankchefs wie den legendären Alan Greenspan, der so gern nebulös vor sich hin murmelte und die Börsen damit erzittern ließ.

Es ist die Gier der Großen, die prägend ist und unerträglich, aber vielleicht auch der Kleinen: Butz Buse als Sparer ist mit seinen Wohlstandswünschen durchaus spiegelbildlich für viele Bürger. Am Ende gibt es eine Talkshow, in der noch mal nach der Schuld gefragt wird - dass letztlich wieder der kleine Mann bluten wird, ist klar und in der Deutung eventuell auch ein wenig plakativ. Zitiert werden danach noch Bonmots: von üblichen Verdächtigen (Bert Brecht: "Was ist der Einbruch in eine Bank gegen die Gründung einer Bank?"), fassungslos machende Aktionen wie jene der Deutschen Bank, die auf das Ableben von Senioren wetten ließ, ehe alles in einen Spruch Henry Fords mündet: "Eigentlich ist es gut, dass die Menschen unser Banken- und Währungssystem nicht verstehen. Würden sie es nämlich, so hätten wir eine Revolution noch vor morgen früh." Vielleicht wäre die wirkmächtigste Revolution indes, auf den ständigen Konsum zu verzichten, zu sagen: "Ich bin zufrieden."