Theater:Pünktlich kommt die Todesangst

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anna funk, regisseurin 'jedermann', ottobrunn

Stellt auch die zeitlose Frage nach der Existenz Gottes: die Münchner Regisseurin Anna Funk.

(Foto: Ingrid Theis)

"Jedermann"-Inszenierung in Ottobrunn mit Lokalmatadoren

Von Cathrin Schmiegel, Ottobrunn

Jedermann hat lange nicht zu Gott gefunden. Es brauchte schon die Todesangst, um das zu ändern. Die kam wie immer pünktlich, kurz vor dem Ableben. "O Herr und Heiland steh mir bei, zu dir ich um Erbarmen schrei", heißt es in den letzten Zeilen aus Hugo von Hofmannsthals Theaterstück "Jedermann. Das Spiel vom Sterben des reichen Mannes". Da steigt der Protagonist gerade in sein Grab herab. Zuvor noch hat der die - für den Seelenfrieden dringliche - Metamorphose durchlebt: vom reichen, narzisstischen Mitglied einer egozentrischen Oberschicht zum frommen Bürger. Das Stück wird alljährlich bei den Salzburger Festspielen aufgeführt. Am Freitag, 10. Juli, bringt es die Münchner Regisseurin Anna Funk ins Wolf-Ferrari-Haus nach Ottobrunn. Beginn ist um 20 Uhr.

Das Stück des österreichischen Dramatikers ist schon hundert Jahre alt, von seiner Symbolkraft hat es bis heute nichts verloren: Jedermann, so hat von Hofmannsthal gleichermaßen provokant und durchschaubar seine Hauptfigur getauft, stellt sich Fragen, die durchaus aktuell sind. Er fragt danach, wie viel man zurückgeben muss, wie viel man sich zu kümmern hat um diese Welt und nicht zuletzt, inwiefern man sich dabei nach Gott richten muss. Zuvor natürlich bleibt zu klären, ob es eben jenen Gott denn gibt.

"Die Thematik ist zeitlos", sagt Anna Funk. Die Suche nach einem Sinn im Leben werde immer dann betrieben, wenn es schlecht aussieht für einen selbst. Für Jedermann ist in der Inszenierung dieser Moment gekommen, als ihm der Tod selbst erscheint und ihm sein Ableben prophezeit. "Ich selbst stelle mir solche Fragen in Teilen auch", sagt Funk. Neben der Arbeit als Regisseurin unterrichtet die 33-Jährige Deutsch und Religion.

Die Schicksalsfragen, die der Hofmannsthal-Jedermann sich stellt, sind nicht geschlechtsspezifisch. Davon ist Funk überzeugt. Sie hat die Rolle des Jedermann einer Schauspielerin gegeben: "Ich hatte Ulrike Dostal schon beim Planungsprozess im Kopf", sagt Funk. Das Originalstück selbst führt den Zuschauer ins 16. Jahrhundert, in das Leben eines reichen Mannes, der sich erst um das Schicksal anderer kümmert, als seines schon lange besiegelt ist. Funk hat das Stück in die heutige Zeit übersetzt, metaphorisch: Am Text hat sie nur marginale Änderungen vorgenommen. "Nur im ersten Teil haben wir ihn etwas angepasst", sagt Funk. Statt in den Tod führt Funk die Protagonistin etwa in die Midlife-Crisis mit Todesangst. Die Fragen bleiben auch hier dieselben, manche Szenen mussten angepasst werden und manche Figuren. Der Nachbar des Jedermann wird etwa zur Prostituierten, der Geselle zum It-Girl aus der Maximilianstraße. Das Stück selbst soll mit der Interpretation jedoch nicht ins Lächerliche gezogen werden. "Die Inszenierung ist keine Parodie", sagt Funk. "Ich mag es nicht, wenn die Anpassung der Sprache plötzlich Modernität ausdrücken soll." Die Szenen selbst dagegen bergen viel humoristisches Potenzial. Erst im zweiten Teil wird das Stück ernster, die Fragen teleologisch.

Funk hat Gefallen an dem Stück gefunden, sie tourt damit durch ganz Bayern; Abensberg, München, im Herbst kommt Regensburg dran. Im Juli gastiert das Ensemble in Ottobrunn. "Mir wäre es am liebsten, wir könnten ,Jedermann' noch zehn Jahre lang spielen", sagt Funk und lacht. "Das Stück selbst verändert sich im Laufe der Zeit: Schauspieler kommen und gehen, für manche Szenen hat man plötzlich Verbesserungsvorschläge." Bei der Umsetzung ihrer Rolle macht sie wenige Vorschriften. Die Inszenierung entwickelt sich aus sich selbst heraus.

Dass "Jedermann" in Ottobrunn einen Stopp einlegt, dürfte kaum Zufall sein. Funk selbst hat dort ein Jahr lang unterrichtet, einige Mitwirkende haben einen Bezug zum Ort. Neben früheren Schülern des Gymnasiums Ottobrunn wie Lucy von Damnitz, Philipp Andriotis oder Andrian Marquis auch Tim Proetel: Der Kunstlehrer am Gymnasium mimt zusätzlich zur transzendentalen Rolle des Todes die des Glaubens und des Teufels. Selbst in dieser Dreifachbesetzung dürfte mancher Symbolkraft finden.

Karten im Vorverkauf gibt es unter 089/608 08 300 und per E-mail unter jedermann2015@gmx.de.

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